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Jeschurun · 1887-08-18 · Heft 33 (18.8.1887) · p. 520

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 33 (18.8.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-08-18
Page
520 (sequence 3)
Language
German
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520 und das milde Auge ihrer Mutter blickte zärtlich zu ihr hernieder. Wessen Auge blickte auf ihn in Liebe hernieder? Die Verlassenheit seiner Lage übcrkam ihn plötzlich mit nie geahnter Macht, und che er sich dessen versah, stürzten ihn! die Thrüncn aus den Augen. — Er weinte laut, aber Niemand hörte ihn, das Rasseln der Wagen übertönte sein Schluchzen. Doch allmählich ward cs ihm leichter, seine Thräncn flössen sanfter und wie erleichtert athmete er auf und trocknete die Thräncn überflntheten Wangen. Es war Vollmond, die Gegend ringsum nahezu taghell erleuchtet. Gcspeusterhast huschten die Telegraphcnstangcn an dem Hiuansblickeudcn vorüber und näher, immer näher schien der Tannenwald zu kommen, dcr dort am Horizont dunkel sich hob. — Und hin und wieder flog cs wie ein Feuerregen an ihm vorüber, wenn der Wind den Rauch aus der Lokomotive dorthin trieb. — Ihm war, als vernehme er ein Knistern und die Erinnerung an jenes nmheimliche Knistern, daS er vor wenigen Tagen in Herzfclds Keller vernommen, machten ihn erschauern. — In sich erschauernd schloß er die Augen. — Nun aber erblickte er in furchtbarer Deutlichkeit die furchtbaren Flammen, die wie ein Feuermeer den ganzen Raum, in dem er sich befand, zu überfluthen drohten. — Mit Gewalt riß er die Augen wieder auf. Gott sei Lob und Dank! er war in Sicherheit, nirgend eine Flannne, nur der Mond schien hell und Myriaden Sterne schienen zu ihm herniederzulächeln. Er athmete hoch auf, doch erschöpst lehnte er abermals zurück in die Wagcneckc, aber mit der festen Absicht, die Augen nicht wieder zu schließen. — Aber das Gerassel der Wagenräder und Ketten schien ihnr allmählich leiser zu werden und allmählich, ganz allmählich schien es überzugehen in eine süße Melodie, die er einst vor vielen, vielen Jahren vernommen. Und eine sauste liebe Stiinme, die er auch schon lange nicht mehr gehört, glaubte er singen zu hören: ״Schlaf' Herzenosöhucheu, mein Liebling bist Du, Mache die blauen Guckaugclcin zu. Alles ist ruhig und still in dcr Nacht, Schlafe, ich n׳ehre die Fliegen Dir ab." Gehorsam schloß er die Augen, und bald umfing ihn ein sanfter, ruhiger Schlummer. Freundliche Bilder führte dcr Traumgott vor seine Augen. Eine schöne Frau mit wunderbar milden Angen blickte lächelnd zu ihm hernieder — er hatte sie lange nicht gesehen, aber er erkannte sie sofort. ״Mutter! Mutter!" ries er jauchzend und streckte die Arme ihr entgegen. Sie neigte sich zu ihn! und berührte mit ihren Lippen seine Stirn. ״Hast Du schon gebetet?" fragte sie. Da richtete er sich ans in seinem Bettchen, drückte die Kappe, die die Mutter ihm reichte, auf seine Locken und sprach mit Heller Kindcsstiiume: ״Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, Gott ist nur Einer! Gepriesen sei Sein Name, der die Herrlichkeit Seines Reiches bekundet, für und für!" Und dann sprach er: ״Siehe, cs Zchläjt nicht und schlummert nicht dcr Hüter Israels. — Auf Deine Hülfe hofft ich, Gott! — Ich hofft, Gott, auf Deine Hülfe. — Gott, auf Deine Hülfe hoffe ich!" Da hauchte die Mutter abermals einen Kuß auf feine Stirn. ״Gute Nacht, mein Liebling, jetzt wirst Du ruhig schlafen." Und ruhig schlummerte er weiter. Da ertönte ein langgedehutes schrilles Pfeifen der Lokomotive, der Zug rollte langsamer und deshalb noch geräuschvoller und erweckte den Schläfer aus seinen Träumen. Er schlug die Augen auf und blickte um sich, er wähnte, sie erst vor wenigen Minuten geschlossen zu haben und staunte ob der Helle, die er dem Moudcslicht zuschricb, — er wendete sich zum Fenster, aber die Sonnenstrahlen trafen blendend sein Auge. Jetzt ward es ihm klar, er mußte geschlafen haben. — Er rieb sich die Singen, gewiß, er hatte geschlafen — geschlafen und geträumt — noch war cs ihm. als vernehme er die Stimme seiner Mutter, die er im Traum vernonuncn. Er öffnete das Fenster und lehnte hinaus, und erfrischend streifte die Morgenluft seine pochenden Schläfen. Da gewahrte er einen Brunnen unmittelbar vor dem Bahnhöfe, in den dcr Zug jetzt eiufuhr. ״Das ist gut/' murmelte er in sich hinein, ״meine liebe Mutter soll mich nicht umsonst erinnert haben." Der Zug hielt, die Schaffner öffneten die Thürcn des ׳Waggons mit dem Bemerken, daß hier fünf Minuten Aufenthalt. Adolf sprang hinunter über das Trittbrett und eilte zu dem Brunnen, ließ den Wasserstrahl über beide -Hände rinnen und badete auch das Antlitz in dem kühlen Naß, und sichtlich erfrischt kehrte er zurück in sein Koupce. Dcr Zug setzte sich wieder in Bewegung. Adolf schloß das Fenster, dann nahm er seinen .Handkoffer herunter aus dem Netz, öffnete ihn und nahm seine Gebetriemcn heraus und ein kleines Gebetbuch. (Fortsetzung folgt.)

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