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Jeschurun · 1887-09-15 · Heft 37 (15.9.1887) · p. 584

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 37 (15.9.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-09-15
Page
584 (sequence 3)
Language
German
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584 mit weit aufgcrissencn Augen und schlaff herunterhängenden Armen. Der Arzt war entsetzt über ihr Aussehen. Er sprach .zu ihr, sie schien ihn nicht zn hören. Er schob einen Sessel herbei und druckte sie in denselben nieder — sic leistete keinen Wiederstand, aber sie regte sich auch im Ucbrigcn nicht. Der Arzt, der die kränkelnde Frau schon seit längerer Zeit behandelte, halten einen heftigen Ausbruch ihres Schmerzes erwartet, hatte sogar gefürchtet, sic unter demselben zusammcnbrechcn zu sehen — auf diese stnmnie Verzweiflung war er nicht gefaßt. — Sie b!.unruhigte ihn jedoch mehr als laute Klagen und Thranen, sie machte die Leidende geradezu unnahbar. — Sein Beruf erlaubte ihm nicht, länger zu vcrweilen, namentlich da er die Unmöglichkeit erkannte, für den Augenblick hier von Nutzen zu sein, doch wagte er nicht, die Leidende allein zu lassen. Er ließ ihren Gatten rufen. Als Hcrzscld seine Frau erblickte, zweifelte er zuerst, ob sie bereits Kenntniß habe von dem schweren Schlag, der sie getroffen; sie erschien ihm zu ruhig, er las weder Schnicrz noch Erregung in ihren Zügen. Doch der Arzt zog ihn bei Seite und verhehlte ihm nicht, daß er für die unglückliche Frau ernste Besorgniß hege, er forderte ihn ans, durch jedes mögliche Mittel diese unheimliche Erstarrung zu durchbrechen suchen. Als der Arzt sich entfernt hatte, trat Hcrzfeld dicht au seine Frau heran, er sprach zu ihr, sie schien ihn nicht zu Horen; selbst als er ihres dahingcschiedeneu Lieblings erwähnte, zuckte keine Muskel in ihrem bleichen, schmalen Angesicht. Doch als er seinen Arm um sie legen, sie au sich ziehen wollte, fuhr sie zusammen und zog sich scheu zurück, während ein seltsamer, ihm geradezu unverständlicher Ausdruck sich in ihren Zügen malte. Schmerzlich seufzend zog er seinen Arm zurück, doch war er unablässig bemüht, in anderer Weise ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Das aber wollte ihm nicht gelingen. Der Tag verging, die unglückliche, ihres Kindes beraubte Mutter hatte sich nicht geregt, man hatte sie nicht bewegen können, irgend etwas zu genießen. Erst am Abend, als der Arzt wieder kam, hatte cr ihren Kops ein wenig znrückgcneigt und einige Lössel voll stärkender Flüssigkeit ihr zwischen die Zähne gedrängt, und unwillkürlich hatte sie die Stärkungsmittel verschlangen. Und noch eine Reihe von Tagen verging, ohne daß diese geistige Erstarrung gewichen wäre. Selbst das Leichenbegängniß war vollzogen worden, im Trauer- Hause allerdings mit möglichster Geräuschlosigkeit, — ob die Mutter eine Ahnung davon hatte, wußte man nicht. Freunde und Bekannte kamen, sie zu trösten — sie beachtete Niemanden. :t]; Heizfeld litt unsäglich. Er hatte sein Kind geliebt und liebte seine Frau. Aber die Angst um die letztere drängte den Schmerz nur den Verlust dcS erstercn in den Hintergrund. Während der sieben .Traucrtage hatte cr allerdings sein Geschäft nicht geschlossen, aber er selbst ließ sich nicht darin blicken, sondern verweilte während dieser Zeit in seiner Wohnung, in unmittelbarer Nähe seiner Frau. Doch die Tranerwoche ging zu Ende, er war Ernährer seiner Familie, durfte sich als solcher seinem Schmerze nicht mehr unablässig hingeben, und so sehr ihn der sich andauernd gteichblcibende Zustand seiner Frau beängstigte, so durfte er sich dadurch doch nicht länger von seiner geschäftlichen Thütigkeit zurückhalten lassen. ■;, ., Man hatte die Kinder bisher von der Kranken möglichst fern gehalten, einerseits weil man fürchtete, daß ihre Gegenwart sie den Verlust, den sie erlitten, noch schmerzlicher könne empfinden lassen, andererseits weil man größtmöglichste Ruhe als bestes Medikament betrachtet. Als Hcrzscld jedoch für längere Zeit sich ins Geschäft begeben wollte, gebot er seinem ältesten Töch- Lerchen, im Zimmer der Mutier zu verweilen, beauftragte jedoch gleichzeitig seine Dicnstlcute, keines der jüngeren Kinder.hinein zu lassen. Leisen, unhörbarcn Schrittes hatte sich Bertha ins Zimmer geschlichen und sich geräuschlos der Mutter gegenübergesetzt, deren bleiches, abgehärmtes Gesicht sie mit übcrströmenden Augen betrachtete. Es waren jedoch kaum fünf Minuten vergangen, als die Thür ungestüm aufgerissen und ein kleiner, ungefähr fünfjähriger Knabe in das Zimmer sprang. Bertha eilte ihm entgegen und wollte ihn hinaussühren. ״Oskar! ums HinunelSwillen, Du weißt doch, daß der Vater cs verboten hat — sei brav, geh hinaus." Der Kleine aber sträubte sich und lachte dabei hell auf. Bertha erschrak und blickte angstvoll ans die Leidende, da aber gewahrte sie, daß die Angen der Mutter sich zu dem lachenden Kinde gewendet hatten und das kluge Mädchen begriff, daß sie den Wünschen des Vaters mehr entspreche werde, wenn sie sich dieses Mal über seine Beschle hinwegsetzte. ״Warum bleibst Du nicht drüben?" sagte sie zu dem Kinde, indem sie seine Hand los ließ. ״Weil ich bei Dir sein will," erwiderte, das Krausköpfchen, rückwärts an die Schwester lehnend. Sie strich ihm liebkosend einige Löckchen aus der Stirn. (Fortsetzung folgt.)

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