Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 33 (18.8.1887)
- Article
- Die Versammlung zu Breslau am 5. und 6. Juli
- Date
- 1887-08-18
- Page
- 516 (sequence 2)
- Language
- German
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516 Haben etwa die Gemeinden dieserhalb bei dem ״neuen Nabbinat" angefragt, daß sie hierin die Sanktion einer Bestrebung erblicken, welche sic ohne eine solche nicht ins Werk zu setzen sich getrauen? Wie schwach, wie jammervoll ohnmächtig muß sich das ״neue Nabbinat" suhlen, daß cs eine derartige Erklärung in die Welt hinausznscndcn wagt, um dem schreienden religiösen Rothstand bei den aus der Schule entlassenen Jung-- lingen abzuhclfen, wie der Referent Herr Dr. Vogel stein, Rabbiner zu Stettin, diese Resolution begründete! Der zweite Beschluß geht dahin, eine israelitische Jugeudzeitung entweder zu schaffen oder zu subven׳ tioniren. Zum Dritten beschloß der Rabbinerverband, ״durch geeignete Kräfte in seiner Mitte und mit Hin- Zuziehung von Gelehrten außerhalb des Verbandes ein eneyklopädisches Werk anzutegcu, in welchem der Inhalt des Talmud nach allen wissenschaftlichen Richtungen, bcsonders aber nach seiner ethischen Seile, klar gelegt wird." Zum Vierten wurde der deutsch-israelitische Gemeindebund ersucht, dahin zu wirken, daß diejenigen Gemeinden, welche nicht unter staatlicher Aussicht stehen und in denen kein Rabbiner amtirt, sich den Gemeinden anschlicßcn, in denen ein Rabbiner fuiiftionirt und diesem die Inspcktion ihrer Neligionsschule zu übertragen. Ist cs uöthig, diese Beschlüsse auf ihren inneren Werth und ihre praktische Bedeutung zu prüfen? Vielleicht findet sich ein spekulativer Kopf, der eine Jugeudzeitung herausgeben will. Und das wäre etwas so Bedeutsames, daß die Herren sich deswegen nach Breslau hinbemühcn mußten? Wer aber unter den Herren glaubt wohl im Ernst daran, eine talmudische Encyklopädieanszuarbcitcn? Daß dieser Beschluß nur gefaßt ist, um die Dürftigkeit der übrigen ein wenig zu verdecken, bedarf kaum eines Nachweises. Ein solcher Beschluß ist ja sehr wohlseil und für Niemanden vcrpsiichtend. Jeder einzelne der Herren weiß bei sich selbst, daß er sich an einem solchen Werke schwerlich betheiligen kann, wenn cs wirklich dein Programme entsprechen soll. Dagegen ist nicht daran zu zweifeln, daß der vierte Beschluß durchaus ernst gemeint ist. Die Herren wünschen gewiß sämmtlich, daß ihr Sprengel eine Er- Weiterung erfährt. Angesichts dieser traurigen Oede der Versainmlung des NabbmcrverbandcS gehört ein nicht geringer Grad von Muth dazu, diese Nabbincrversammlung in Parallele mit der ..Nabbinerversanrnilnug in Ujcha" st! setzen, wie der Vorsitzende Herr Dr. Joöl die Bescheidenheit hatte! Als sehr bezeichnend für die Erkenntniß der eigenen Rathlosigkeit, dem religiösen Verfall ihrer Gemeinden entgegenzuwirken und dafür durch gemeinsame Berathung etwa geeignete Mittel ausfindig zu machen, ist der Umstand, daß die Herren nicht einmal die Sitzungen dieser kurzen zwei Tage mit solchen Vcrathungen auSzufüllcn wußten und zur Maskirnng dieser Unfähigkeit am ersten Tage einen Vortrag über ״Akiba Egcr, seine Ausnahme als Rabbiner in Posen und seine dortige Amtsvcrwalttmg" sich vom Herrn Dr. Bloch aus Posen hatten ließen und am zweiten Tage einen solchen von Herrn Dr. Rippncr ans Glogan über ״David Frledländcr und Probst Teller" anhörten. Da nach einem bekannten Aussprüche auch die gewöhnliche Unterhaltung weiser Männer lehrreich und deshalb der besonder!! Beachtung wcrth ist, so wird die Mit- und Nachwelt gewiß nur dankbar dafür sein, daß auch über die Unterhaltung, welche die ehrwürdigen Herren vom Vcrbandstage nach den anstrengenden und aufreibenden großen Sitzungen in Breslau gesucht und gesunden haben, einige kostbare authentische Nachrichten vorlicgen. Die ehrwürdigen Herren haben einer Einladung zu einen! acht studentischen Kommerse Folge geleistet und waren zahlreich in dem Klublokale der ״Amicitia" erschienen. Die ״Amiciria" ist eine stndcntische Vereinigung der Breslauer Seminaristen. Die Herren hatten hier die ehrwürdige Amtsmicnc abgelegt und sprudelten von Lust unb Humor; — eia erhebendes Vorbild für die jungen Hörer des Seminars, die zukünftigen Rabbiner, damit sic vor dem famosen ״Martyrium" des neuen Rabbinats kein zu arges Gruseln bekomme!!. — Außerdem fanden sich die Herren bei einem großen Festbankett zusammen. Dr. Jo öl suchte wieder die Parallele der Breslauer Herren mit den Weisen Uschas hervor. Allzu bescheiden sind die Herren eben nicht. Dr. Rippncr, Rabbiner in Glogan, produzirte recht artige Knittelverse. Er feierte die Verhandlungen des NabbincrtagcS durch folgende würdige Nciinlcin: ״Am liebsten als Vergleich ich da znn! Nektar greise, Jndeß der Nektar ist vielleicht gar trcise. Ja, schön unu־ es, wenn Ihr den Göttertrank gespendet, Und schön wars selbst, wenn endlich Ihr geendet." Dann feierte er den ״religiösen Geist der Inden dieses Orts" durch folgende schöne Verse: ״Hier wirkte Geiger einst in vielen Jahren, Die, wie er selbst gestand, auch seine schönsten waren. Als er zur Hcimath dam! zurückgekchrt, Hai er sein Geld, doch nicht sein Glück gemehrt. Auch in Berlin ist einsam er geblieben, Hier fand er feine Treuen, seine Lieben; War er zu stürmisch auch mit langen Forlschrittsbc'men, Wer möchte hau' noch seinen Wcrth verneinen?" Darauf schilderte er die großen Rabbiner der Breslauer Schute, deren jeglichen! die Thora etwas Besonderes fei: