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Jeschurun · 1887-08-25 · Heft 34 (25.8.1887) · p. 538

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 34 (25.8.1887)
Article
Über die jüdischen Verhältnisse Griechenlands
Date
1887-08-25
Page
538 (sequence 2)
Language
German
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538 Juden in Vöotien und Negrcpont gegeben vor der Ausweisung aus Spanien. Bei einer Bevölkerung von 7000 Bewohnern zählt Ehalcis ungefähr fünfzig jüdische Familien, sämmtlich vom Scsardi-Nitus. Alles in dieser kleinen Gemeinde trägt einen wirklich archaischen Stempel, die Litten, die Kleidungsstücke, der Typus. Man ist nicht mehr in der Türkei. Die Muttersprache ist das Neugriechisch; zuweilen werden hebräische Wörter dazwischen gebracht. Auch die Gebete, die Bibel sind in diese Sprache übertragen. Die Ehen werden dort verhältnißmäßig spät gcschlossen; zu dreißig Jahren bei den jungen Leuten, zu zwanzig bei den Mädchen. Ohne von besonders strenger Orthodoxie zu sein, beschließen die Leute zumeist ihr Leben im gelobten Land. Die Meisten wissen nichts von der Thora und verstehen nicht die Gebete, die sie hersagm. Sie bewohnen sämmtlich dasselbe Viertel; das Innere der Häuser bietet wenig Komfort und zeigt nichts von Wohlstand. Die Greise kleiden sich .,ä tu Palikare", tragen die Schaloar oder die Fustanclla sowie den Fez mit dicker Troddel. Die alten Frauen bedecken ihre Haare und tragen die geschmackloseste Frisur. ES ist ein dunkelfarbiger Foulard mit tausend Falten, der dem Kopf eine sehr häßliche Form giebt. Die jungen Leute kleiden sich aus europäische Art. Die Synagoge ist ein neuer Bau und bietet nichts BemerkcuswerthcS, nur daß man auf der Außcumauer etliche Grabsteine mit Inschriften sieht, von denen die älteste auf 5476 zurückwcist. Man hat diese Steine vcrmuthlich aus SparsamkcitSrücksichtcu verwendet. Der Gottesacker nimmt einen sehr großen Raum ein, ist jedoch ohne Umfassung und jeder Entheiligung ausgesetzt. Die ältesten Gräber (ungefähr 200 Jahre olt) sind von origineller Form. Sic stellen eine Art von Tnmnlus in Maucrwerk dar, 3 Meter laug, 1,50 Meter breit. Am Fuße desselben befindet sich eine viereckige Oeffnung; es ist dies ein Loch, inmitten dessen man einen Stein sicht, der die Inschrift trägt. Es sieht ans, als hätte man Werth darauf gelegt, profanen Augen den Anblick dieser Inschriften zu entziehen oder sie derart nnterzubringen, daß sie nicht zerstört werden. Heute bestattet man die Todten in der allerprimitivsten Weise, weder Denkmal noch sonstiges äußeres Anzeichen weist auf das Borhaudenscin von menschlichen Resten. Da der Friedhof keine Unifricdigung hat, wird behauptet, daß die Grabsteine verschwinden wurden, wenn man welche hinsetzte. Die unbemittelte Gemeinde hegt den Wunsch, die uöthige Summe, die zur Einfriedigung des Gottesackers gehört, die auf 20 000 Frank geschätzt wird, zu beschasscn. Ein Rabbiner, Herr Moses Askenasi, aus Konstanliuopel gebürtig, und früher Rabbiner in Kanea. erfüllt die Funktionen eines geistlichen Oberhauptes, des Schachet, des EHasan und des Lehrers der hebräischen Sprache. In dieser letzten Eigenschaft erhielt er von der Negierung 60 Drachmen monatlich. Leider wird sein Neligionsunierricht nicht besucht. Derselbe findet iu einem der Synagoge angebautcn Saal statt; jedoch wohnen demselben die Schüler, die die griechische Schule besuchen, sehr selten bei. Die Israeliten von ChalciS sind gewöhnlich nicht bemittelt. Die meisten jungen Mädchen beschäftigen sich zu Hause mit Stickereien, um einige LeptaS zu verdienen und ihren Ettern beizustehcn. Nach den Erkundigungen, die ich in ChalciS eingezogen, gab es im Peloponucsis vor dem Freiheitskriege mehrere jüdische Gemeinden, von denen die bedeiitendste diejenige von Theben war, wo sich heute noch — wie es heißt — hebräische Inschriften befinden sollen. Diese Gemeinden haben unter dem zerstörenden Einfluß dieses Krieges gelitten, und ihre Ucberrcste wurden nach allen Seilen zerstreut. Ich fand in ChalciS einen Glaubensgenossen mit Namen CreSpin, dessen Pater aus Theben stammte. Die Gemeinden von Äanina, Korfu, Zante, Kanea, Polo, Larissa zählen gewiß etliche Mitglieder, die anö Morea stammen. KorrcsDttdeilzcil uub Nachrichten. Deutschland. * Nürnberg, l3. August. Iu der vierten und letzten Vortragösitzung des Kongresses der Anthropologen am Donnerstag begann die Reihe der Bortrüge mit einer Darlegung v. Töröks (Budapest) über das Bcrhältniß des Menschenschädels znm Asfenschadel. Au mehreren Schädeln aus den verschiedensten Altersstufen des Gorillas führte Redner den Nachweis, daß von einer eigentlichen Berwandlschast des Gorillas mit dem Menschen nicht die Rede sein könne. Der Verlauf der Forschung auf bciu Gebiete der Entwickelungslehre habe eigentlich keine der beiden sich ciitgcgeiistchendcn Parteien befriedigt. Die Darwinisten seien enttäuscht worden, insofern sich kein Beweis für die Abstammung des Menschen vorn Affen habe auffinden lassen. Aber auch der Triumph der Gegner habe eine starke Dämpfung erfahren, insofern die Entwickelungslehre an sich als logisches Postulat Grundlage der gefammten neueren Naturwissenschaft geblieben bezw. geworden sei. (?) Ohne die monistische Weltausfassung müßte die Naturwissenschaft den Boden unter ihren Füßen verlieren, und schon Karl Ernst v. Bacr habe dies vorverkündct, als

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