Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 36 (8.9.1887)
- Article
- Pirqe avot
- Date
- 1887-09-08
- Page
- 565 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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665 den Vorwitz der Hoheit des Gegenstandes und seiner Träger zu nahe zu treten und sich damit selbst den Weg znr wahren Erkenntniß zu versperren; cs wird ihn, je mehr er fortschreitet, Scheu und Ehrfurcht vor der Lehre und dcm Lehrer durchdringen und er wird schonbeim Lernen sich die höchste Tugend, ענוה, jene Bescheidenheit erringen, die für den Weg der Erkenntniß und der Erfüllung die treueste Wächtern! und Schirmen« vor Verirrung und Fehl bleibt. בשפחה. Nichts ist nach der Lehre der Weisen mehr eine Förderung geistigen Aufschwungs und Fortschritts, als jene Heiterkeit des GemüthS, die sich des Lebens mit allen seinen Aufgaben und allen seinen Bürden freut, jene שפחה של מצוה, die sich das ganze Leben mit allen seinen wechselvotlen Verschiedenheiten in den einen Gedanken »מצוד anflöst und in diesem Gedanken die heitere Schwungkraft findet, die sich durch nichts trüben und durch nichts hcrabziehen läßt. Nicht Schlaffheit und Trübsinn, auch nicht Scherz, Leichtsinn und Tändelei, nicht עצלות עקבות שחוק קלות ראש ודברים בטלים, lehren die Weisen, ist die Stimmung, die der Nähe des göttlichen Geistes würdig und fähig macht, sondern שפחה של מצות ,שפחה (Pcßachin 117, a), und so hat sich auch für den Jünger der ^^-Wissenschaft zu der אימה יראה וענוה auch שפחה zu gesellen, die sich jedes geistigen Fortschritts in der Erkenntniß des göltlichen Wortes freut und den Geist wach und munter hält für das Hinanschreiten auf der steilen Bahn der Erkenntniß. (Fortsetzung folgt.) Merschan. Treu und Frei. Gesammelte Reden und Borträge über Juden und Judenthum von Profcssor Ur. M. Lazarus. Leipzig 1687. Winter. . Der Verfasser ist eine zu bekannte Persönlichkeit, als daß eine von ihm herausgegebene Schrift nicht ein gewisses Aussehen erregen sollte. Lazarus ist ein Mann der Rede und der Feder. Es steht ihm eine elegante Sprache zur Verfügung. Er weiß den Zuhörer zu bestricken und den Leser zu fesseln, vorausgesetzt, daß Zuhörer und Leser sich an der schönen Form ein Genüge sein lassen und auf einen wesenhasten Kern Verzicht leisten wollen. Lazarus tauscht aber Niemanden mehr als sich selbst. Er ist in dem Glauben besangen, daß seine inhaltlosen Reden ebenso viele mannhafte, Epoche machende Thaten sind. Der Anblick der Menge, welche ihm zuhört, läßt ihn sich als Führer des Volkes wähnen, und der Beifall, den seine glatten Phrasen finden, berauscht ihn. So kommt cS, daß er in naiver Selbst, übcrhcbung sich als den Mittelpunkt der jüdischen Geschichte der Gegenwart betrachtet und das vor-- liegende Buch, welches einen Thcil seiner Reden enthält, in rührender Bescheidenheit ״als ein Art von Gedenkbuch zur Geschichte der Juden in uuserm Jahrhundert" angesehen wissen will. Wir glauben in der That, daß cs ihm wahrhaftig ernst mit dieser seiner eigenen Werthschütznng ist und daß er sich frei von jeder Eitelkeit wähnt, selbst wenn er auch die seine Reden begleitenden Beifallsrufe mit minutiöser Gewissenhaftigkeit registrirt und die betreffenden Redewendungen, bei welchen sie lalit geworden, genau martirt. ״Sie sind von hoher sachlicher Bedeutung", diese BcifallSänßcrnngen, meint er ganz ehrlich. Er hält sich eben für so bedeutend, daß Alles was er spricht und was an seine Rede anknüpft der Geschichte angchört und sorgfältig bewahrt werden muß. Daher resultirt auch seine Bitte an den Leser dieses Buches, den er ״herzlich und inständigst" darum angeht, ihn selbst ״bei dem Lesen aus dem Spiel zu lassen." Durum bezeugt er auch gewiß bona fidc von sich, daß ihm bei allen öst'cntlichen Angelegenheiten seine eigene Person ״allezeit schlechthin gleichgültig gewesen." Und doch tritt die eitelste Selbstbespiegelung und das Behagen an dem eigenen bedeutenden Ich fast in jedem Satze unverkennbar an die Obcrstäche. Gleich in der ersten vorliegenden Rede ״zum Schluß der ersten israelitischen Synode zu Leipzig am 4. Juli 1869", welche mit nicht weniger als etlichen dreißig ״bravo!" und ״bravo, bravo!" gespickt ist, weiß er sich und seiner Stellung keine bescheidenere Wichtigkeit zu vindizircn, als die eines Moses im Kampfe mit Amalck, wobei natürlich den Schriftführern die Nolle von Aron unb Ehnr zu fällt, ״durch deren Unterstützung allein die Kraft MosiS auSdaucrn konnte bis zum Abend der Schlacht." Doch das ist in! Grunde nicht das Interessanteste des LazaruS'schc» Bncheö. Dasselbe bietet in der That einen Beitrag zur Erkenntniß der Geschichte der Gegenwart. Daß ein Mann wie Lazarus zum Vorsitzenden der famosen Leipziger und Augsburger Synoden gewählt werden mußte, ist deren charakteristischste Kenn- .Zeichnung. Die hohle Phrase tmd nichtige Eitelkeit, die Unklarheit und Zerfahrenheit der Reform können in keiner Persönlichkeit lebenswahrer verkörpert werden, als in LazaruS. Man lese seine Reden, man höre die Bravorufe, und man begreift das schmähliche Fiasko dieser Synoden, den Fluch der Lächerlichkeit, mit welcher sic, kaum geboren, dem Grabe verfallen waren. Es sollte doch eine jüdische Synode sein; das Mindeste, was man von den Synodalen zu erwarten berechtigt gewesen wäre, hätte also in dem gemein-