Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-08-25 · Heft 34 (25.8.1887) · p. 535

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 34 (25.8.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-08-25
Page
535 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932789-2936369--25822-2936418
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

״So bald schon?" fragte Adolf. Der AelLcre erwiderte nichts, sinnend blickle er eine Zeit lang vor sich nieder, dann sprach er: ״Ich habe ein ziemlich ausgedehntes Geschäft, habe drei junge Leute, denen ich allerdings kein sehr hohes Gehalt, dafür aber Kost und Logis gebe. Bis vor Kurzem hielt ich sie sämmtlich für brav und ordentlich, vor vierzchn Tagen jedoch erfuhr ich, daß einer von ihnen am Sabbath mit einer brennenden Zigarre gesehen worden sein soll. Als ich ihn darüber zur Rede stellte, erklärte er, das ginge mich nichts an, wenn er nur im Geschäft seinen Obliegenheiten nachkomme, brauche er mir von allem Uebrigen nicht Rechenschaft zu geben. Dem konnte ich natürlich nicht widersprechen, aber ich habe ihm sofort gekündigt, und im nächsten Monat verläßt er mein HauS. DaS heißt, unsere Wohnung hat er sofort verlassen müssen, meine Frau wollte ihn auch nicht eine Nacht mehr unter nnserm Dache dulden, inan soll nicht sagen können, daß einer unserer Hausgenossen mit unserem Wissen den Sabbath entweiht. Ich zahle ihm daher anderortS sein Logis und meine Frau schickt ihm das Essen hinunter ins Geschäft. Aber, wie gesagt, nächsten Monat muß er seinen Posten verlassen und tritt dann bei mir eine Vakanz ein. — Wie wär's, wenn Sie,!nein junger Freund, in!nein Geschäft cintvctcn würden?" So rasch sich am Ziele zu sehen, das hatte Adolf nicht zu hoffen gewagt; vor innerer Erregung brachte er im ersten Moment kein Wort hervor. Sein Geführte mißverstand sein Schweigen. ״Sic brauchen sich durchaus nicht zu gcnircn, meinen Antrag zurückzuweisen, ich glaubte nur, Ihnen dadurch einen Dienst zu erweisen, wenn Sie cS jedoch vorziehen, in W.... einen Posten zu suchen —״ ״Nein — 0 nein!" stau!melke der junge Mann, ״ich bin nur —" Thräncn erstickien seine Stinune. ״Um des Hinimctswillen! was ist Ihnen? — ich bin Ihnen doch in keiner Weise zu nahe getreten — ich weiß in der That nicht, wodurch ich Sie verletzt haben könnte. — Wollen Sic mir nicht sagen, was Sie haben?" Aber es währte noch mehrere Minuten, bevor der mächtig erschütterte Jüngling der freundlichen Aufforderung zu entsprechen vcrntvchtc. Endlich gelang cS ihm, sich zu fassen. ״Ich weiß in der That nicht, wie ich Ihnen danken soll," sprach er, noch immer mit bebender Stinune, ״und ich weiß nicht, wie ich Gott genug danken kann — daß Er es so gefügt — noch vor dem Ziel meiner Reise — bin ich am Ziel." Er wandte sich hastig zum Fenster, sein Antlitz, von Neuem durch Thrünen überfluthct, zu verbergen. Mit inniger Theiinahme weilte der Blick seines Reisegeführten auf ihm. ״Sie nehmen meinen Antrag demnach an?" Adolf ergriff die Hand des gütigen Mannes und drückte sie an seine Lippen. ״Sie werden es nie bereuen, ihn mir gestellt zn haben. — Mit allen mciucn Kräften werde ich darnach streben, Ihnen meinen Dank zu beweisen. — Mein Gott! — wer hätte das gedacht! — Ich bin Ihnen vollständig fremd — Sie wissen nicht einmal meinen Namen, und —" ״Und kenne Sie dennoch," fiel der Andere lächelnd ein. ״Ja, ja, schauen Sie mich nur so ungläubig an, ich kenne Sie ganz genau und ich weiß mit Bestimmtheit, daß Sie ein braver, gcwissenhaster junger Mann sind. Was Ihren Charakter betrifft, so bin ich überzeugt, daß ich mich auf Sie verlassen kann, lieber Ihre Tüchtigkeit im Geschäft steht mir allerdings kein Urtheil zu — aber Sie sehen nicht ungewandt aus, und Sie haben erwähnt, daß Ihr voriger Chef ausdrücklich erwähnt hat, daß er mit Ihren Leistnngen zufrieden war. — Ich aber glaube Ihnen anfS Wort und glaube daher mit Bcstinnnthcit, daß ich auch mit ihren Leistungen zufrieden sein werde. — Daß ich Ihren ׳Namen nicht kenne, daö ist allerdings wahr — doch dem könnten Sie leicht abhelfen. Also, mit wem habe ich die Ehre?" ״Ich heiße Adolf Wollncr, und bin aus B.... in Mähren." ״So, jetzt weiß ich Ihren Namen, jetzt will ich Ihnen auch meinen Namen sagen. — Ich heiße Nathan Fricdhcim, Chef des Hauses M. S. Friedheim & Sohn in OVorstandsmitglied des KultusvorstandeS der israelitischen Gemeinde und Präses der BeerdignngSbrndcrschaft. — Jetzt wissen Sie meine volle Firma. Ich hoffe mit Znversicht, wir werden gegenseitig mit Niemanden znsrieden sein. Und da Sie nicht nur in mein Geschäft, sondern, wie alle meine jungen Leute, auch in!nein Haus cintrctcu werden, so will ich Sic auch im Vorhinein mit meiner Farnilie bekannt machen. Ich habe eine Frau und eine Tochter." So plauderte der wackere Mann noch eine Zeit lang, bis es ihm gelungen war, die Aufregung deö Jünglings, für den er sich auf das Lebhafteste interessirtc, zu beschwichtigen. Sechstes Kapitel. Ein Jahr war verflossen. Herzfeldö ältester Knabe hatte sein zwölftes Jahr znrückgclegt. Er war ein gut gearteter fleißiger Knabe, hatte die beiden untersten Klassen des Gymnasiums mit Auszeichnung durchgemacht und war jetzt in die dritte Klasse cingetreten. Vor seinem Eintritt in das Gymnasium hatte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.