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Jeschurun · 1887-09-01 · Heft 35 (1.9.1887) · p. 551

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 35 (1.9.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-09-01
Page
551 (sequence 2)
Language
German
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551 ..Was hast Du nur, Poldi?" fragte er, indem! er seinen Arm in den des Andern schlang, ״mir i scheint, Du hast Augst vor Deiner Mutter, weil Du; geschrieben hast." . Leopold athmcte tief auf, cs war fast wie ein Acchzcn. aber er erwiderte nichts; unverwandt haftete sein Blick auf den ersten drei Fingern der rechten Hand, zwischen denen er die Feder gehalten. ״Brauchst Dich nicht zu fürchten," fuhr der Andere tröstend fort, ״wir sind doch die zwei einzigen Juden in der Klasse, und ich verspreche Dir, ich werdc's Niemanden erzählen, da kann Deine Mutter cs unmöglich erfahren/ Leopold erwiderte abcrnrals nichts, noch immer blickte er aus die Finger, die er, als wären sic während des Schreibens erstarrt, noch immer so hielt, als wäre eine Feder dazwischen. ״Aber Du mußt Dir die Hände waschen, bevor Du hincingchst zu Deiner Mutter, Du hast ja die Finger voll Tinte." Ein Acchzcn entrang sich abermals der Brust deö erregten Knaben. ״Es wird nicht abgchcn," murmelte er in sich erschauernd, ״nie!" ״Es wird schon abgehcn," tröstete der Andere, ״nimm nur gehörig Seife." Leopold schüttelte den Kopf. ״Am Sabbath wasche ich mich nicht mit Seife." Sein Kamerad blickte ihn verwundert an, dergleichen hatte er noch nie im Veden gehört, denn seine Eltern hatten von jeher den Sabbath entweiht. Doch sic hatten jetzt seine Wohnung erreicht; er ries den üblichen Gruß der Gymnasiasten ״scrvus" und eilte in das Haus. 8״m׳vu8", erwiderte Leopold tonlos, und langsamcn Schrittes legte er noch die kurze Strecke bis 311 dem eigenen Heim zurück. Er pflegte sonst durch das Geschäftslokal zu gehen, auch am Sabbath, wenn er ans der Schule kam. Heute mtcb er es. Warum? — Das hätte er selbst schwerlich angebcn können. Er ging am Geschäfte vorüber um die Ecke und gelangte durch die andere Straße sofort in das Wohnhaus. Zögernd schritt er die Stufen hinan, die zu der im ersten Stock besindlichen Wohnung führten. Seine Schwester Bertha kam ihm entgegen. ״Warum gehst Du jo langsam, Poldi? — bist Du müde?" Er mnrntelte einige unverständliche Worte. ״Komm, wasche Dich nur gleich, wir sind schon beim Essen." Sie zog ihn mit sich in die Küche, wo sie sich vor dem Essen zu waschen pstegten. Mechanisch folgte Leopold ihrer Aufforderung, dann begaben sich beide in das Familrenzimmer. ״Was ist Dir, Poldi?" rief Herzfeld dem Knaben entgegen, der bleich und zitternd seinen gewöhnlichen Platz am Tische cinnahm. ״Poldi muß krank sein," entgcgucte Bertha, angstlich auf den Bruder blickend, ״er ist auch so langsam die Stiege heramgcgangcn." Frau Herzfeld war hastig anfgestanden und legte prüfend ihre Hand an die Stirn des Kindes, doch so wie dieses die Berührung ihrer Hand empfand, ward sein Zitlern heftiger. Aber er ergriff ihre Hand und zog sie an seine Lippen. — Stirn und Lippen glühten. ״Poldi. mein Kind, Du mußt Dich niederlegen," sprach sie, den Knaben an sich ziehend, ״zum Essen wirst Du ohnehin keine Lust haben. Hast Du Durst?" Der Knabe neigte bejahend daS Haupt und leerte hastig das GlaS Wasser, das die Mutter ihm bot. Wie erleichtert athmete er auf, aber das Zittern ließ nicht nach. ״Ich werde Dich ins andere Ziinmcr tragen, daß Du Dich ins Bett legen kannst," sagte Herzfeld, und wie ein kleines Kind hob er den zwölfjährigen Knaben und trug ihn sorgsam in das Nebenzimmer. Aengstlich blickten die übrigen Kinder ihm nach, während die Mutter folgte. In der Nähe des Bettes ließ sich Herzfeld mit dem Knaben nieder und half ihn entkleiden, während seine Frau die Polster ordnete und die Decke zurückschlug. Er war ein zärtlicher Vater, und angstvoll haftete sein Blick an dem bleichen, zuckenden Antlitz des Kindes, dessen dunkele Augen unheimlich stückelten. ״Poldi, mein Herz, was ist Dir? — thnt Dir was weh?" Leopold bewegte die Lippen, aber man vernahm nur ein undeutliches Murmeln. Vorsichtig hob der Vater ihn in das Bett und legte ihn nieder. ״Ich werde Eis holen lassen," sagte die Mutter leise, ״er hat starke Hitze." Herzfeld nickte zuslinnuend. ״Das wird uothwendig sein," jagte er. Eben wollte auch er die Stirn deö Kindes mit der Hand berühren, als dieses sich hastig ausrichtete und wild um sich blickte. Die Ellern sahen einander bestürzt an. ״Ich werde den Doktor rufen lassen," flüsterte Frart Herzfeld und eilte in daS anstoßende Zimmer. ״Poldi, Poldi, was hast Du nur? — sage mir doch, was Dir ist?" Der Knabe schaute zu dem Vater empor und wie ein Schauer durchrieselte eS ihm. Plötzlich hob er die rechte Hand und starrte auf die drei ersten Finger, die noch immer so gebogen waren, als hielten sie eine Feder. ״Schau," murmelte er, ״schau! — ich kann auch am Sabbath schreiben."

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