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Jeschurun · 1887-08-25 · Heft 34 (25.8.1887) · p. 537

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 34 (25.8.1887)
Article
Über die jüdischen Verhältnisse Griechenlands
Date
1887-08-25
Page
537 (sequence 1)
Language
German
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M 34. Jeschiirun. lieber die iiibifdjeit perljäitniffe Grirchenlards enthält bei* jüngste ״Monatsbericht" der ״All. isr. univ. aus der Feder des Herrn Parientc, Direktor der Alliance-Schule in Smyrna, folgenden Bericht: Die Zahl der in Athen lebenden Israeliten beträgt znr Zeit ungefähr 250 Seelen, wonmtcr einige Afchkenasim. Die Scfardim stammen anö Konsiantinopel, Smyrna, Salonichi, Iauiua oder den jonischen Inseln. Es sind im Ganzen 40 Familien, die fast sämmtlich dasselbe Stadtviertel bewohnen. Die Niederlassung der Juden in der griechischen Hauptstadt hat vor!׳;-׳-gcsähr 30 Jahren stattgcfundcn; es waren zuerst nur Einzelne, deren Kinder in der völligen Unkcnntniß der Gebräuche unserer Religion aufwuchsen. So sah ich einige 25jährige junge Leute, die nicht einmal hebräisch lesen konnten. Wenn ein Knabe zur Welt kam, ließ man irgend woher einen Mohcl kommen, und das war Alles. Weder NeligionSunterricht noch gemeinsames Gebet; die meisten Zeremonicn des Kultus wurden vergessen oder vernachlässigt. Erst seit zwei Jahren hat Herr Haun Cohen, der aus Smyrna gebürtig sich damit besaßt, die kleine Gemeindc zu organisircn. Zn diesem Zwecke micthcte er ein Zimmer als Synagoge und kaufte zwei Seforim. Cr selbst besorgt das Amt eines Hazan, Schohet für Geflügel und Mohcl. Er übernimmt diese Funktionen gratis mit einer Hingabe, die alles Lob verdient. Es gelang ihm auch, vom Staate rin Grundstück zum Zweck eines Friedhofes zu erlangen. Früher bestatteten die Juden ihre Tobten ir! einer Eekc des griechischcn Kirchhofs. Die Kinder beiderlei Geschlechts besuchen die griechischen Schulen, wo sie gern gesehen sind und nnentgeltlich ausgenommen werden, wie die Nichtjuden, mit denen sie in völliger Eintracht leben. Bor Kurzem wurde ein christliches Kind aas das strengste bestraft, weil es einem jüdischen Kinde gegenüber den häßlichen Ausdruck Tchifut gebraucht haue. Ein junges, jüdisches Mädchen, welches ihr Examen abgelegt hatte, war Lehre»in in einer öffentlichen Schule Athens. In dieser Hinsicht steht folglich Alles sehr gut, E8 ist nur bebäuerlich, daß die israelitischen Kinder, in Ermangelung eines Rabbiner, keinen Religionsunterricht genießen. DaS Lokal, welches zur Synagoge dient, ist ein sehr schlechtes. Es ist ein enges und niedriges Zimn»er, das kaum 20 Personen fassen kann. Die übrigen Gläubigen stehen im Hof. Ich habe dort israelitische Soldaten gesehen, die zu Pfingsten dem Gottesdienste beiwohnten. Man nimmt von dieser Betstube den traungstcn Eindruck mit; es läßt dort Alles zu wünschen 537 übrig und kann dem Ansehen der Israeliten, besonders in einer Stadt »vie Athen, nur schaden. ES ist wohl wahr, daß die Regierung den Israeliten ein Terrain zum Bau einer Synagoge znr Disposition gestellt; dasselbe befindet sich aber in einiger Entfernung vom Mittelpunkt der Stadt, und dann, woher sollen die Mittel zu einem solchen Ban genommen werden? Wenn die Gcmciitde eine schöne Synagoge besäße, würde das Judenthum in Griechenland mehr Ansehen gewinnen; dann würde auch die Gemeinde einen offiziellen Charakter beko»nmcn, den sic bisher nicht hat; sic würde sich unter dem Schutz der Gesetze dieses Landes entwickeln, und falls sie noch das Glück hat, einen guten Rabbiner zu finden, würden ihr die Elemente zu materiellem und moralifdjcxn Wohlergehen nicht fehlen. Man hat mir versichert, daß in Athen 200 bis 300 jüdische Familien ihr Auskommen sändcn, besonders diejenigen, »velche nicht, ganz mittellos sind, dürften in Griechenland für ihre Intelligenz und ihre Thätigkcit Spielraum finden. Cs wäre auch dies für das nicht reiche Land ein Element des Wohlstands, »vo die Industrie, der Handel und Ackerbau noch viel zu wünschen übrig lassen. Die politische Lage unserer dortigen Glaubensgenossen ist eine vorzügliche. Die griechische Konstitution, ebenso tolerant »vie liberal, macht nicht den mindesten konfessionellen Unterschied. Diese Toleranz ist auch in die Sitten übergegaugen, denn obgleich die meisten Israeliten von ottomLnischer Herkunft sind, leben sie in vollkommener Harmonie mit den Griechen und können sich ohne irgend welche Störung ihren Geschäften widmen. Die »vohlhabcndstcn habe»» griechische Associe'-s, und man sieht Firmen wie: ״Levh-Bassiliadcs- Arabontimo.S" oder ״Cocn-Lecos". Unsere Glaubensgenossen, beglückt unter solchem Regime zu leben, erfüllen gewissenhaft ihre bürgerlichen Pflichten. Ich habe jüdische Soldaten aus Chalcis und Corfu gesehen. Bei Gelegenheit unserer Feiertage erhalten dieselben leicht eine Beurlaubung. Die athenischen Israeliten von fremder Herkunft werden sieh bald um die griechische Nationalität bewerben. Wenn man sich einmal in Griechenland befindet, kann man cS sich nicht versagen, die merkwürdige und alte Gemeinde von Chalcis auf der Insel Euböa zu besuchen. Die Uebersahrt vom PireuS nach Chalcis dauert per Dampfer 10 Stunden. Bein» AnSsteigen frappirte »itich der Anblick einer hebräische»! Inschrift ans einem in der Umfassungsmauer eingelassenen Stein, zur Rechten beim Eingang der Stadt. Es ist ein Grabstein, welcher aus dem Jahre 5080 datirt ist, »vas den Beweis lieferte, daß die dortigen Israeliten nicht von kastilianischcr Herkunft sind, oder vielmehr, daß eS

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