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Jeschurun · 1887-08-11 · Heft 32 (11.8.1887) · p. 504

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 32 (11.8.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-08-11
Page
504 (sequence 3)
Language
German
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504 aber hatte der Onkel mit der größten Entschiedenheit erklärt, daß er ihn vor dem zwanzigsten Jahre nicht fortlassen werde. Und nun hatte er kaum ohne irgend eine Einwendung cingewilligt. — Der junge Mann schüttelte den Kopf, dieser Umschwung mar ihm unerklärlich. — Er wußte sreilich nicht, daß sein OnlcL seit dem gestrigen Tage sich beständig in einer gewissen Aufregung befand. — Nur auf sein drängendes Aureden hatte sein Nesse eine Stellung übernontmcn, in der er den Sabbath entweihen mußte — und als er zum ersten Mal durch eine im GotteSgcsetz ausdrücklich verbotene Arbeit den Sabbath entweiht Halle, war er in Lebensgefahr gerathen. — Wäre er dabei umgekommen, der alte Mann hätte den Tod des Herrtichcn Jünglings ans dem Gewissen gehabt. -- Ein Schauder durchrieselte ihn, er hatte da- Gefühl, als ob jedes einzelne Haar aus seinem Kopfe sich stramm in die Höhe richtete, wenn er sich diese entsetzliche Möglichkeit vergegenwärtigte. — Daß Adolf seinen Posten ansgcgcbcn, war ihm daher hoch willkommen, llnd wenn er auch in Gegenwart seiner Kinder ihn darob getadelt hatte, so hatte er dieses nur gclhau, weil er ihr Spötteln gefürchtet, wenn er ihn! sofort Recht gegeben hätte. Adols. Pfiff sich ein munteres Stückchen, während er zuerst seine Wäsche sorgsam in den Koffer schlichtete, den er von seinem Vater geerbt hatte, und dann vorsichtig seine Kleider darüber auSbreitctc. Die Arbeit war nicht groß, seine geringen Habseligkeiten hatte er bald untergcbracht. Trotzdem war der Nachmittag schon ziemlich weit vorgeschritten, ehe er mit Allen! fertig war. Dann brachte er mit etwas mehr als gewöhnlicher Sorgfalt seine Toilette in Ordnung und machte sich auf den Weg. Er hatte einige ehemalige Schulkameraden zu besuchen und einige wcitläusige Ber wandten seiner verstorbenen Eltern. Die Kameraden, von denen er sich verabschiedete, hatten säinmtlich nicht übel Lust, ihn zu beneiden, war das Ziel seiner bevorstehenden Reise doch die Hauptstadt, nach der sich alte jungen Leute sehnen. Seine alten Verwandten jedoch schüttelten jämmtlich mißbilligend die Kopse, gaben ihm gute Lehren aus den Weg,^ tadelten jedoch den Vormund, daß er ihn sorllasse. . Er hielt sich nirgend lange auf; er wollte nicht zu spät heimkommcn und hatte auch noch einen Besuch zu. machen, der ihm mehr als alle übrigen am Herzen lag. Er konnte sich nämlich nicht entschließen,-die Heimath zu verlassen, ohne jener sanften Frau, deren Initiative er seine Rettung schuldete, seinen Dank yuszusprechcn. Bisher hatte er das noch nicht gethan, denn erst Nachmittags. hatte er von einem Ka!neraden dm Hergang erfahren. Und. auch jenes lieb l.iche Kind, I dessen aufrichtige Thcilnahme ihm so innig wohlgethan,! wollte er vor seiner Abreeise noch einmal sehen.! ES war schon ziemlich spät, Dämmerung war j bereits hertingebrochen, als er die Wohnung seines! ehemaligen Chefs erreichte. * Die Zimmer waren Heller als gewöhnlich erleuchtet und aus dcn geöffneten Fenstern drangen laute, mun'.cre Stimmen und fröhliches Lachen. Jetzt erst erinnerte sich Adolf, daß Herzfeld seinen Leuten für dcn Abend eine Festlichkeit zugesagt hatte, dabei durste der ausgetretene Gehülfe sich nicht sehen lassen: da konnte er auch nicht hoffen, die Hausfrau allein zu treffen, sic war vermuthlich beschäftigt, würde ihn vielleicht nicht einrnal anhören — und das kleine liebliche Mädchen, wo sollte er das jetzt snchen? Uumnthig^andtc er sich und schritt der Wohnung seines Onkels zu. Er hatte früh am Morgen abzureiscn gedacht, jetzt war er entschlossen, einen späten! Zug zu benutzen, er wollte nicht undankbar erscheinen. Es war in den Vormittagsstunden des folgenden Tages, als Adolf die Stiegen, die zu HerzfcldS Wohlilmg führten, hinanschritt. Jetzt hoffte er Frau Herzselb allcin zu treffen, wenigstens nicht in Gesellschaft ihres Mannes und der Ladengehnlfen. Auch die kleine Bertha hoffte er zu treffen, denn cS war elf Uhr vorüber; um diese Zeit Pflegte sie anS der Schule zu kommen." Seine Berechnung hatte ihn nicht getäuscht; als er an den Schellenkopf drückte, öffnete ihm Bertha die Thur. ״Ach, das ist schön, daß sie Wort halten," rief sie, indcin sie seine Hand ergrifs und ihn mit sich zog, ״kommen Sie geschwind zur Mutter,' die Mutter wird sich auch freuen. Mutter!" rief sie, die Thür des WohnzinimerS öffnend und den jungen Mann hineinsührend, ״da ist Herr Wollncr — Du weißt schon -- ich habe Dir ja gesagt —" Frau Herzfcld trat ih!n freundlich entgegen. ״Seien Sie herzlichst willkommen," sagte sic, ihm die Hand reichend, ״und lassen Sie mich vor Allem Ihnen meine aufrichtige Anerkennung anSsprcchen für Ihr in Wirklichkeit charaktervolles Verhalten. Ich rechne daraus, daß Sie, jo lange Sic ohne Posten, unser Gast sind." Adolf lehnte dankend ab; er sagte, daß er cigcntlich schon am Morgen habe abreiscn wollen, nur weil eS ihn gedrängt, seinen Dank ansznsprechen, habe er seine Abreise verzögert. (Fortsetzung folgt.)

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