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Jeschurun · 1887-09-29 · Heft 39 (29.9.1887) · p. 617

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 39 (29.9.1887)
Article
[Rezension]
Date
1887-09-29
Page
617 (sequence 1)
Language
German
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M 39. Jeschurun. 617 Kiichcrslhlm. Treu und Frei. Gesammelte Reden und Vorträge über Juden und Judenthum von Proscsjor vr. M. Lazarus. Leipzig 1887. Winter (Schluß.) Nachdem Lazaruö diejenigen Synodalen, welche nicht erschienen waren, nach Gebühr abgckanzclt und ihnen Mangel an Muth vorgcworfcn hatte, verhcrrlichte er die Augsburger Synode und wies ihr den gleichen Rang mit ״jenem ausgezeichneten Berge -Var Zion'' an, zu dem mau wullsahreu soll. Wahrlich, gar nicht übel, die Synode das Bcth-Hamikdosch! Natürlich ist der Synodalpräsident der Kohen-Hagadol. Als solcher, — doch nein, Lazarus gefüllt sich lieber in der Nolle eines Propheten 1) — verräth er denn auch das Geheimnis;, wie die Synode für die heilige Reform zu wirken hätte. ״ES handelt sich darum," so lautet die LazaruS'sche Weisheit, ״daß immer kleine 'Reformen durchgcsüht werden auf jeder Synode; vollends aber gewisse, ganz bestimmte Einrichtungen modisizirt. beftimmtc einzelne gönnen, best im mte lieben liefern«gen adg cstcl! t werden." Und dabei wagt LazaruS die Propheten anzurufen! Gicbt cS etwas Jämmerlicheres und Unwürdigeres, als wenn man beni Volke nach und nach den Inhalt seines augestammten Religionsbekenntnisses durch kleine Taschenspiclerkünste eSkamotireu will? Religion ist doch etwas Ehrwürdiges und Ernstes. Glaubt ein Einzelner oder ein Kreis von Menschen, daß die bestehende Religion ans Jrrthnm und Lug beruhe, oder sich Jrrthümcr und Lügen in dieselben eingcschlichen haben, und suhlt er sich zum Reformator berufen, so trete er frei hinaus ans öffentlichen Markt und spreche cS ans, was er für Jrrthnm und Trug halte und was ihm für heilig und unantastbar gelte. Er suche mit der vollen Bcgeisternng seiner redlichen Ucbcrzeugnng für die von ihm erkannte Wahrheit die Geister und Gcmüther zu gewinnen und eine neue RcligionSgcmeindc zu stiften. Aber er verschmähe cS als des geraden Mannes uuwurmig, sich wie ein Dieb iu das alte Heiligt hum cinzuschleicheu und unbemerkt nach und nach dasselbe auSzuplündern. Wir hatten erst vor Kurzem -) Veranlassung, Herrn LazaruS' Schriften und Reden zu betrachten und seine Stellung innerhalb der Judcnhci!, die von ihm in nicht geringer Selbstüberschätzung aufgebauscht wird, nach dem ihr gebührenden höchst bescheidenen Maß zu ') Seite 35 und 36. In Nr. 1t und 12 dieses Jahr, ganges. . würdigen. Wir übergehen deshalb die Vorträge: ״Was heißt national?" und ״Unser Standpunkt", ebenso auch den im März d. I. erlassenen famosen Aufruf ״An die deutschen Juden". Die ferneren Reden auf MoseS Mendelssohn, Michael Sachs, Ludwig Traube, Moritz Koner und Bertha Oppenheimer sind von sehr untergeordnetem Interesse. Er ist überall der gleiche phrasenhafte Schönrcdncr der Reform, der sich nirgend darüber klar!st, was denn nun eigentlich Judenthum sei. Wir stim- Uten ihm völlig zu, wenn er z. V. '*) bekennt, daß ein großer Theil Derjenigen, welche als Lehrer der Neligion und Führer der Jndenheit gelten, ״Hunderte und aber Hunderte von den Sätzen nicht niehr befolgen, in ihrem Herzen nicht mehr anerkennen", und Herr LazaruS zählt mit zu diesen. Er klagt darüber, daß diese ״Sätze" noch immer als ״Gesetze" bestehen und meint, daß dadurch der Verfall der Religion herbeigeführt wird. Nun würde er doch der von ihm vertrctciieu Sache einen viel wichtigeren Dienst leisten, wenn er anstatt der vielen langen schönen Reden ein kurzes Büchlein erscheinen ließe, in welchem klar und deutlich angeführt wäre, was denn die Religion enthalte, zu welcher sich Herr LazaruS und seine Genossen bekennen, wie der von ihm so hochverehrte Herr Emil Lehmann in Dresden kürzlich in seiner Schrift ״Die Juden jetzt und einst" das Programm und das Ziel der ״Deutsch jüdischen Reformpartei" entwickelt hat. Da hat man doch etwas Positives vor sich, bei LazaruS aber hofft man immer vergebens, endlich einmal zu erfahren, was er denn eigentlich meint und will. UebrigcnS ist er im Jrrthnm, wenn er glaubt, daß das Indenthum in Verfall geräth, weil er und die sonstigen Mitglieder der Deutsch-jüdischen Reform- Partei die Gesetze des JudcuthumS mißachten und übertreten. Das Judenrhum geht darum nicht unter, so wenig wie das Sittengcsetz in seiner ewigen Gcl> tuug aufgehoben wird, wenn auch noch so Viele sich dagegen versündigen. Was Lazarus will, ist nichts Anderes, als daß die Gcsctzesverüchter und Gesetzes- Übertreter sich darüber einigen mögen, was sie von dem Gesetze und der Lehre noch gnädig anerkennen wollen. Dieses Wenige solle dann als das noch gültige Judenthuin feierlich anSgerufen werden. Das ist aber eine Utopie. Die Herren können sich wohl über einige pompöse vieldeutige Resolutionen einigen, aber nicht darüber, was sie mm eigentlich noch bekennen und üben wollen. Keine rabbinische Autorität, keine talmudische Autorität, keine biblische Autorität — was aber an deren Stelle? Eine Religion ohne positiven Inhalt ist ein Nonsens, Judcnthum ohne Bibel und a) Seite 220.

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