Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Article
- Suckotbetrachtung
- Date
- 1887-09-29
- Page
- 611 (sequence 3)
- Language
- German
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611 übe feinen Blick im Dunkeln der Mitternacht — ver- 1 licrt er sich dort nicht, daun wird er auch möglichst sicher in der TagcShcttc des Glückes wandeln. , Die Thora ist das ewige Licht, das nicht bloß l int Glück seinen Strahl bewahrt; oft entzieht cS sich! dem kurzsichtigen Dkenschcn in der Tagcshclle. Aber gerade dann, wenn daS irdische Glück jchwiudct, wenn sich die Herrlichkeiten deS Augenblicks in ihrer ganzen Nichtigkeit zeigen, wenn daun der Verlassene um sich schaut, nach einem Leiter in der ungewohnten Dunkelheit suchend — gerade da, wo die Sonne sich hinter dein Gesichtskreise verloren hat, da leuchtet dann von der Abeudseitc das bescheidene, aber stets sich gleichende Licht der so lauge vernachtetcn Thorei dem Verirrten entgegen. So erging cS Israel beim Sturze des ersten Heilig! hu ms — die Erdcnherrlichkcit schwand, aber unser Volk lernte das ewige Licht schätzen und trug nun die neugewonnene Liebe zu demselben in die Zeiten des zweiten StaatSlebenS hinüber. Nun war Israel weiser geworden, cS gab daS Ewige nicht mehr für vergänglichen Flitter hin. Und gerade!venu daS Suckotfest mit seiner Weinlese herankam, dann wurde mit besonderer Innigkeit daS ניסוך המים, das Wasseropfcr vorgenommen; derselbe Ütt. Akida, der die Andeutung מ׳י׳ם nnö überliefert hat, erklär! dies Gesetz auch in der Tosista Nosch Haschono (auch in unserer Gcmara l6a angeführt): נסכו לפגי ״ מים בתג כדי שיתברכו לבם גשמי שנהBringt mir,״ 1 prich! der Ewige, ״am Snckot das Wasseropfcr dar, baniit Euch die Regengüsse zum Segen gereichen." Darin liegt nämlich die Anelkennung des höchstgebietenden GolteS, der dem Menschen die LebmSgnter giebt und sic ihm durch Entziehung deS ScgcnS (in diesem Falle der Regengüsse) wieder nehmen kann. ES lieg! hierin eine Warnung vor dem Uebcrmnthe, eine Mahnung zur Daukbailcit gegen den ewigen Geber. Da steh! über der sichtbaren Welt der Unsichtbare, der nicht nur giebt, sondern von seinem edelsten Geschöpfe auch verlangt, und gerade darin, daß wir diesem Verlangen deS Ewigen folgen, liegt daS höhere Menschthum. So läßt e׳S sich erklären, dag unter allen Streitpunkten zwischen den Anhängern und den Angreifern der Uebcrliescrnng gerade die Bestreitung des WasseropserS den heftigsten Widersland und die auödruckvollste Vertheidignng hervorricf. Das geschah durch die ״Freude des Wajserschöpscns". Rauschend ging diese Feierlichkeit vor sich, selbst der Ernsteste zeigte, daß dem Menschen die Freude keineswegs verjagt ist. Worin unterschied sich diese Feier nun besonders von den Freuden Derjenigen, die den Erfolg des Augenblicks allein anbeten und nichts Höheres kennen? Jubelnd waren sie bis zum östlichen Thore gelangt; da, wo die Morgenseitc ZionS vor ihnen lag, wandten sie sich mit einem Male um. Nicht wollten j sie in ihrer Freude der ausgehenden Sonne anbctend cntgcgenblickcn, mit Bewußtsein, durch die Erfahrungen der Geschichte geläutert, machten sie einen Unterschied zwischen den Vorfahren und sich selbst. Jene, wenn sie sich vor der Ostscite in einem Augenblicke deS Glückes fanden, אחוריהם אל היכל ובניהם ס,רמת, wandten der Abendscite, dem Heilig!hume, den Rücken, ״blickten nur der ausgehenden Sonne entgegen," והמה משתהוים קרמה לשמש und in dieser Nichtachtung der Thora und Schätzung der Glückssonne lag cS schon, ״daß sie sich ostwärts vor der Sonne anbctend neigten". Derartige Gesinnung ist schon Götzendienst, denn sie setzt an Stelle des Ewigen das eigene Glück.- ״ ואנו ליה עינינוWir aber, da wir in der Erntefreude nicht vergessen, nach bem Heiligthume zu blicken, uns der Thora erinnern, deren Ort an der Abeudseitc ist, wir beweisen dadurch und nicht durch Lippenanbetung allein, daß wir aus Gott selbst unsere Augen gerichtet haben." R. Jehnda überliefert uns, daß sic auch die Aufrichtigkeit ihrer Gesinnungen anzngcben nicht vergessen haben. ״Nicht nur daS Auge ist ans Gott gerichtet, sondern wir selbst gehören der Gottheit an; der Blick des Auges allein kann trügen, die Begeisterung kann wohlfeil sein: nur der Opfersinn, mit dem der Mensch sich selbst und sein Eigcnlhum dem Ewigen weiht, kann die Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen bekunden." Die Anwendung deö Vorstehenden auf die Gegenwart braucht nicht weitläufig angegeben zu werden. Die Fehler und Halbheiten in vielen Kreisen, die sich abwenden von dem Ernste deS strengcnIudenlhumS, die bloße Wortanbetung Gottes in tönenden "Redensarten einerscitS, die ernsten Gegenbcmühungen, die Bestrebungen, den Opfersinn und das thatsächlichc Indeuthum zur Geltung zu bringen andererseits, sie finden ihr Gegenbild in ihren Kämpfen der Vorzeit. Auch in uns erhält sich die unerschöpfliche Hoffnung, daß dereinst alle Glieder des Judenthums sich zum Bewußtsein erheben werden, nicht nur unser Auge, sondern unser Wesen müsse mitten im Lebenskämpfe und mitten in den Lebensfreuden ans den Ewigen und sein wciscS Gesetz allein gerichtet fein. JcitMr(ufj{11!1$fn. Die ersten Tage deS beginnenden Jahres versetzen auch viele selbst Derjenigen, welche während der fol-