Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 41-42 (20.10.1887)
- Article
- Zum Wiederbeginn der Thora
- Date
- 1887-10-20
- Page
- 650 (sequence 2)
- Language
- German
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650 auch die durch nichts zu trübende Lebensheiterkeit mit hinaus nehmen sollen ins gewöhnliche Leben. Und dieses ״gewöhnliche" Leben hat uns wieder ausgenommen. Zuvor aber hatte unserer Festzeiten letzter Tag uns mit aller Eindringlichkeit auf jenes höchste ewige Gut hingewiesen, das der ״Quell" ist dcS Lebens und der ״Baum" ist dcS Lebens — der Quell, aus dem wir des Lebens Trunk ewig schöpfen sollen und der Baum, an dessen Zweigen, wenn wir seiner warten, des ewigen Lebens reichste Früchte für Alle schon hienicdcn reifen. Dieses höchste Gut aber, dieser Baum und dieser Quell des Lebens ist die Thora. Darum folgte auf Simchath Thora der Sabbath Bcreschith. Nachdem wir das Buch der Thora beendet, fingen wir mit dem nach Ablauf der Festzeitcn wieder beginnenden gewöhnlichen Leben das Buch der Thora wieder von Neuem an. Denn in diesem Leben soll es sich ja eben zeigen, daß wir nicht vergebens vor Gott gestanden. Die Weihe und die Verjüngung, die wiedergcwonnene Neinheit und das erstarkte Pflichtgefühl, der erhöhte Lebensernst und die erhöhte Lebensfreude, die die Festzciteu uns bringen wollten —: das nun begonnene fcstlose Jahrcslebcn ist der Boden, auf dem sie sich, bewähren solle». שתולים בבית ד׳ בחצרות אלקנו יפריחו. Ob es uns gelungen |ri, uns in Wahrheit neu zn pflanzen mit allen Wnrzclfasern unseres Wesens in den Grund der Lebcnshcilignng unseres GottesgcsctzcS, denn das ist das 'בית ד, das kann und soll sich zeigen nur in bcn Vlüthcu, die wir fortan in den ״Vorhöfen des Hauses unseres Gottes" zn zeitigen wissen. Daß cs uns nämlich gelinge, nnö überall und immer, wohin auch die wechselnden Aufgaben des Lebens uns führen, uns geistig im ״Borhofe unseres Gottes" zu begreifen, so daß das Gottcshciligtnm der uns mit nimmer erschlaffcndcr Kraft anziehende Mittelpunkt unseres Lebens und StrcbcnS sei, und wir so auch inmitten des geschäftigstcn Treibens, ans dem bunten Markte des Wettbewerbes um die Güter der Erde, wie in dem stillen häuslichen Leben.und Walten an der Seite unserer Frauen, im Kreise der um uns ansblühcnden Kinder, von jenem Bekenntnisse: ד׳ הוא האלקים! dnrchbebt und beherrscht werden, mit welchem wir in dem Nc'lla- Augenblicke der wiederzugewinnenden Reinheit und GotteSnähe uns und alles Unsere Gott hinzugeben gelobt haben. Darum kehren wir immer wieder von Neuem zurück zn dem Anfang des Wortes dieses unseres Gottes, von Jahr zu Jahr, wie cs die Väter gethan und die Groß- Väter nnd der Ahnen hehre Reihe Jahrhunderte, Jahrtausende auswärts. Und dieses stets von Neuem sich wiederholende Lesen des geschriebenen GotteSwortcS soll uns, wie es ihnen war, ein steter Sporn sein zum rastlosen Lernen des mündlich überlieferten Gotteswortes, durch welches das geschriebene in seinem gesetzlichen Theile für uns erst Verständniß und Leben erzeugende Kraft gewinnt. י Darum ist cS für den jüdischen Juden stets ein ergreifender Moment, wenn das Gottcöwort mit dem ״Buche der Ursprünge" wieder geöffnet wird. Die Erinnerungen frühester Kindheit werden wieder wach. Es sind dieselben ״Geschichten", die ihn alljährlich grüßten, so lange er sich zurückerinnern kann. An dem tieferen Eindringen in dieselben kann er erkennen, ob er geistig fortgeschritten, ob er gewachsen ist an Reife, an Verständniß des Gotteswortes und deS aus ihm zu erschließenden Lebens. '־־■■■- . Es sind dieselben Geschichten, die den Ahnen ewig neu blieben — sind sie für unsere Zeit veraltet? Ist unsere Zeit der Nothweudigkeit ihrer steten Wiederholung entwachsen? Sind cs Geschehnisse längst versunkencr Vergangenheit, oder sind nicht vielmehr wir selbst und ist cS nicht unsere eigene Gegenwart, deren Verständniß uns durch diese ״Geschichte" erschlossen wird? Gleich der erste Satz, mit dem in so unendlicher Erhabenheit das Gottcswort beginnt: ״Uranfänglich erschuf Gott den Himmel und die Erde" — ist er vielleicht schon so allgemein anerkannt, daß seine alljährliche öfscntliche Proktamirung in der Gemeinde wie im stillen Kämmerlein des Einzelnen überflüssig geworden wäre?? Und doch bildet die Thatsächlichkeit dieser Wahrheit die unabweisbare Vorbedingung nicht etwa bloß des jüdischen PflichtlcbcnS, sondern aller wahren Menschenknltur und Gesittung überhaupt, weil Vorbedingung aller wahren Sittlichkeit. Denn mit dieser Wahrheit sieht und fällt die Möglichkeit der sittlichen Freiheit. Hat es aber wohl je eine Zeit gegeben, in welcher so weite Kreise der Kulturvölkerinso unseliger Verblendung und mit so fanatischer Voreingenommenheit, sei cs mit lautem Bekenntniß ober in den stillen Voraussetzungen ihres Denkens und Handelns, diese Wahrheit leugnen, wie in der Gegenwart? Hat daher die alljährliche Proklamirung dieses Satzes von dem freien Schöpfer, der nicht etwa einen ״ewigen Stofs" vorgefunden und ihn nur gestaltet, sondern der יש מאיץ, auch den Stoff, Seinen Zwecken entsprechend/ geschaffen habe, nicht die höchste Aktualität, steht dieser Satz nicht in allcrinnigster Beziehung zu uns, zu unserer Gegenwart, zu den in unserer Zeit in weitesten Kreisen der Menschheit die Geister bewegenden Fragen?? Sind beiläufig unsere ״aufgeklärten" Brüder vonr dreijährigen CykluS wirklich aufgeklärt, verstehen sie wirklich unsere Zeit, wenn sie glauben, cS sei reichlich genug, nur alle drei Jahre auf diesen Satz zurückzukommen? LI. II. (Fortsetzung folgt.) . ,