Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 39 (29.9.1887)
- Article
- Suckotbetrachtung
- Date
- 1887-09-29
- Page
- 610 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932794-2936787--26109-2936831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
610 Feste den lebensvollen Gegenbeweis, daß sich nämlich! GottcSgesetze nicht so leicht aus dem Bewußtsein der j Gesammtheit drängen lassen, daß sie ihre Geltung nicht verlieren können, so lange die Gemeinde sich nicht | darüber hinwcgtänschcn läßt. Wunderbares Volk! Du! hast die Weinlese hinter dir, deine Kelter sind gefüllt, die Hoffnungen deiner Winzer haben sich bewahrhcitct, und du feierst — nicht den Wein, nicht den Lebensgenug, sondern trittst in so glänzend festlicher Weise für ein Gesetz und für dessen richtige Auffassung ans? Was brachte außerdem die Andächtigen jener Freudenfcier dazu, sich gerade an jenem Tage vor dem Thore des Ostens in Gegensatz zu ihren Vorfahren zu stellen? Eben das Snckotscst forderte wirklich zu diesem Vergleiche zwischen Einst und Jetzt heraus. Regt eine jede Ernte zum Genüsse deS Augenblicks an, um wie viel mehr muß daö nicht bei der Weinlese der Fall sein! Die Traube ist so recht das Kind der Sonne, der Gluth des TageSgestirns verdankt sie ihre Reife, in sich enthält sic, was die Menschen sich selbst entrückt, sic über ihre Sorgen, über ihre schwächliche Bedächtigfeit hinwegtäuscht uud ihnen die Welt herrlicher erscheinen läßt. Da entstehen leicht jene wilden Sagen von dem mächtigen Wciugottc, der von Indien mit seinen Begleiterinnen weltübcrwindcnd dahcrzog und jeden Widerstand vor sich niedcrwars. Was soll da dem Menschen das Gesetz mit seinen cinengcuden Schranken, was soll ihm die beständige Warnung vor dem Aufgchen in die Wcltfreudcn? Da oben steht die Sonne, seine WohlthäLerin, also seine Göttin; ihr dient er nicht durch Enthaltsamkeit. Er beweist ihr nicht seine Dankbarkeit durch geistiges Ringen mit einer Thora —nein! ihr dankt er, indem er bedingungslos genießt, was sie ihm bietet, sich ihrem Lichte vcrtrancuSrioll anvcrtraut, ohne eine andere Leuchte zu suchen und derselben zu bedürfen. So hatte sich die Heidenwclt vor dem Himmelslichte des Tages gebeugt und nichts Höheres gekannt, als den eigenen Vortheil. Daö lehrten sie als höchste Weltweisheit, daß man nur den genußlosen Augenblick für verloren Hallen möge. Auch Israel hatte zur Zeit des ersten Tempels die lockende Stimme vernommen, hatte die Weinlese beendet, ohne sich der höheren Macht zn erinnern, die allein im Gehorsam und in Opfcrwilligkeit den Dank des Glücklichen erkennt. - Da waren Levit, Witwe und Waise nur lästige Gäste, keine Voten GottcS, das Almosen als Zoll des DankcS für den Ewigen zn fordern; da war der Prophet, der vor Uebermnth und Sinnentaumcl warnte, nicht der berechtigte Vertreter des Allmächtigen, sondern er schien dcm Menschen seine wichtigsten Rechte nehmen zu wollen. Wozu hatte die Sonne cS hervorgebracht, wenn den Menschen nur irgendwelche Schranken aufcrlcgt werden sollten? Die sichtbare Welt, soweit die Sonne sic uns zeigt, predigt nur Freude und Genuß — wer wollte das mißverstehen? Erklärt sich nun das Wort, was die Feiernden beim Wasserschöpfcn auSriescn? אבותינו ‘שהין כמקום הוד" אתוריהם אל היכל ופניהם קדמה ומשתחוים קדמה לשמש. Was sollten sic sich auch von dem frcudeverkündcndcu Osten abwcnden? Weshalb das Auge nach Westen richten, wobei man nur cm den Abend, an den Sonnenuntergang denken konnte, wo die ernste VundeSlade sich hinter dem Vorhang barg? Wenn sie zuerst nur das Licht im Osten suchten, das GlückSbedürfniß sie dem aufsteigendcn Nutzen folgen hieß, und sie dem Namen nach noch Anbeter des Einzigen waren ופניהם קדמת, gar bald übermannte cs sie והם משתהוים קמה לשמש und sie bückten sich in wirklicher Anbetung vor der Sonne. Aber jene heitere Sonnenwcisheit war doch trügerisch, und ihre Verkündiger verkannten dennoch den dauernden Nutzen. Die Sonne ist eine treulose Bc< gleiterin, entzückt sicht man sic im Osten aufstcigen, sie ccrcicht den Höhepunkt und unaufhaltsam sinkt sie an der andern Seite nieder, bis sic dem Auge ganz entschwindet. Wo sind heute jene Anbeter des Tagesstcrus des augenblicklichen Vortheils? Haben sie dem Vergänglichen ihre Kraft geweiht, so sind sie mit ihrer Herrlichkeit auch dahingcgangen, und nur Trümmer erzählen von ihnen. Wohl mahnten die Seher noch bei völliger Tages- Helle Israel au den Sonnenuntergang, aber das Volk wollte es nicht für möglich ansehcn, daß sein Staats- und Hciligthnm jemals in Nacht sinken könnte. Freilich kam cs unaufhaltsam heran, die Sonne entschwand ihren Anbetern, eö gab keinen Vorthcil mehr, dem das unglückliche Volk noch die Alleinherrschaft überlassen konnte. Israel wäre ebenfalls den Weg jener versunkenen Völker zur Vergessenheit gewandelt, hätte cS nicht sein Heiligthum besessen. Bezeichnend genug, daß die BnndcSladc sich im Westen des Gotteshauses bcjand. .הרוצה שיעשיר ׳׳דדים ״Wer nach Reicht hum strebt, der wende sich der Mittagsseile zu," denn dort befand sich der Tisch mit den Broden; הרוצה שיחכים יצפין, wer Weisheit erlangen will, der blicke nach Mitternacht," wo der heilige Leuchter strahlte. Diese Stcllnng deS }שלה der מנורה deutete schon äußerlich an, daß ein ewiges Gottcslicht der 'Weisheit, selbst wo die Sonne ganz entschwunden ist, sich strahlend erhält und Im Stande ist, seine Strahlen and; über die LebenSgal'm zn ergießen und sie zu adeln. Wer nur nach dcm Erdcnvortheile strebt, wer rücksichtSlos seinen Nutzen erlangen will, der blicke auf die Mittagssonne und suche sic ans ihrem Höhepunkt; wer die^GotteSweiShelt zu seiner Leiterin erkoren hat, der