Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-09-01
- Page
- 552 (sequence 3)
- Language
- German
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552 Die Mittler, die eben wieder Ln das Zimmer treten war. hörte die Worte und sah die schwarzen clccke an den Fingern des Kindes, sie fließ einen 1)01 biiilcrdri'lckleu Schrei aus, und in ein Schluchzen ansrechend, sank sie in einen Sessel neben dem Bette. Leopold war bisher angelljchcintich nicht bei vollem gewnßtsein gewesen, doch der Anblick der weinenden Nulter brachte ihn zur Besinnung. ״Mutter!" rief er, in Thränen auSbrcchend, ,Mutter! ich will's nimmer wieder thun! — O, ver- (eü)! verzeih! — ich wcrd's sicherlich nie i!n Leben meder thun!" Frau Hcrzfeld zog den weinenden Knaben an sich rnd streichelte ihm die thränennberflnthetcn Wangen. ״Nie darfst Du es wieder thun, Poldi — nie! — nie! — sonst sterbe ich." ״Niemals, Mutter!" bethcnerte der Knabe, sich noch fester an sie schmiegend, ״o, glaub mir doch, — ich werdccs nie wieder thun! — Aber Du darfst nicht weinen! — Deine Thränen brennen mich hier und hier!" Er deutete auf Kopf und Brust und rang wimmernd die Hände. ״Ich glaube Dir ja,!nein liebes, liebes Kind." flüsterte Frau Hcrzfcld, indem sie!ui; übergroßer Anstrcngung die ausstcigcuden Thränen znrückdrängtc, ״ich bin überzeugt. Du wirst nie wieder den Sabbath entweihen, denn ich weiß. Du hast nur Kopfschmerzen, weil es Dir so sehr leid thnt, das; Du cs heute gethan hast." Leopold zog ihre Hand an seine glühenden Lippeu, dann blickte er zu ihr empor mit unheimlich funkelndcn Augen. ״Hast Du mich noch lieb, Mutter?" Sie neigte bejahend das Haupt und berührte mit ihren Lippen seine Stirn. ״Noch ebenso lieb wie früher?" fuhr er dringend fort, und cS lag eine Seeleuangst in seiner bebenden Stimme. ״Gewiß,!nein Kind, gewiß, noch ganz ebenso lieb wie bisher — beim ich weiß, daß Du wissentlich nie wieder ein Unrecht thun wirst." ״Nie! — nie!" stieß er bebend hervor. Seine Aufregung schien sich noch zu steigern, man sah die Pulsadern au den Schlafen pochen. ״Mutter! Mutter! — verstehst Du Hebräisch? — Wcnichresoh hanefcsch ha hi! — Weißt Du, was das heißt?" ״Aengstige Dich doch nicht, mein Herzenskind — Gott fiel)! Deine Rene und wird Dir sicherlich verzeihen." ״Aber Du weinst schon wieder! — Deine Thränen brennen mich!" ״Nein, Kind, nein, ich weine nicht." Sie sah sich ängstlich um nach ihrem Manne und wollte ihn ersuchen, ihr die Flasche mit Wasser näher zu stellen, denn sie selbst konnte den Kranken nicht verlassen, er hielt sie mit beiden Händen umklammert. — Aber Herzfeld war nicht mehr da. nnbemerkt hatte er daS Zimmer verlassen. Er hatte noch einen Boten zum Arzt geschickt, ihn ersuchen lassen, sein Kommen zu beschleunigen, denn der Zustand' des Kindes flößte ihn: die ernsteste Besorgnis; ein. — Heber die Ursache der Krankheit konnte er sich nicht täuschen. — Die Lippen fest aufeinander gepreßt, die Stirn in tiefe Falten gezogen, lehnte er in die geöffnete Thür seines Bcrkaufladens und blickte die Straße hinans, ob er den Arzt noch nicht kommen sehe. — Aber nahezu eine Stunde verging, bevor der Erwartete erschien. — Hcrzfcld litt inzwischen Höllenqualen. Wenn sein Kind der Krankheit erliegen würde, er, er allein hätte es auf dem Gewissen. Im Geschäft war im Augenblick nicht gerade übermäßig zu thun. er hätte wohl hinausgeheu können zu dem Kinde, aber er getraute sich nicht. Endlich kain der Arzt. Hcrzfcld begleitete ihn hinauf in seine Wohnung bis zu dem Krankenzimmer, doch er selbst ging nicht mit hinein. Aber er hatte die Thür nicht vollständig geschlossen, und stand nun an der Spalte und blickte zu dem Bette hinüber, wo der Arzt sein Kind untersuchte, und lauschte mit angehaltenem Alhcm auf die halblauten Fragen und Es währte eine geraume Zeit, bis der Arzt znrückkam. Hcrzfcld begleitete ihn wieder hinunter und ängstlich forschend hing sein Blick au dem ernsten Gesicht des Hin unterschreitenden. Der Hals war ihm wie;!!geschnürt, kaum daß er die Frage nach dem Desinden des Kindes über die Lippen bringen konnte. Der alte Mann zuckte die Achseln. ״Es scheint eine ernste Krankheit im Anzüge, das darf ich Ihnen nicht verhehlen. — UcbrigcuS — hoffen wir auf Gottes Hülfe." Hcrzfcld fühlte sich nahezu gebrochen und lehnte, wie der Stütze bedürfend, au das Geländer der Stiegen. Sollte er wieder hinausgeheu, um dafür zu sorgen, daß die Anordnungen des Arztes pünktlichst vollzogen würden? — seine Frau allein war dieses nicht im Stande, sic konnte keinen Schritt vom Krankenbette weichen. Aber im Geschäft ward's jetzt lebhafter: ohne ihn konnten seine Leute die Arbeit nicht bewästigen, er eilte daher nur auf einen Augenblick hinauf, um einen seiner Dienstboten zur Stütze seiner Frau in das Kraukenzimmcr zu schickcu, dann kehrte er wieder zurück in das Vcrkaufslokal. (Fortsetzung folgt.)