Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-08-18 · Heft 33 (18.8.1887) · p. 519

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 33 (18.8.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-08-18
Page
519 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932788-2936277--25758-2936333
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Er mutzte Frau Herzfeld noch versprechen, ihr von Zeit zu Zeit Nachricht von sich zu geben, nament-!ich cs ihr sofort mittheilcn zu wollen, wenn cS ihm gelingen würde, einen Posten zu erhalten, denn die wackere Frau nahm aufrichtiges Interesse an dem Wohlergehen dcö jungen Mannes, der ihr unter so eigenthnmlichcn Verhällnisscn näher getreten war. Er hatte ihr beim Abschied die Hand geküßt, und dann reichte er der kleinen Bertha die Hand, diese schlug herzhaft ei!,. ״Aber Adieu sage ich Ihnen noch nicht, ich gehe mit Ihnen hinunter bis zur Langenstraße. Ich darf doch, Mutter? ich komme gleich wieder." Die Mutter ertheiltc ihre Zustimmung, und die Kleine schritt an der Hand ihres neuen Freundes die Stiegen hinunter, sie hatte ihm noch allerhand gute Nathschläge;1: ertheilen, namentlich ihn noch auf mehrere Geschichten aufmerksam zu machen, die er demnächst lesen möge. Und der junge Mann lauschte ihren Worten mit einer Andacht, als ob das Heil seines Lebens daran hinge. Frau Herzfetd blickte den Beiden sinnend nach, und cS waren eigcnthümliche Gedanken, die sich in ihr regten, ein seltsam glückliches Lächeln umspielte ihre Lippen, wie man es in dem Antlitz der blassen Frau höchst selten gewahrte. Fünftes Kapitel. Es war in später Abendstunde; der alte Wollner hatte seinen Neffen zum Bahnhof begleitet und stand nun auf dem Perron und blickte der davonrollcndcn Wagcnrcihe nach, obgleich sie bereits durch eine Krümmung der Bahnlinie seinen Augen entschwunden war; er aber lauschte noch auf das Rasseln des Zuges, der seinen Liebling in die Ferne trug. Denn der brave Jüngling war ihm ans Herz gewachsen, jetzt empfand er cS mehr als je, je mehr die Leichtfertigkeit und die Herzcnsrohheit der eigenen Söhne ihm diese entfremdete. Daß er selbst in gewisser Beziehung beides verschuldet hatte, wollte er sich noch nicht gestehen. Er fuhr sich wiederholt mit dem Tuche über die Augen und trat dann langsamen Schrittes den Heimweg an; er wollte nicht zu rasch das eigene Heim erreichen, um den Söhnen nicht durch seine sichtliche Erregung über das Scheiden dcö Neffen Anlaß zu neuen Spöttcleieu zu bieten. Auch Adolf war durch den Abschied heftig erregt. Er hatte nie gewußt, daß er dem Onkel so thcuer war, doch als er im Laufe des Nachmittags in den Augen des alten ManucS Thräncn erblickt hari-e, da hatte er sich ihn! laut schluchzend um den Hals geworfen, und der Alte hatte ihn mit väterlicher Zärtlichkeit an sich gedrückt. ״Ich werde Dich sehr vermissen, Adolf, mein Junge — in Wirklichkeit — ich werde dich vermissen. — Hast Du noch Besuche zu machen?" Adolf schüttelte verneinend das Haupt. ״Ich will nur noch hinansgchen auf den ״guten Ort", Abschied zu nehmen von den Gräbern meiner Eltern." ״Ich begleite Dich," sagte der Onkel. Arm in Arm gingen sie hinaus; in ernste Gei danken versunken, wechselten sie nur wenige Worte auf dem ganzen Wege. Doch draußen, am Grabe ihrer Heimgegangenen Lieben, nachdem sie das übliche Gebet in tiefer Andacht gesprochen, zog der Alte seine׳.: Neffen auf's Neue in seine Arme und in leisen, durch Thräncn halb erstickten Worten bat er ihn um Verzeihung, daß er ihn ehedem veranlaßt hatte, um des Erwerbs willen das Gottcsgcsetz zu übertreten. Und dann ermahnte er ihn beim Andenken an seine frommen Ellern, stets brav und fromm zu bleiben, jede Versuchung zu meiden, doch wenn sie von selbst ihm nahe, stets siegreich ihr zu widerstehen. Adolf war tief erschüttert, schweigend drückte er die Hände des Onkels, dann aber sprach er mit leiser, bebender Stimme: ״Ich danke Dir — ich werde diese Stunde nie vergessen. — Und wenn je der Versucher mir naht, möge ich dieses Ortes gedenken, dann werde ich jeder Verlockung widerstehen." Und als er jetzt in die Waggonecke zurückkehrte und Thräncn seine Augen verdunkelten, da glaubte er wieder jene Gräber vor sich zu sehen, so deutlich, daß er die Namen seiner Eltern auf den schmucklosen Sandsteinen lesen konnte. Da öffnete der Kondukteur die Thür und forderte ihn auf, sein Bittet zu zeigen. ״Sie haben schon geschlafen, junger Herr," sagte er, als er seine Forderung widerholte. — Adolf griff hastig in die Tasche und zog seine Karte hervor. ״Wie weit geht dieser Wagen?" fragte er, während der Kondukteur die Karte konpirte. ״Dieser Wagen geht durch bis nach W...., Sie können die ganze Nacht ungestört schlafen. Wünsche wohl zu ruhen," fügte er hinzu und warf die Thür inS Schloß. Adolf lehnte wieder zurück in die Ecke und schloß die Augen, aber er dachte nicht daran zu schlafen, obgleich er sich allein im Koupee befand. Es war zum ersten Mal, daß er die Heimath verließ, zum ersten Mal, daß er einzig und allein auf sich selbst sich angewiesen sühlte, — und auf Gott! — Ihm war'S, als hätte die Stimme der kleinen Bertha diese Worte ihm zugcflüstcrt, unwillkürlich öffnete er die Angen und blickte um sich. — Aber er war allein. Er athinete tief auf, und wie ein Lächeln zuckte cs um seine Lippen als er des lieblichen Kindes gedachte. — Jetzt lag sie gewiß im sanften Schlummer,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.