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Jeschurun · 1887-08-25 · Heft 34 (25.8.1887) · p. 536

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 34 (25.8.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-08-25
Page
536 (sequence 3)
Language
German
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536 feine Mutter den Direktor ersucht, ihn am Sabbath unb an den Feiertagen vom Schreiben und Zeichnen zu dispensiren. Der Direktor, ein human denkender Mann, hatte ihrer Bitte entsprochen und den Professoren aufgetragen, den kleinen Herzfctd an den isractiti'chen , Feiertagen nicht zum Schreiben an;«halten. Bon seinen! Mitschülern hatte der Knabe jedoch!blanche Neckerei zu ertragen, und hin und wieder machte ein griesgrämiger Lehrer wohl auch die Bemerkung, daß das Nichlschreiben am Sabbath der Faulheit allzu großen Vorschub leiste. Der stolze Knabe fühlte sich hierdurch jedesmal tief verletzt. Und wenn er dann nach Hause kam und seinen Vater jedesmal im Geschäft traf und nicht selten ihn auch schreiben sah. dann füllten zornige Thränen sein Auge, daß er der Arbeit sich enthalten mußte und dafür Hohn und Tadel erntete, während sein Vater ungehindert seiner Gcschäflsthätigkeit oblag. — War eS denn ein Unterschied, im Geschäft zu schreiben oder in der Schule'? Einige Mal hatte er bereits den schüchternen Versuch gemacht, die Mutier zu bewegen, ihr Verbot!n Betreff des Schreibens am Sabbath zurückzuuehmen — ober die Mutter war dnrch jeden derartigen Versuch in so heftige Erregung geralheu, daß der gutmülhige Knabe sich vorgcnommen hatte, nie wieder darüber zu sprechen und lieber die Spöttereien der Kameraden, so gut es ging, zu ertragen. — Wenn er tun* wüßte, warum der Vater eS sich so ungehindert erlauben konnte. — Wenn cS in Wirklichkeit ein so großes U11recht war. wie die Mutter behauptete, und wie er solches in der NeligionSstnnde allerdings auch gelernt hatte, würde der Vater da nicht doch Anstand nehmen, eS zu LHnn? Es war an einem Sabbalhvormittag, die Schüler der dritten Gymnasialklasse hatten zum ersten Mal in diesem Semester eine sogenannte schriftliche Schularbeit. Alle befanden sich in einer gewissen Erregung, denn nach dieser Arbeit erfolgte die Klassifikation. Allgemeines Schweigen herrschte im Schulzimmer,;nan vernahm nichts als das Kritzeln der Federn, die über das Papier glitten. Der Professor saß in seinem Katheder, hin und wieder schweifte sein beobachtender Blick über die jugendliche Schaar, da gewahrte er einen Knaben, der ohne zu schreiben müßig da saß. Der Professor zog die Stirn in Falten. ״Aber. Herzfcld! was ist denn das? warum schreiben Sie nicht?" Der Knabe erröihcte. ״Wirhaben heute Sabbath," cntgegnete er schüchtern, ״ich darf heute nicht schreiben." . ״WaS haben Sie heute?" spöttelte der Professor, ״SchaabeS?" - Die ganze Klasse kicherte,- der Knabe erröthcte noch stärker, seine Angen füllten sich mit.Thränen. ״ ׳Also wegen des SchaabeS machen Sie auch keine Schularbeit?" ״Ich darf nicht," flüsterte der Knabe. Der Professor zuckte die Achseln. ״Ich kann Sie freilich nicht zwingen, an Ihrem SchaabeS zu schreiben, aber sagen Sie mir nur, wie soll das werden? wenn Sie keine Schularbeit liefern, so muß ich anuehmcn, daß Sie nicht arbeiten können, und muß Sie daher als den Letzten in der Klasse betrachten. — Wird Ihnen das recht sein?" Der kleine Herzfeld erwiderte nichts, nur mit Mühe unterdrückte er ein hörbares Weinen. ״Wer hat Ihnen das Schreiben denn verboten?" forschte der Professor weiter. ״Meine Mutier." ״Aha, die Mutter — hätte mirs freilich denken können, denn Ihren Vater habe ich heute vor acht Tagen in seinem Geschäft gesehen, und er hatte die Feder hinter dem Ohr; wenn er sie nicht vielleicht vom Freitag her dort vergessen hatte, so hat cr sie vermnthlich am SchaabeS gebraucht." Er betonte das vorletzte Wort wiederum so eigen- Lhümlich, daß die Schüler erkannten, er wollte abermals einen Witz machen und pflichtschuldigst abermals kicherten. ״Aber Sie, Herzfeld, sagen Sie mir nur, wenn Ähr Vater anr SchaabeS schreibt, warum dürfen Sie cs denn nicht? — haben'S vermnthlich die Mutter angebettclt, sie sott den Herrn Direktor bitten, daß er Sie am SchaabeS vom Schreiben dispensirt. Gelt? ich hab's errat Heu?" Der Knabe schüttelte heftig daS Haupt, zn reden vermochte cr nicht. ״Sie behaupten, es wäre nicht wahr, ich glaube es aber doch, denn der Sohn hat sich weniger nach der Mutter als nach dem Vater zn richten, und wenn der Vater am Sabbath schreibt, so darf der Sohn eS getrost auch thun. Also bedenken Sie, was wird Ähr Vater sagen, wenn er erfährt, daß Sic der Letzte in der Klasse sind?" ״Mache die Schularbeit," flüsterte Herzfelds Nachbar diesem zu. ״Ich habe kein Heft da," cntgegnete dieser in demselben Flüsterton, ״und auch keine Feder." ״Ich borge Dir beides," erwiderte der Nachbar, indem cr ein Heft und eine Feder vor dem Andern auf den Pult legte. ״Recht so, Kahn," lobte der Professor, ״den Nebenmenschen unterstützen, ist unsere Pflicht, und Sie, Herzfeld, frisch drauf los. Sie waren im vorigen Jahr der Erste, ich glaube, Sie könnten es nicht ertragen, jetzt der Letzte zu sein." - (Fortsetzung folgt.)

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