Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-09-08
- Page
- 567 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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567 Cr preßte die Lippen auf einander und richtete sich stramm auf. Er war der Ernährer seiner Familie, er durfte sich keine Schwachherzigkeit zu Schulden kommen lassen, nach keiner Richtung hin. Aber er litt unsäglich. Endlich ward cS Abend, im Geschäft ward es stiller, die jungen Leute konnten jetzt ohne ihn fertig werden, er begab sich hinauf in seine Wohnung, sich persönlich von dem Befinden des Kranken zu überzeugen. Leise öffnete er die Thür und trat ein. Das vorhin leichenblasse Angesicht des Kindes war jetzt dunkelroth, aber es lag im Augenblick ruhig, hatte die Augen geschlvssew Seine Frau saß am Bette und nahm eben einen dampfenden Umschlag von der Stirn des Kindes, den sie vor wenigen Minuten vom Eis weg dorhin gelegt hatt, und legte jetzt wieder eine auf Eis gekühlte Kompresse an dieselbe Stelle. Auf den Fußspitzen schleichend trat Herzfeld näher. ״Me gcht's?" fragte er leise. Sie deutete wortlos ans den Knaben hin, indem sie cs vermied, seinem ängstlich forschenden Blick zu begegnen. ״Soll ich Dir jetzt Hawdoloh machen?" Sie unterdrückte einen Seufzer. ״Wenn Du willst," entgegnete sie leise. Er nahm ein Glas Wein, eine geflochtene Wachskerze und ein Riechbüchschen und sprach in leise ge׳ flüsterten Worten den üblichen Segen, der Schlummernde konnte ihn sicherlich nicht hören. Aber die Wachskerze flackerte hell auf, ein grelles Licht verbreitend. Trotz der gesenkten Augenlider empfand es der Kranke unangenehm und unwillkürlich öffnete er die Angen. Herzfeld hatte soeben einige Tropfen Wein auf den Tisch gegossen, jetzt hielt er die geflochtene Kerze hinein und zischend erlosch die Flamme. Leopold stieß ein gellendes Gelächter aus, beide Eltern wandten sich angstvoll zu ihm. ״Poldi, mein Herz, wie geht's Dir?" fragte der Pater mit bebender Stimme. Der Knabe lachte noch immer, mit seinen unheimlich funkelnden Augen blickte er höhnend zu dem Vater hinüber. ״Der liebe Gott meint jetzt, daß Du den Sabbath gehalten hast, gelt? — hast ihn gut gefoppt — gelt?" und abermals schüttelte er sich vor Lachen. ״Du regst Dich zu sehr auf, Poldi," flüsterte die Mutter, indem sie abermals die kühlende Kompresse wechselte. Leopold schaute zu ihr empor, indem er ihre Hand an seine Lippen drückte, dann schlossen sich seine Augen wieder und einige Minuten lag er ruhig, doch gleich darauf erging er sich wieder in den wildesten Phantasien. In dieser Weise verging die Nacht, wie eS den Eltern schien, in endlos bleiernem Schritt. Sie hatten beide nicht daran gedacht, sich niederzulegen, doch wahrend die Mutter keinen Moment von den! Krankenbette weichen durste, hielt der Vater sich möglichst jeitSwärtö, denn so oft der Knabe feiner ansichtig ward, steigerte sich seine Erregung. Als der Arzt am Morgen wieder kam, fand er seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt, ein hitziges Fieber hatte sich eingestellt. Eine Reihe banger Tage folgte, Frau Herzfeld wich Tag und Nacht nicht vom Bette ihres Kindes, ihr Mann fürchtete ebenso sehr für sie wie für seinen Knaben, und der Arzt theilte seine Befürchtung, denn es schien undenkbar, daß die zarte, schmächtige Frau diese unaufhörliche Anstrengung, verbunden mit unaushörlicher Aufregung, werde ertragen können. Und noch immer keine Aussicht auf Besserung. Es war in der Nacht vom Freitag aus Sonnabend, beide Eltern wachten am Bette ihres Kindes, auch Hcrzfcld brauchte sich nicht mehr seitwärts zu halten, denn Leopold war schon seit dem vorigen Tage vollständig bewußtlos, erkannte Keinen mehr. In namenlosem Schmerz saßen sie beide da und lauschten auf den unheimlich raschen Athem des Kranken, der hin und wieder zu stocken schien. Ueber Frau Herzfelds bleiche, abgezehrte Wangen glitt langsam Thräne auf Thräne, hin und wieder blickte sie von der Seite zu ihrem Manne entpor, der mit gerungenen Händen neben ihr saß. Cr hatte die Augen geschlossen, ob er schlief? ״Willst Dn nicht zu Bette gehen?" fragte sie endlich, ״Mitternacht ist vorüber." Er schüttelte verneinend daö Haupt. ״Ich werde bei dem Kinde wachen — ich werde ihm auch die Umschläge wechseln, — er kennt mich ja nicht mehr," fügte er ächzend hinzu. ״Aber Dn mußt Dich niederlegen," fuhr er nach kurzem Schweigen fort. ״Der Doktor hat mir's auf die Seele gebunden, Du halst es sonst nicht aus — Du bist seit acht Tagen nicht aus den Kleidern gekommen." ״DaS schadet mir nicht," entgegnete sie seufzend, mit auffallender Betonung des ersten Wortes. ״Ich werde auf das Kind achten und Alles Punkt-!ich besorgen, wie Dn selbst es nicht besser könntest — nur auf einige Stunden lege Dich nieder, thue es mir zu Liebe, ich bitte Dich!" Sie neigte das Haupt auf seine Schulter, ihre Thränen fielen heiß auf seine Hand. ״Ich kann mich nicht niederlegen," flüsterte sie, ״ich kann nicht von dem Kinde mich eutsernen, außer — außer —" ״Außer — was? — was wolltest Du sagen?"