Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-09-15 · Heft 37 (15.9.1887) · p. 581

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 37 (15.9.1887)
Article
[Rezension]
Date
1887-09-15
Page
581 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
spine
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932792--25994-2936660
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

681 gen den Worten als Präsident eröffnen mußte: ״ (זMeine Herren! Ich leugne nicht, ein Gefühl tiefer Wehmnth beschleich! mich, wenn ich znrnckblickc auf die Stimmung, welche zu Leipzig gewaltet hat. Wir sind nicht mehr in der Lage, in der wir zu Leipzig waren.-Ger von Ihnen, meine Herren, in Leipzig war, wird mir, glaube ich, beistimmeu, daß die ganze Art, wie wir uns dort gefühlt, wie wir unser Denken und Dcrathcn und Zusammensein angesehen haben, etwas Festliches hatte, wie wenn wir zu einem Festtage zusammen׳ gekommen wären und nicht zu einer Arbeit. ES war die paradiesische Unschuld, als ob da draußen Alle nur darauf harren, welche Töne hinausklingen werden aus dem paradiesischen Leipzig: Wir sind aus diesen! Paradiese vertrieben." Wahrlich, Männern, die so kurzsichtig und unerfahren sind, die also sich in eitler Selbstüberhebung zu täuschen vermochten, nm Andere zu täuschen, geziemt es überhaupt nicht, sich zu Führern anfmcrfen zu wollen. Sic haben geglaubt, dem Volke Seifenblasen als glänzendc Meteore bieten zu können, sie waren so vermessen, auf die Leichtgläubigkeit und Unwissenheit der Menge bauend, die Hand nach der Herrschaft über das Volk anSzustrecken — sie sahen sich bitter enttäuscht. Das Volk, oder richtiger die Volkskreisc, welche dem Judenthume längst den Rücken gewendet, — auf diese allein halten sie gerechnet — waren doch noch nicht so lief gesnnken, nm diesen Männern blindlings Folge zu leisten und deren Herrschaft anzuerkennen. ״Bon jener kleinen Partei, welche etwa behauptet, cs gebe eine absolute Autorität, nämlich die geschriebene; die geschriebene, welche man blos abzulesen brauche, um zu wissen, was Judenthum ist und was Jndcnthum heißt — von dieser Partei reden wir hier nicht;" sprach Lazarus in Augsburg. ״Denn dazu braucht man nichts zu berathcn, dazu braucht man auch nichts zu sprechen, dazu darf man stumm sein; inan braucht bloS mit den Augen zn lesen, was der Schulchan-Arnch herunter bis zum Ncma und noch Späteren gedruckt enthält." Man sieht, trotz der Enttäuschung und des Fiasko waltete der Leipziger Hochmut!) auch in Augsburg fort. Die vom Synodalpräses so hochmüthig abgethaneu Orthodoxen haben für diese Lazarns'schcn leeren Phrasen nur ein mitleidiges Lächeln. Er möge denn doch eigentlich sagen, was ihm, der sich heranSnimmt, einer jüdischen Synode zu präsidiren, denn eigentlich Indenthnm ist. Die Orthodoxen wissen wenigstens, was ihnen als heiliges ReligionSgesctz gilt; er aber, der gelehrte Philosoph, ist rathloS, Antwort zu geben aus die Frage: was ist denn euch Reformern jüdische Neligion? Die Bibel ist cs nicht, denn diese zählt ja nach der Auffassnng deö Herrn LazarnS zu den Sagen der Völker, der Talmud ist eS erst recht nicht. WaS dann? Lazarus klagt .,über die Schwierigkeit, eine Autorität herzustellen." Dieses kann der Reform nimmer gelingen, weil sic keine Autorität anerkennt, weil sie kein anderes Prinzip als das der Verneinung aufznstcllcn vermag. Seit einem halben Jahrhundert führt sie den Kampf gegen das Judenthum. Sie hat viel zerstört, sic hat den Abfall vom Jndcnthum in erschreckendem Maße gefördert, sie hat in ivciten Kreisen religiöse Unwissenheit und Gleichgültigkeit verbreitet, sie hat aber weder vermocht, ein festes Prinzip für ihr Gebühren aufzustellen, noch überhaupt etwas Positives zu schaffen. Und da seufzen ihre Faiseurs über die Schwierigkeit der Herstellung einer Autorität! Herr LazarnS, der so wegwerfend von der Orthodoxie spricht, daß diese eine geschriebene Autorität anerkennt, möge nnS doch einmal sagen, ob er die Autorität der StaatSverfassung und der Staatsgesctze auch ebenso leichthin verwirft, weil sie doch auch eine ״geschriebene" ist. -Herr Lazarus huldigt dem reinen Subjektivismus, wie ja die Reform über- Haupt im Grunde nichts Anderes als die Auflehnung des JudlvidnnmS gegen das Gesetz zum Ausdruck bringt. Die Willkür des einen Individuums ist aber ebenso berechtigt wie diejenige eines andern, und es ist gar nicht abzusehen, wie ein vernünftiger Mann eine religiöse Gemeinschaft ohne ein bestimmtes gemeinsames positives RcligionSbckcnntniß Herstellen will. Die Gemeinsamkeit der Negation ist gewiß nicht geeignet, eine RcligionSgemeinde zn schaffen. Und die Redner und Prediger der Reform haben cS noch nicht vermocht und vermögen eS auch nicht, die Begriffe Judcnthnm, jüdische Religion, geläutertes Judenthum u. s. w., die sie so emphatisch im Munde führen, genau zu sixireu. Es ist deshalb eine inhaltlose Phrase, wenn Lazarus seinen Genossen in Augsburg zürnst: .,Arbeiten wir daraufhin, meine Herren, hier in der Synode, daß Diejenigen, welche unsere Gedanken aufnehmen wollen, durch die Gedanken selber gewonnen werden." Bravo! fügt Herr Lazarus diesem schönen Satze gewissenhaft hinzu. Es ist ihm von den Augsburger Synodalen gespendet worden. Dieses Bravo! ist auch gewiß ein wohlverdientes. Spricht sich doch in diesem Satze das ganze Wesen der Reform aus. Er enthält den vollendetsten Widersinn, der ja , daS charakteristische Wahrzeichen der Reform ist. Diejenigen, welche den Gedanken der Augsburger Synodalen annehmen wollen, sollen durch deren Gedanken selber gewonnen werden. Ja, wie kann Jemand die Absicht hegen, eines Anderen Gedanken aufzunchmen, wenn er nicht von diesen Gedanken bereits ״gewonnen ist"? Von den Gedanken der Reformer gewonnen zu werden, ist übrigens ungemein schwer. Die Herren haben eben keine fruchtbaren Gedanken. WaS sind denn die ״Gedanken" s) Seite 25.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.