Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-08-04
- Page
- 488 (sequence 2)
- Language
- German
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488 ״DaS soll so was sein!" brummte Theodor, indem er aufftaub und sich eine Zigarre anzündcte, ״komm Eduard, räumen wir das Feld, daun wird daS verzogene Bübchen vielleicht eher seine Suppe essen." Eduard entsprach lachend der Aufforderung des Bruders und beide verließen das Zimmer, indem sic dem Vetter ״gesegnete Mahlzeit" zuriescn. Der alte Wollncr athmete erleichtert auf, als die Söhne die Thür hinter sich ins Schloß gedrückt. Er war ein gntmüthigcr, aber ein sehr schwacher Mann, und so sehr ihn das rohe Gebühren seiner Söhne empörte, er wußte seinen Neffen doch nicht davor zu schützen. ״Und Du willst in Wirtlichkeit gar nichts essen?" ״Ich kann nid;t lieber Onkel, eö ist mir unmöglich." ״So räume ab, Martha. Und Du, Adolf, setze Dich her zu mir und laß nnS bcrathcn, was in Deiner Angelegenheit zu geschehen hat." Er hatte bei diesen Worten die lange Pfeife von Weichselrohr in Brand gesetzt, und sich in den Lehnsiuhl am Fenster niedergelasscn, Adolf setzte sich ihm gegenüber. ״Bringe für Deinen Vetter auch eine Tasse Kaffee, Martha," sagte er zu dein jungen Mädchen, das eben mit dem Kaffeegeschirr ins Zimmer trat. ״Das habe ich bereits gethau," erwiderte Martha, indem sie zwei Tassen mit Kaffee füllte, dieselben ans ein Tischchen stellte und dieses vor den Later hinschob, dann nahm.sie eine Handarbeit und setzte sich an das andere Fenster. ״Also, Adolf, nun sage mir einmal aufrichtig, waS gedenkest Dn auzufangen? — wäre cS nicht doch das Beste, ich ginge zu Hcrzscld?" ״Nein, o, bitte nein, lieber Onkcl. Das hätte gar keinen Zweck. Ich habe ihn bereits gebeten, 111 ir den Sabbath frei zu geben." ״Das kann er nicht," fiel sein Onkcl ein, ״das weißt Dn so gut wie ich. Der Samstag ist sein Hauptgeschäststag, an dem kann er keinem seiner Leute frei geben, das mußt Du selbst einschcn." Adolf zuckte die Achseln. ״Dein Zuihmgehcn hätte demnach keinen Zweck, denn ich arbeite am Sabbath nie wieder, um keinen Preis!" Der Onkcl fuhr sich mit der Hand über die Stirn und athmete tief aus. ״Ich weiß Deinen Entschlnß zu würdigen — glaube inir — ich weiß es. Ich halte doch auch den Sabbath, möchte um keinen Preis am Sabbath arbeiten — aber — aber —״ er rieb sich mit der linken Hand hinter dein Ohr, während er einige Züge auö der Pfeife that und den Dampf in leichten Ringeln in die Höhe blieS. ״Wie gesagt — ich sende es sogar ganz schön von Dir, daß Dn am Sabbath nicht arbeiten willst, weiß ich doch, wie Dein seliger Vater darüber gedacht hat — aber, wie gesagt, Du mußt doch leben. — Und wenn ich auch sagen wollte, Dn brauchst nichts zu verdienen, Dn kannst bei mir essen — ja, Dn willst's ja nicht — issest lieber gar nichts, weil der unbesonnene Mensch, der Theodor, darüber gcwitzclt hat." Er zuckte die Achseln. ״Das Witzeln läßt er sich nicht verbieten. — Aber wie Dn leben willst, ohne zu essen —" er zuckte abermals die Achseln. ״ES ist ja nicht das erste Mal, daß wir darüber sprechen. Dn weißt, cs gicbt in dieser Stadt nicht ein Geschäft, bei dem ich nicht versucht hätte, Dich nntcrznbringen, mit der Vergünstigung, daß Dn den Sabbath frei hättest — Niemand wollte sich daraus ctnlaffeit. — Ich habe das allerdings im Vorhinein gewußt, habe ich doch auch meinen Söhnen erlauben müssen, am Sabbath zu arbeiten — was hätten sie machen sollen? mau muß doch leben. — Und auch Du hast Dich dazu entschließen müssen." ״Ich sehe ein, daß cs verlorene Mühe wäre, hier abermals einen Posten suchen zu wollen, darum, wenn Dn nichts dagegen hättest, würde ich am liebsten ui die Residenz gehen, wo doch eine große jüdische Gemeinde ist, und wo cs sich daher leichter treffen könnte, ein Geschäft zu finden, das am Sabbath geschlossen ist." Der alte Wollncr zog die Stirn in Falten. ״Die Idee ist nicht unvernünftig, in der That — cö läßt sich reden. — Möglich wäre cs, daß Du in der Nesidenz einen Posten finden würdest, wie Dn einen suchest. — Obgleich — ich selbst bin freilich nie dort gewesen — aber ich habe mir sagen lassen, daß cS auch in der Residenz sehr arg sein soll — in gewisser Beziehung sogar ärger als in der Provinz, sowohl was das Jüdische anbelangt als auch im Allgemeinen." ״Wenn auch — ich meine, wenn es auch in! Allgemeinen dort ärger sein sollte als hicr, einzelne Religiöse dürsten sich doch dort finden, was hicr unter den Geschäftsleuten nicht der Fall ist." ״DaS ist wahr. Aber Dn bist noch gar so jung, kaum neunzehn Jahre alt — ob cS da gcwlhcn wän, Dich so ganz allein in die große Stadt gehen zu lassen?" ״Unbesorgt, lieber Onkcl, ich fürchte mich nicht." ״DaS weiß ich wohl — aber ob ich nicht für Dich fürchten müßte? — in der Hauptstadt — junge deute sollen dort mancherlei Gefahren auSgcsctzt sein — ich habe Deinem seligen Vater versprochen, daraus zu achten, daß Dn aus geradem Wege bleibest." (Fortsetzung folgt.)