Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 31 (4.8.1887)
- Article
- Die neueste Kulturkampfdebatte im Aargauischen Großen Rath
- Date
- 1887-08-04
- Page
- 484 (sequence 2)
- Language
- German
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484 nun denkt und glaubt und sagt, ״daß cs Denjenigen! noch immer schlecht ansgegangen ist, die mit den Juden angebunden haben" — so proftamirt er eben damit seinerseits den sogenannten ״Finger Gottes", der indeß bekanntlich nicht die Erfindung deS Herrn I)1\ Ehrmanu ist. Diesen Ruhm würde der römisch-katholische Priester und Professor Alban Stolz fei. ihm streitig machen, dessen Theorie bekanntlich genau so gelautet hat, wie der gefährliche Satz, der Herrn Jenny so sehr anfzuregen vermochte. Wem fällt es ein, über die Theorie vom ״Finger GottcS" hier irgend Jemand zur Verantwortung zu ziehen? Und ist am Ende die Theorie des drohend erhobenen Finger Gottes nicht beim orthodoxen Judeuthum, dessen historischer Gott ja ein Gott des Zornes sein soll, noch eher zu erklären, als bei der Religion der Liebe, welche das ״Ang 11m Auge, Zahn um Zahn" nicht mehr zu kennen vorgiebt? Also etwas Beunruhigendes und Aufreizendes werden Sie in der Finger-GotteS-Thcorie des Herrn I)!\ Ehrmann nicht erblicken können, und ich denke, selbst Herr Jenny-Kunz wird nachträglich weniger beängstigt über die staatsgefährlichc Tendenz des zitirten Satzes sein. Ich will Ihnen nicht vorenthalten, wie Herr D1\ Ehrmanu selber in einer Erklärung in den ״Basler Nachrichten" schon am 21. September l 886 sich über seinen Satz gerechtfertigt hat. Er schreibt: ״Wenn heute ein Schweizer erklären wird, ״idit noch mit uns Schweizern Händel angefangen hat. dem ist cS bis jetzt schlecht bekommen"; welcher denkende, vorurthcilsfreie Mensch wollte in dieser Behauptung, zumal weun sic nicht in der Offensive, sondern gelegcntlich der Abwehr eines Angriffs auf sein höchstes Gut, seine Freiheit, gemacht wurde, eine hohnvolle Rohheit finden'? Und wenn diese Behauptung selbst historisch nicht haltbar wäre, der Glaube, daß nvch Niemand ungestraft die Hand gegen sein heiligstes Anliegen erhoben hat, wird selbst, wenn er irrig ist, das Selbstbewnßtsein, den Mitth und die Ausdauer des Angegriffenen erhöhen; wer wollte so grausam sein, dem Kämpfendel! diese Illusion nicht mtr zu zerstören, sondern sie geradezu eine Rohheit zu nennen? Und wenn ein Jude, der die Freiheit jüdischer Gewissen gegen die Auswüchse eines modernen Thicrkultus vertheidigt, von dieser Ucberzengung durchdrungen, dieselbe Aenßerung thut, dann wäre sie cynisch, d. h. aus deutsch hündisch?" Nachdem ich mir durch diese Auseinandersetzung den Weg zum Ausgangspunkte der vierfach gegliederten Theorie des Herrn Jenny geebnet habe, trete ich kur; auf dessen Votum ein, gegen das ich den Vorwurf erheben muß, daß cS in allen vier Kapiteln von zwei großen Borurtheilen diktirt ist. Diese Vornrthcile heißen: DaS rituelle Schachten gehört nicht zum jüdischen Kultus — und dasselbe ist eine jüdische Thierqualcrci. Herr Präsident, meine Herren! Eö giebt Katholiken, die erklären, der Papst gehöre nicht zur katholischen Religion. Ich denke, wir wollen sie in dieser Anssassnng nid)t stören — aber Herr Jenny-Kunz wird sich wohl hüten, als Protestant diese Auffassung vor dem Großen Rathe als die richtige zu vcrscchten. Er wird sich sagen: Was zu der Religion der Katholikcu gehört, mögen diese, rcsp. ihre BeUranensmänner :c. ansmachen. DaS Nämliche wollen wir auch den Inden gestatten. Wenn Herr Jenny sagt, die liberalen Inden kehren sich wenig ans Schächten, so mag er solche liberale Inden kennen. Ich selber habe von sreisinnigeu Aargauischen Juden wiederholt die Versicherung er׳ halten, daß das rituelle Schlachten ein Fundamentalcrforderniß deS israelitischen Kultus sei, und ich vcrsichere Sie, daß in Baden z. B. die freisinnigen Juden nicht minder am rituellen Schlachten sesthaltcn, als die orthodoxen. Ein von den Gegnern deS Schächtcns viel zitirtcS Schriftcheu eines Rabbiners Dr. Stein iit Frankfurt, das nngcfähr diejenigen Ansfassnngen enthält, die Herr Jenny sich angeeignct hat, ist mir wohl bekannt. Ich habe mir indeß sagen lassen, daß die Zahl der Streitschriften gegen dieses Gutachten deS Frankfurter Rabbiners fast so groß ist, als die Zahl der übrigen jüdischen Oiabbincr überhaupt. In den Streit der ausländ!scheu jüdischen Schristgelehrten werden wir schwerlich Spieße trogen wollen. So lange unsere jüdischen Mitbürger 11111 das Schächten petitioniren, werden wir ihnen glauben, daß dasselbe ein Bcstaudtheil ihres Kultus ist. Wohin kämen wir übrigens mit einem ״Staatsrecht", das dem Großen Rath die Feststellung Desjenigen übertragt, waS zu dieser oder zu jener Religion gehört? Ich möchte die Herren von der äußersten Rechten insbesondere bitten, sich diese Frage ruhig Zu überlegen. Und dann, Herr Präsident, meine Herren, bitte ich Sie überhaupt, Sie möchten - sich einmal vorstcllen, was eigentlich unsere Mitbürger israelitischer Konfession von nuS verlangen. Sie verlangen keine Besoldung der Bischöfe, Pfarrer oder Kaplänc; sic verlangen keine Beiträge an Kirchen, .Kapellen oder Pfarrhäuser: sie verlangen nicht cintnal, daß der Staat den Polizeidicner auch für ihre Gemeindevcrsammlnngen, wie für die der andern Konfessiouen macht; sie verlangen keine Synode und keinen Synodalrath, weder Prüfungskommissionen noch Expcrtcn, noch irgend etwas, wofür der Staat auch nur einen rothen Rappen direkt oder indirekt ansznlcgen hätte. — Sie verlangen ganz einfach: Seid so gut und mischet Euch nicht in unsere Kultusangelegenheiten ein. Was eigentlich selbstverständlich ist, nachdem wir in der Verfassung den Grundsatz ausgestellt, daß . die