Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-09-29
- Page
- 615 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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615 ״Dein Vater lieb Dich — Dein Vater umarmt Dich." .,Und Dein Vater verhätschelt Dich," siel Recha lächelnd cln, ״daS ist stadtbekannt." Auch Ernas Züge erhellten sich. ״Das ist wahr, mein Vater erfüllt jeden meiner Wünsche, oft noch bevor ich ihn ausgesprochen." ״Und dennoch zweifelst Du an seiner Liebe?" Erna warf das Köpfchen zurück. ״Ach nein, das war nur ein momentaner dummer Gedanke. Aber es schmerzt mich, ich kann Dir nicht sagen wie — daß mein Vater mich nie umarmt. Heute Morgen ist er doch abgercist und beabsichtigt, vierzehn Tage auszubleiben, und hat niir beim Abschied nur die Hand gereicht." ״DaS ist schrecklich," spöttelte. Necha, ״hätte nie geglaubt, daß Herr Müller ein solcher Rabenvater ist." Erna lachte laut auf. ״Nein, ein Rabenvater ist mein Vater nicht. Ich bin überzeugt, morgen habe ich einen Brief, und ich weiß schon im vorhinein, was mein Vater mir mitbringcn wird." ״Und dennoch —" ״Dennoch thut es mir oft unaussprechlich weh, daß mein Vater nicht mehr so gegen mich ist wie früher — während Dein Vater gegen Dich — Aber Du hast Recht," unterbrach sie sich selbst, ״es wäre unsinnig und undankbar von mir, an meines Vaters Liebe zweifeln zu woben." Recha nickte zustimmend. ״Freut mich, daß Du zur Einsicht kommst." ״Ach, dazu bin ich längst gekommen," lachte Erna, ״weiß ich doch selbst nicht, was mir da im Augenblick durch den- Kopf geflogen ist. Mein Vater sollte mich nicht lieben! — wen sollte er denn lieben? — Freilich, ihn möchte Manche lieben. — Ist mein Vater nicht ein auffallend schöner Mann?" ״Gewiß," erwiderte Recha, ״Dein Vater ist der schönste Mann, den ich kenne." Erna schüttelte den Kopf. ,?Nein, der Schönste ist er nicht," flüsterte sie, während dunkle Gluth ihr ausdrucksvolles Antlitz überzog. Recha lachte. ״Wie Du roth wirft! — Jetzt mußt Du mir aber sagen, wer schöner ist als Dein Vater." ״Das darf ich nicht," entgegncte Erna, während ein schelmisches Lächeln ihre Lippen umspielte, ״mein Vater hat mir verboten, vorläufig davon zu sprechen, er will zuvor die genauesten Erkundigungen einzieheu. — O, er ist so gut, mein Vater — so sehr gut." ״DaS ist nichts Neues," versetzte Recha. ״Doch da kommen unsere jungen Leute." Sie erwiderte freundlich den Gruß der beiden eben eintrctendcn Geschäftsgehülfen ihres Vaters. ״Nun, wie ist's, Herr Wittmann, sind Sie schon fertig mit Ihren Vorbereitungen?" ״Wie meinen Sie, Fräulein? — mit welchen Vorbereitungen?" ״Stellen Sic sich nur nicht so unwissend." fiel Erna ein, ״ Sic wissen ganz gut, welche Vorbereitungen Fräulein Friedhciin meint." ״Wenn man aber nicht antworten will, stellt man eine Gegenfrage." sagte Necha lachend. ״An meinen Willen, eine Frage von Ihnen zu beantworten, werden Sie doch nicht zweifeln, Fräulein," entgegncte der junge Mann eifrig, ״aber wenn eS sich nicht einzig und allein um meine Angelegenheit handelt — wenn wir einander gegenseitig zum Schweigen verpflichtet haben —" ״So sind Sie allerdings verpflichtet, meine Frage unbeantwortet zu lassen," sagte Necha. ״Aber Sie, Herr Kohn," wandte sich Erna an den andern jungen Mann, ״haben Sie sich auch zn.m Schweigen verpflichtet?" ״Nein, Fräulein," erwiderte der Gefragte, ״ich bin nicht ins Geheimniß gezogen. Aber ich habe doch so Manches theilS erspäht, 1 Heils crrathen, und wenn Sie nur gut dafür stehen, daß Wittmann nicht zu grimmig wird, so Witt ich Ihnen Alles inittheilen, was ich weiß." ״Was Sie zu wissen glauben," fiel Witmaun ein. ״DaS ist einerlei," lachte Erna," alles Wissen ist nur ein Glauben in höchster Potenz." Necha schüttelte den Kops. ״Das ist nicht richtig. Aber laß uns jetzt hören, was Herr Kohn unS mitzutheilcn hat." Kohn begann nun in launiger Weise die Vorbcreitungcn einiger jungen Leute zu schildern, um bei dem herannahcudcn Purimseste sich selbst und ihre Bekannten zu belustigen. Friedheim hatte indessen seinen Gesang beendet, hatte Hut und Paletot abgelegt und trat nun zu seiner Frau. ״Wenn es Dir Recht ist, mache ich Kiddusch und wir gehen zu Tische." Frau Friedheim war einverstanden und erhob sich. ״Aber'wo ist Herr Wolf?" Friedheim blickte um sich. ״Ist er nicht mit Ihnen hcimgekomlncu?" wandte er sich an die jungen Leute. ״Nein," entgegnete Wollner, ״von der Synagoge aus ist er zu einem Verwandten gegangen, derselbe hätte ihm eine Mitthcilung zu machen, sagte er, er werde icbod) sehr bald kommen." Friedheim runzelte die Stirn. ״Zn Anton Kaiser ist er gegangen? — denn einen andern Verwandten hat er hier nicht. — Das ist mir unangenehm, sehr unangenehm. — Der Verkehr mit Kaiser ist durchaus nicht geeignet für einen jungen Mann, der die Festigkeit