Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-09-29
- Page
- 616 (sequence 3)
- Language
- German
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616 seines frommen Vaters leider nicht geerbt zu haben | scheint. — Aber nebenbei ist cs eine Ungezogenheit von j ihm, zu der ihm bekannten Tischzeit nicht zu Hause; zn sein. Wir werden übrigens nicht auf ihn warlcu. j ״Wenn es Dir gesällig ist," wandte er sich an seine! Frau, ״so waschen wir 1m?." SämmUichc Anwesende entsprachen derAlissmdernug des Hausherrn, auch Erna, denn seit dem Tode ihrer Mutter pflegte sie in Abwesenheit ihres Vaters die Sabbathc stets im Familienkreise ihrer Freundin zu verbringen. Man hatte sich um den Tisch niedergelassen, Friedheim hatte eben den Scgensprnch zur Heiligung des Sabbathcs begonnen, als der schritte Ton der Hausglockc ertönte und gleich darauf trat der bereits mehrfach erwähnte junge Mann mit höflichem Gruß in das Zimmer. Er hielt den Hut in der Hand, obgleich er sehr wohl gewahrte, daß sümintliche Anwesende das Haupt bedeckt hatten. Nachdem Friedheim das Kidduschgebet beendet und auch den -Legen über die Vrodc gesprochen und jedem der Anwesenden ein Stück davon gereicht hatte, wandte er sich in ärgerlichem Ton an den zuletzt Gekommenen. ״Was ist denn das sür eine Art, daß Sie am Sabbath die Schelle ziehen, im Hause Ihres Vaters waren Sie das nicht -gewöhnt und ich verbitte es mir auch in meinem Hause." ״Im Hause meines Vaters habe ich allerdings nie geschellt," erwiderte der Angcrcdclo, ״denn in nnserm Hanse rnnß man in Wirklichkeit mit Kraft an der Schelle ziehen, aber ich dachte, hier, wo man nur leicht an den Knopf zu drücken braucht, wäre das Schellen nicht verboten." ״Wenn Sie das geglaubt haben, sind Sie aller׳ dings zn entschuldigen." cntgcgnctc Fricdheim milder. ״Ucbrigens besmden Sie sich in einem Irrthum, durch den Druck an der elektrischen Glocke übertreten Sic das Gebot der Sabbarhbeitigung noch in weit höhcrm Grade, als durch das Ziehen an dem gewöhnlichen Schcllenzug. denn durch jeden Druck an den Knos der elektrischen Glocke entsteht ein Funke." ״Das habe ich nicht gewußt." ״So wissen Sie cs jetzt und ich bitte, daran zn denken. Doch nun setzen Sic den Hut auf und waschen Sie sich." Der junge Manu Lhat wie ihm befohlen, dann setzte er sich gleichfalls an den Tisch und wußte cs so einzurichten, daß er Erna gerade gegenüber kam. Diese schien von dem vis a vis nicht eben erbaut; wie ein Schatten huschte es über ihre klare Stirn, doch nur Recha, neben der sie saß, bemerkte dieses. Friedheim hatte sich zwar vorgenommcn, den Betrcsjenden wegen seines verspäteten Kommens sowie wegen seines Verkehrs mit seinem übel beleumundeten Verwandten zur Diebe zu stellen, doch er wollte ihn in Gegenwart Anderer nicht nnnöth'.gcr Weise beschämen, er verschob daher seinen Tadel aus den kommenden Tag. Die Unterhaltung ward lebhaft und allgemein, drehte sich zumeist um das hcrannahcnde Pnrimscst, das am Ausgang des Sabbaths beginueli würde. ״Nun, Ihr jungen Damen, vergcßt Ihr auch nicht, morgen in die Synagoge zu gehen, um die Parschath Sochor verlesen zu hören'?" ״Wir haben schon daran gedacht, Papa," erwiderte Recha, ״Erna wird Herkommen und wir werden mit Mama in die Synagoge gehen. Aber ich mochte eigentlich wissen, warum cs von solch besonderer Wich- Ligkeit ist, jedes Jahr vorlesen zu hören, was uns Amalek einst gethan hat." ״Und dasckannst Du Dir nicht denken? — Du weißt doch, weshalb uns Amalek damals geschlagen hat und eben daran sollen wir nie vergessen und sollen deshalb alljährlich daran erinnert werden." ״Ich habe," sagte Erna, ״an meinen Vater einst dieselbe Frage gerichtet und mein Vater hat mir darauf ein allerliebstes Glcichuiß aus dem Midrasch erzählt. Ein König Halleeinen prächtigen Garten voll der herrlichsten Obstbäume, die er durch einen Hund bewachen ließ. Er halte aber einen Günstling, der der Gunst seines Herrn nicht würdig war. Dieser Gunst- Ling, voll schmählicher Lüsternheit nach den Früchten seines Gebieters, verschmähte es nicht, heimlich in den Garten einzndringen, um sich der verlockenden Früchte zn bemächtigen. Der treue Hund jedoch erfaßte ihn mit den Zähnen an den Kleidern und zwang ihn zum Rückzug. Gleich darauf ward er zu seinem Herrn gerufen. An den zerrissenen Kleidern erkannte der König sofort, daß sein Liebling ihn hatte bestehlen wollen, er wollte ihn jedoch nicht beschämen, wollte ihm aber dennoch;eigen, daß er von seinem Thun Kcmttniß habe, darum rief er lachend: Was ist das für ein verrückter Hund, der dir die Kleider zerrissen hat!" Erna Halle halblaut und 11111* zn Recha gewandt gesprochen, sämmtliche Tischgcnosscn hatten ihr jedoch zugehört und die jungen Leute, denen die kleine Er- Zahlung neu war, lachten herzlich, auch der Hausherr nickte der jugendlichen Erzählerin freundlich zu. Es ist zu!!! ersten Mal in meinem Leben, daß ich von einer jungen Dame einen Midrasch gehört habe." ״O, Papa, Erna weiß sehr viel, sic kann den Pentateuch übersetzen und noch vieles Andere." (Fortsetzung folgt.)