Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 41-42 (20.10.1887)
- Article
- Das römische Ghetto
- Date
- 1887-10-20
- Page
- 661 (sequence 5)
- Language
- German
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661 Die Kinder erklärten, daß sie zum Christcnthilm übertreten wollen, und zwar um so schneller, je jünger sie waren: die zwölfjährige Camilla war nach zehn Tagen, die achtjährige Bcllaccia nach acht, der sechsjährige Inda nach fünf Tagen und der vierjährige Manncllo! schon nach vier Tagen von der Wahrheit des Christenthnms überzeugt. Am 22. Januar 1605 wurden die vier Kinder von Kardinal BaroninS getauft. Am 22. Mail 041 wurde Canosa, die Frau des Juden Angclo di Piuto, mit zwei Kindern ein gebracht, weil sie vor Zeugen sich und die Kinder zum Ucbcrtritt verpflichtet hatte. Am 2. Juli wurde sie als hartnäckige Jüdin entlassen, die Kinder — ein sechsjähriger Knabe und ein vierjähriges Mädchen — wurden getauft. Im September 1650 starb Salvator Spolctini angeblich als Christ in Perugia; seine Kinder im Alter von zwölf bis sieben Jahren wurden anfgegriffcn und getauft. Im Jahre 1755 starb ein Jude und hintcrließ eine Frau mit zwei kleinen .Kindern. Ein zum Christen- 11)11111 übcrgctrcteuer Onkel bemächtigte sich der Kinder und brachte sie zum Saut Ufsizio, wo sic getauft wurden; aber das Kleinste starb vor Schrecken während der Ceremonie. Unter Urban VIII. sagte ein Mönch den!. Juden Serotino, er solle ihm ein Kind zur Taufe geben, und versprach, der Papst selbst werde es taufen. Der Jude ging Anfangs darauf ein, bereute aber dann und sagte: ,-,Ich werde eher meine fünf Kinder tödten, als sic taufen lassen/' Die Sache wurde dem Papste berichtet, und dieser erklärte, wenn der Jude das eine vcrsprochenc Kind nicht gebe, solle man ihm alle nehmen. Darauf drangen die Sbirren ins Ghetto ein, es kam zum Kampfe mit den Juden, und schließlich wurden dem Serotino zwei Kinder, ein siebenjähriges und ein Säugling, entrissen und getauft. (Ocst. Wochcnschr.) 1!. 11. Gottesbegriff und UatiimissttlsW. Man hat unser Zeitalter mit Rücksicht auf die in ihm vorherrschende Richtung des geistigen und praktischen StrebenS mit Recht das naturwissenschaftliche genannt. Es soll hier nicht davon die Rede sein, welch gewaltig fördernden Einfluß die unaufhörlich wachsende und immer tiefer in alle Berufstlassen und Volksschichten eindringcndc Kenutniß der Natnrkräfte und ihrer zweckmäßigen Verwendung ausgcübt, sondern wir wollen einmal einen Blick auf die Schattenseiten dieses Fortschrittcs wenden. Denn so groß der Vorzug unserer Zeit ist, daß sie die Wissenschaft, auch die ernsteste, den höchsten Problemen des Gedankens gewidmete, ans dem Halbdunkel der Studirstnbe und den Schranken der Hörsälc auf den Hellen Markt des Gebens und in die Theiltiahme der Gesammtheit lockt, so darf man doch nicht außer Acht lassen, daß sich die Wissenschaft damit in die große Gefahr begicbt, von Vielen mißverstanden zu worden. Die große Menge wird geblendet von dem Ucbcrraschenden des Neuen, sie glaubt nunmehr alles Alte als Aberglauben und Vornrthcil über Bord werfen zu müssen, da sie sich am Endziel aller Erkenntniß angclangt zu sein wähnt — sie über״ holt damit ihre eigenen Lehrer und Verkündiger der neuen Botschaft, welche gar wohl cinsehcn, mit der neu gewonnenen Erkenntnis; erst im ersten Vorhofc der Wissenschaft zu stehen — und so zerstört sie in ihrem Wahne das progressive Forlschreiten in der Erkenntniß der Natur und der ihr innewohnenden Kräfte. So groß darum der Fortschritt zu nennen ist, der durch die Deszendenzlchre in der Naturwissenschaft eiugetrcicn, so ist doch nicht der bcklagcnswcrthe Rückschritt zu vcrgcsscn, den das religiöse Bewußtsein in den gebildeten Schichten des Volkes dadurch gewonnen. Man griff über die gefundenen Thatsachcn hinaus, thnrmte auf ihnen Hypothesen über Hypothesen, machte Hypothesen zn Thatsachcn und wiegte sich nunmehr in dem erhabcnen Bewußtsein an Stelle des das Vacnmn unseres ׳Wissens auss'nllenden Dogmas nunmehr wirkliches Wissen gesetzt zu haben. So ist denn allmählich der alte Gottesbegriff, der Glaube an Gott als dem Erschasfer und Lenker des Alles ans dem B'wnßlsein so Vieler geschwunden und an Stelle desselben — nicht positives Wissen, sondern ein neuer Glaube getreten, der zum Blindesten nichts vor dem alten voraus hat im Gcgcntyeil, den Konsensus tausender vorangegangener Geschlechter, das Jahrtausend alte in jedem Buchstaben seit Jahrtausenden unveränderte Bibclwort gegen sich hat. — Diese Gedanken drängten sich uns auf, als wir des Altmeisters Rudolf Virchows auf der letzten Wiesbadener Natnrforschcrvcrsammlung gehaltene Rede über den Traiiofornnsmns lasen, in welcher in klaren dürren Worten der Standpunkt gezeichnet ist, bis zu welchem unser positives Wissen von der Entwicklung der Natur voigedrungen. Wir wollen im Folgenden die prägnantesten Stellen mitthcilen: ״Trotz aller Reserven bleibt aber doch die Erblichfeit als eine allgemeine Eigenschaft der Lebewesen bestehen. Auf ihr beruht zweifellos der Fortbestand der lebendigen Welt. Freilich richtet sich das Sehnen der nach voller Erkenntnis; dürstenden Menschen über den Fortbestand dieser Welt hinaus immer wieder auf die Frage nach dem Ursprung derselben. Man möchte wissen, wie das Leben überhaupt entstanden ist. Denn der Versuch, eine Befriedigung des Sehnens durch ein