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Jeschurun · 1887-10-20 · Heft 41-42 (20.10.1887) · p. 662

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 41-42 (20.10.1887)
Article
Gottesbegriff und Naturwissenschaft
Date
1887-10-20
Page
662 (sequence 2)
Language
German
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«63 Dogma Dow der Ewigkeit der lebenden Welt zu gewahren, ift noch jedes mal gescheitert. Die Menschen glauben mit gutem Grund, dag cs eine Zeit gegeben hat, wo noch kein Lebewesen existirtc, und sic wollen wissen, wo der Anfang des vcbcn* zu juchen sei, und wie das -Leben inmitten der unbekannten Welt begönnen hat. Wer diesem Drängen nicht widerstehen kann, dein bleibt schließlich nur die Wahl zwischen dem Dogma von der Schöpfung und dem Dogma von der Urzeugung, der gesannnten Geueratio aequivoca. Keines dieser Dogmen ist ein Gegenstand der Forschung, denn noch nie ist ein lebendes Wesen oder auch nur ein lebendes Element, sagen wir eine lebende Zelle, gefunden worden, von denen man hätte sagen können, sic seien die ersten ihrer Art gewesen. Noch nie ist auch nur ein versteinerter Rest entdeckt worden, an dem die Möglichkeit hcrvorgctrctcn wäre, daß er einem ersten oder durch Urzeugung entstandenen Wesen angehört habe. Es ist allerdings noch nicht lange her, daß man selbst vollkommen entwickelte Wesen, z. B. Eingeweidewürmer, durch Goneratio aequivoca entstehen Ließ; ja noch in unseren Tagen erhebt sich immer wieder die Frage, ob nicht gewisse niederste Wesen, namentlich solche, welche der Familie der Spaltpilze angchörcn, wenigstens anS organischer Substanz, aus den Trümmern früherer Zellen neu anfgebaut werden. Durch neuere Forschungen sind alle dicse Möglichkeiten zerstört. Die Eingeweidewürmer haben ihre erbliche Fortpflanzung so gut, wie die anderen Thicre, und seit Pasteur's entscheidenden Entdeckungen über die Geschichte der niedersten Pilzformen hat selbst die Praxis der Acrztc und Landwirthc sich aus die Erblichkeit dieser kleinsten Gebilde der organischen Welt eingerichtet. Auch die Asyle, welche die Urzeugung in der Pathologie gesunden hatte, sind geschlossen worden, seitdem die plastischen Exsudate und die Nohblastcmc ausgchört haben, als Mutterlaugen für die vorausgesetzte organische Krystallijatiou zu gelten. Es mag sein, daß eine andere Zeit die Mittel findet, auch in dieser schwierigen Angelegenheit mit einer objektiven Forschung cinzusctzen.-.— Die praktische Anthropologie beginnt erst mit der Quartär- oder Diluvialzcit, aus der in der That Schädel- und Skcletttheile erhalten sind, — nicht ganz so viele, als hier beschrieben worden sind, aber doch eine nicht ganz kleine Anzahl. Was lehren nun diese Ueberreste? Zeigen sie uns den Menschen aus einer niederen Stuft der körperlichen Entwickelung, wie sic sonst nicht bekannt ist'? Es hat eine Zeit gegeben, wo an vielen Orten mit einem gewissen Fanatismus aus diluviale Schädel gefahndet und von ihucn gesprochen wurde. ES würde zu lang sein, die Geschichte aller dieser Untersuchungen von den Schädeln von Engis und dem Neanderthat bis zum Unterkieserstück auS der Schipkahöhle vorzuführcn. Das Wesentliche ist, daß selbst die Fanatiker befriedigt waren, wenn sie den Charakter dieser Schädel dem Typus der Australier oder der Feucrländcr oder auch nur des Batavus geuuiunS, d. h. eines alten Friesen, annähern konnten. Der Abstand dieser These von dem. was man erwartet hatte, ist recht groß. Ein Australier rnag mancherlei Mängel oder Exzeßbildungen an sich haben, welche ihm einen einigermaßen thierischen Ausdruck verleihen. Früher nannte man das bestialisch, neuerlich hat man cS im Interesse der Deszendenztheorie für besser erachtet, cs pithckoid zu heißen. Aber jo bestialisch und so pithckoid der Australier auch sein n!ag, jo ist er doch weder ein Affe, noch ein Pre׳?.nthropoß; im Gegenlheil, er ist ein wahrer Mensch, und wenn unsere Borfahren einmal ebenso bcschasfen gewesen sein sollten, was, nebenbei gesagt, zweifelhaft ist, so dürfte daS für die Deszcndenzlchre ganz irrelevant sein. Fcncrländer sind in neuerer Zeit zu uns gekommen, wir haben sie kennen gelernt, cS sind sogar einige derselben mit aller erdenklichen Sorgfalt untersucht worden, und es hat sich gezeigt, daß unsere bisherigen Methoden nicht einmal ansreichcn, um prinzipielle Unlerschicdc von Euro׳ päern zu begründen. Daß sie im klebrigen Wilde oder, wenn man lieber will, Barbaren waren, darf uns nicht abhaltcu, ihren rein menschlichen Habitus anzuerkennen. Genug, die diluvialen Menschen, soweit wir von ihnen wissen, hatten keine unvollkommenere Organisation» als die heutigen. Nachdem wir in den letzten Jahren Eskimos und Tschukrschen. Araukancr und Kirgisen in Europa gesehen haben, nachdem von allen den als niederste bezcichnelcn Nassen wenigstens Exemplare zu uns gebracht sind, tarn! keine Rede mehr davon sein, daß irgend eine neue jetzige Menschenart wie ein Zwischenglied zwischen dem Menschen und irgend einem Thiere angesehen werden dürfte. Die Frage von der Abstammung des Menschen ist kein praktisches Problem, cs fehlt das praktische Material für die Untersuchung des Vormenschcn in den Zwischengliedern. Da der Mensch seiner körperlichen Organisation nach von den Sängcthicrcn nicht zu trennen ist, so hat die Annahme, Laß er nicht anders entstanden sein werde als die Thicre, eine große Wahrschcinlichkcit für sich. Weiter sind wir bis jetzt noch nicht mit der Deszcudcuzlehre. Für die Anthropologie hat sie bisher nichts gebracht, als den Nachweis, daß gewisse Hemmungs׳ oder Rezcßbildnngcn in einigen Bolksstämmcn häufiger sind, als bei anderen. Der große Eifer, mit welchem man in allen Wcltthcilcn nach geschwänzten Menschen gesucht hat, ist nicht ohne einigen Erfolg gewesen, obwohl noch jetzt nicht genau übersehen werden kann, in

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