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Jeschurun · 1887-09-08 · Heft 36 (8.9.1887) · p. 568

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 36 (8.9.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-09-08
Page
568 (sequence 3)
Language
German
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568 Sie antwortete nicht sofort, ihr Athen! ging rasch, er wiederholte seine Frage. ״WaS wolltest Du sagen, ihm?11 Ein tiefer schmerzlicher Seufzer entrang sich ihrer Brust. ..Du kennst die Veranlassung der Krankheit unseres Kindes." ״Leider! — leider Gottes! — ich kann'S nicht leugnen." ״Wenn Du zngiebst, daß Du sie kennst — wenn Du eS einsiehft —" ״Wie sollte ich das nicht einsehen! — das ist doch so klar." ״Freilich ist eS klar, — die Krankheit unseres Kindes ist eine Strafe Gottes — weil wir am Sabbath das Geschäft offen haben. ״Rede Dir doch das nicht ein! — Wie sollte Gott strafen, was man thun muß — was sich nicht ändern läßt — denn daß eS sich nicht ändern läßt, das weiß Gott so gut wie ich, und auch Du müßtest das längst eingesehen haben." Ein Aechzen entrang sich ihrer Brust, kopsschüttelnd blickte sie ihn an. ״Ich begreife Dich nicht! —Soeben sagst Du, daß Du die Veranlassung von PdldiS Krankheit kennst." ' ״Freilich kenne ich sie — Leni, ich will Dir keinen Vorwurf machen, denn ich weiß, Du hast es gut gemeint. — Ich von selbst hatte nicht mit Dir davon ängefangen — aber wenn Du anfängst und — ich weiß ja, auf was Du hinauswittst — Du willst, ich soll das Geschäft am Sabbath schlichen. — Ich will Dir ganz offen gestehen, am - verwichenen Sabbath, als unser Pold! — Gott möge ihn uns gesund werden lassen — aber als er da mit einem Mal so schwer krank geworden ist, da habe ich mir's überlegt — wieder und immer wieder habe ich'S mir überlegt, ob es möglich wäre, am Saabath das Geschäft geschlossen zu halten. — Aber es ist nicht möglich, ich sage Dir, es ist mir unmöglich. — Und weil eS.unmöglich ist, darum kann eS auch kein so arges Verbrechen sein, daß wir thun, was wir nicht lassen können." ״Aber die Veranlassung von unseres Poldis Krankheit die ist ganz was Anderes. — Der arme Bub' hat am Sabbath geschrieben, der Hermann Kohn hat nnr'S erzählt, weil sie Schularbeit gehabt haben, und weil der Professor ihn beständig gcstichelt und gesagt hat, es wäre nur Faulheit, daß er nicht schreiben wollte, und wenn er es nicht thäte, würde er als der Letzte in der Klasse bezeichnet werden. — Na, unbedingt nothwendig ist eS nicht gewesen, daß er am Sabbath geschrieben, das gebe ich zu — aber wenn man Alles bedenkt, wie der Kohn eS mir geschildert hat, so muß man auch zugeben, daß der Poldi zu entschuldigen ist, und daß es daher auch wohl kein gar so großes Unrecht von ihm gewesen ist. —HAber weil Du den Kindern beständig, wie man sagt, die Hölle heiß machst, darum ist den! Kind das so schwer auf's Herz gefallen nnd — daS ist's." * Sie richtete sich hastig ans, mit gerungenen Händen, Verzweiflung im Blick, starrte sie ihn an. ״Großer Gott!" . ״Leni! Leni! — ich bitte Dich um MeS in der Welt! ich weiß ja, Du hast es gut gemeint, -Du brauchst Dir doch keinen Vorwurf zu machen." . ״Ich mache mir auch keinen Vorwurf," entgegnetc sie mit verhaltenem Schluchzen, ״aber daß Du so — so — sprechen kannst! Daß Du trotz der so schweren Krankheit unseres Kindes dennoch nicht zur Einsicht gekommen bist. — O! — jetzt ist Alles verloren!" Sie barg das Antlitz in beiden Händen, daS Beben ihres Oberkörpers verrieth, daß sie schluchzte, aber man vernahm keinen Laut. Herzfeld starrte düster, vor sich nieder. Nach einigen Minuten begann er von Neuem: ״Du solltest Dich niederlegcn, Lein, der Doktor hat's gesagt. Du halst es nicht aus." Sie erwiderte nichts, doch im selben Moment stieß der Kranke einen gellenden Schrei aus. ״Hülse! Hülse! Mutter! Mutter! Hülfe!" Er war bei diesen Worten aufgesprungen und schien sich ans dem Bette stürzen zu wollen. Beide Eltern waren zu ihm geeilt und hielten ihn umschlungen. ״Poldi, mein Kind, beruhige Dich, es geschieht Dir ja nichts," bat die Mutter. Der arme Kranke zitterte am ganzen Körper und blickte angstvoll um sich. ״Ist sie nicht da, die schwarze Schlange? — sie hat mir die Seele todtbcißen wollen." ״Du mußt geträumt haben, liebes Herz, es ist ja keine Schlange hier." . ,.Nicht?" — er blickte abermals ängstlich um sich, ״aber es ist eine hier gswesen." ״Da siehst Da, daß Du geträumt hast," entgcgnete die Mutter, einen heitern Ton erzwingend, ״kann denn eine Schlange eine Seele beißen?" Das Kind athmete tief auf und lehnte das glühende Haupt au der Mutter Wange. ״Es ist mir so vorgekommeu — aber es ist wahr, eS kann ja nicht sein." Die Augen sieten ihm wieder zu, er ließ sich willig niederlegcn. (Fortsetzung folgt.)

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