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Jeschurun · 1887-09-15 · Heft 37 (15.9.1887) · p. 583

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 37 (15.9.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-09-15
Page
583 (sequence 2)
Language
German
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583 Augen offen hielt? — doch seltsam, daß eS sich trotzdem nicht regte. Unverwandt starrte Herzfeld in die geöffneten vcrglasten Augen seines ruhigen Kindes — ein Schauer durchrieselte ihn. — Er hätte laut ansschrcien mögen in namenloser Qual — doch ein Blick aus die ahnnngS׳ lose, rnhig schlummernde Mutter, deren -Haupt auf feinem Arm ruhte, verlieh ihm die Kraft, sich zu bezwingen. Leise berührte er die Finger des Kindes, die die Hand der Mutter umklammert hielten — sie waren kalt und starr. Wieder erschauerte er, Thränen entstürzten seinen Augen — er aber preßte die Lippen feft auseinander und mit seiner bebenden Hand löste er die erstarrten Finger seines Kindes, die im Todeskampf die Hand der Mutter umklammerten. Die Schlummernde halte es nicht gemerkt, daß ihre Hand jetzt frei geworden war. Ihr Mann hob die zarte Frau vorsichtig in seinen starken Armen empor und verließ mit ihr lautlosen Schrittes das Sterbezimmer. Er trug sie hinüber in ihr eigenes Gemach und legte sie dort auf das Bett. Jetzt erst erwachte sie und blickte erschreckt um sich. ״Großer Gott! wo ist Poldi?" ״Er. schläft ruhig," erwiderte er mit verhaltenem Schluchzen. ״Leni, mein Kind, ich bitte Dich um Gotteswillen, schau nicht so verstört um Dich. Ich schwöre Dir zu, er schläft ganz ruhig — und Du hast auch geschlafen — ober im Sitzen ruht man nicht so gut — darum habe ich Dich herüber gebracht, denn Du mußt Dich gehörig ausschlafen." ״Aber das Kind ist allein! — eS kann auswacheu." ״Sei unbesorgt, ich bleibe bei ihm — und sowie er aufwacht, rufe ich Dich — das verspreche ich Dir. — Aber jetzt schlafe noch ein paar Stunden, ich bitte.Dich!" ״Aber so wie er sich regt, weckst Du mich?" ״DaS schwöre ich Dir." . Sie sank zurück und schloß die Augen und war sofort wieder eingeschlafen. ES war die höchste Zeit, der starke Mann hätte keine Minute langer an sich halten können. Jetzt eilte er hinaus, doch nicht sofort zu dem Kinde, sondern zuerst in das Dienstbotenzimmer, um einen seiner Leute schleunigst zum Arzt zu senden. ES war ja doch denkbar, daß er sich getäuscht hatte — vielleicht war das Leben noch nicht vollständig entflohen, vielleicht konnte die Kunst des Arztes das entfliehende noch äufhalten. — Aber der Arzt mußte rasch kommen, rasch! rasch! Er aber eilte zurück in das Zimmer seines Kindes. ES lag noch immer so, wie er es verlassen, die Angen offen, den Mund offen und die Finger genau so, wie er sic gebogen. Er neigte sich über das Bett, :hielt sein Gesicht über das Gesicht des Kindes, damit der Hauch aus dem geöffneten Munde seine Wange streiche. — Aber der Athcm war bereits entflohen, wie eine seine eisige Luft wehte cs ihm entgegen — ein laittcö Aechzen entrang sich seiner Brust, er umschlang seinen erstarrten Liebling und bedeckte das kalte Antlitz mit seinen Küsten und seinen Thränen. Als der Arzt erschien, mußte er mit Gewalt das Kind den Armen des trostlosen Vaters entwinden, aber er erkannte sofort, daß jeder Wiederbelebungsversuch vergebens, daß der Tod bereits vor mehreren Stunden eingctrcten war. Hcrzfclds Verzweiflung war grenzcnSloS, dennoch gelang cS dem Arzt, durch den Hinweis auf die zarte, schwächliche Mutter, die er stützen müsse in ihrem grenzenlosem Schmerze, ihn dazu zu bringen, daß er sich zu mäßigen suchte. Als der erste übergroße Ausbruch des SchnterzeS sich ci!!iger:uaßen gelegt hatte, wollte der Doktor sich entfernen. Doch kaum hatte er die Thür des NebenzimmcrS hinter sich geschlossen, als Frau Herzfeld ihm cntgcgcntrat. Sie war im Begriffe, sich zu ihrem Kinde zu begeben und staunte, den Arzt schon zu so früher Stunde anS dessen Ziinmer kommen zu sehen. ״Guten Morgen, Frau Hcrzfcld, cs hat tnich sehr gefreut, zu erfahren, daß Sie endlich einmal ein paar Stunden geschlafen haben. ES hat das wahrlich Noth gethan." ״Guten Morgen, Herr Doktor. — Sie sind doch nicht gerufen worden? — Poldi hat mehrere Stunden gut geschlafen — das wird ihm hoffentlich gut gcthau haben. Wie finden Sie ihn jetzt?" Der Doktor zuckte die Achseln, sie blickte ihn erschreckt an. ״Um Gottcöwillen! Herr Doktor — Sic fiiibcn ihn schlimmer?" Es lag eine furchtbare Seelen angst in ihrem Ton, in ihrem Blicke, sie wollte an ihm vorbei — er hielt sie zurück, und mit sanfter Gewalt führte er sie in ein anderes Zimmer und in theilnehmendsten Worten setzte er sie von dem in Kcnnlniß, was ihr zu verheimlichen unmöglich war. Im ersten Moment schien sie nicht im Stande, das Entsetzliche zu fasten, sie starrte ihn an, als habe er in einer fremden Sprache zu ihr gesprochen und richtete eine Frage an ihn, das Befinden des Kindes betreffend — tu klaren, unzweideutigen Worten mußte er die schauerliche MittHeilung wiederholen. Sie stieß einen Schrei aus, aber nur einen einzigen — bann stand sie wie erstarrt mitten.im Zimmer

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