Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1887)
- Article
- Aus der Pariser jüdischen Gemeinde
- Date
- 1887-09-08
- Page
- 569 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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M TS. Jeschrrrrm. 569 Aus der llarifcr jüdischen Gemeinde. Das zweite Augusthcft der ״Uovue. <168 <16nx m6n<168" veröffentlichte unter der Ucbcrschrist: ״la l>i6nfaisancc .israt׳‘]itc :1 Paris", eine Darstellung über die wählt hatigen Institutionen der jüdischen Gemeinde zu Paris. Der Verfasser dieser mit vieler Wärme geschricbenen Abhandlung, Herr Maxime Du Camp, Mitglied der Akademie, führt in derselben der Mitwelt ein Bild der jüdischen Liebe vor die Augen, über welche er sich folgendermaßen ansdrückt. ״Ich glaube nicht, daß das Wort ״charitt־" in dem genauen Sinne, den wir ihm heute beilegen, in der hebräischen Sprache vorhanden ist. — Ist daraus zu schließen, daß den alten Juden das Bewußtsein und die Ucbung d-r ״charitc" vor der Zerstreuung nach der Eroberung Jerusalems durch TituS mangelte? Keineswegs. Sie bedienten sich dafür des Wortes Zedaka, welches gleichzeitig Gerechtigkeit und Wohllhäiigkcit bedeutet. Ihnen galt nämlich die Ucbung der Liebe nicht als der eigenen Bestimmung anheimgcgcbeii, vielmehr war sic ihnen als eine ebenso strenge Pflicht geboten wie die Gerechtigkcit; sich ihr entziehen, hieß das Gesetz verletzen. -Der Israelit war nur dann ״zaddik", d. h. gerecht, wenn er wohlthätig war. Der die Vorschriften seiner Religion befolgende Jude vertheilt in hülsrcichen Gaben den zehnten Thcil — Maaßer — seines Verdicnstes oder Einkommens; wenn er heirathet, erhalten die Armen den zehnten Thcil der Mitgift. Diese letztere Ucbung scheint leider außer Gebrauch zu kammen, wie die Achtung vor den Ucbcrlicsernugen über- Haupt in dem Kontakt mit einer zu oft übermäßig raffinirten Bildung sich abschleift. Bor fünfzig Jahren aber Hütte Niemand gewagt, diese Ucbung zu unterlassen." Während vor einem Jahrhundert die Zahl der in Paris geduldeten Juden sich auf etwa 800 belief, kann man sie jetzt nicht zu hoch auf 45 000 schätzen. Sie lebten damals in sehr gedrückten Verhältnissen. Eine königliche Verordnung vom 14. Angust 1774 schloß sie von den Genossenschaften der Kunst und des Gewerks ans; eine andere vom 25. Juli 1775 untersagte ihnen den Handel mit Tuch- und Kramwaarcn. ״Jede Negierung", meint Herr Du Camp, ״schien cs sich zur Aufgabe gemacht zu haben, gegen sie den alten legendenhaften Fluch zu erneuern, welchen die dem Judcnthnme entstammenden Bekenntnisse ihnen auflegten. Eingepfercht, verdächtigt, verachtet, ausgesogen, des KindrsmordS beschuldigt, Gegenstand alter Weiber- Märchen, Ammen-Schreckbitd, Schimpf und Schande ausgesetzt, führten sie ein düsteres, niedriges, schcncö Dasein, und waren zur Fristung desselben auf die niedersten Erwerbszweige angewiesen, welche sonst Niemand betreiben mochte." Die Revolution von 1789 machte auch sie durch die Proklamirung der Gleichheit der Menschen frei. DaS Gesetz vom 28. Januar 1790 gestand den portugiesischcn, jenes vom 27. September 1 791 den dentscheu Inden das Bürgerrecht zu. Die israelitische Gemeinde zu Paris entwickelte sich nur langsam, gleich als ob sic den neuen Verhältnissen keine Dauer zuerkenncn mochte. Schon damals konnte man innerhalb derselben, wie auch heute noch, einige wenige reich Begüterte neben einer großen Anzahl Acrmstcr unterscheiden, zwischen welchen sich die Masse der im Kampfe für eine unabhängige Existenz emsig Ringenden bewegte. Die Wohlthätigkcit war das die Gemeinde einigende Band, welches sie gleichsam zu einer einzigen Familie verknüpfte. Der erste Versuch, diese Wohlthätigkeitsübung systematisch zu organisiren, kann auf den 24. November 1809 batirt werden, an welchem Tage eine große Bereinigung sich bildete, um für die kranken Armen, für die rituelle Behandlung und Bestattung der Leichen und für die Sorge eines täglichen, regelmäßigen Gottesdienstes ihre Mitglieder zu verpflichten. Um diese Zeit belief sich die jüdische Bevölkerung auf 3000 Seelen; im Jahre 1821 halte sie sich verdoppelt. Fünfzig Jahre später (1872) zählte man 23434. Durch die enorme Einwanderung ans dem Osten, wo sic unterdrückt und verfolgt wurden, hat sie sich während der letzten fünfzehn Jahre fast verdoppelt. Das Kontingent der Armen und Bedürftigen ist biirrf) diesen Zuzug sicherlich nicht verringert worden. Dem verstorbenen Albert Ko hu gebührt das Verdienst, durch seine unermüdliche Thätigkcit und sein hervorragendes organisatorisches Geschick aus diesem Gebiete für die wirksame Bekämpfung der Leiden der Armnth und der dauernden Beseitigung derselben wahrhaft Großes geleistet zu haben. DaS ״O'omitö <16 bicnsai.>au6.;", welches im Jahre 1841 über eine jährliche Einnahme von 47 000 Frank verfügte, hatte 1871 eine solche von 212 000 unb heute mindestens das Doppelte zu seiner Verfügung. Herr Du Camp meint, daß Dank der ausgezeichneten Handhabung der Armenpflege die jüdische Armnth in Paris allerdings noch nicht beseitigt, aber jedenfalls abgenommen habe. Die Sorge für die Kranken war von Anfang an die schwierigste. Bei dem Mangel eines jüdischen Hospitals mußte man Diejenigen, welche in ihrer eigenen Behausung nicht zu behandeln wann, bei Glaubensgenossen in Privatpflege geben. Freilich würde die Stadtverwaltung sich niemals geweigert haben, sie in die allgenieinen Krankenanstalten aufznnehmen. Aber, t bemerkt Herr Du Camp, ״Diejenigen, welche durch.