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Jeschurun · 1887-07-28 · Heft 30 (28.7.1887) · p. 478

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 30 (28.7.1887)
Article
[Rezension] / -a-
Date
1887-07-28
Page
478 (sequence 2)
Language
German
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478 Gewissen des Volkes, daß ״die schönsten Stücke der gesammten Poesie der Synagoge demselben geweiht sind, blutige Thronen eines zerrissenen Herzens, Seufzer — jedoch nicht der Verzweiflung, sondern der Hoffnnng empor zn einem eisernen Himmel", und alle Tage des IahrcS liegen an den zerbrochenen und verbrannten Ueberresten der einstigen Tcnipclmaucr zu Jerusalem Schaarcn von israelitischen Pilgern ans ihrem Angesicht in gleicher Wehklage und Buße. Wenn nun das Volk selbst also die Schuld seiner Zerstreuung anerkennt, soll dann die herrschende Bevölkerung demselben das Gericht darüber noch schwerer machen? Wir würden diese Frage gar nicht auswerfen, wenn cS nicht tausendfach geschehen »rare. Die Geschichte des Mittelalters und noch der Zeit nach der Reformation und bis in die Gegenwart herein hat auf ihren Blättern einige Schandflecken, welche immer und immer wieder dem ycfer begegnen, darunter obenan die Hcxenprozest'c und die Judenverfolgungen, und bei beiden weiß man nicht, worüber man mehr erstaunt fein muß, über die Barbarei von Menschen gegen Menschen, oder über die Thorheit, ans welcher sie entsprangen." ״Und selbst wenn wir von diesen zwei großen Faktoren absehen, wenn wir die israelitische Diaspora nehmen, wie sie ist, und sic etwas genauer und menschlicher beobachten, als cS geschieht, bemerken wir so viel Erfreuliches, ja Großes in derselben, daß wir sagen müssen, Gott hat seine Huld keineswegs von Israel abgezogen, Er trägt noch Sein Volk, Er rüstet cS noch ans. Er erzieht eS noch: schon seine bloße, unverwüstliche Existenz, ferner die ihm verbliebene reiche Begabung, und zum Dritten die nicht zu verkennenden cigcuthümlichcn Lichtseiten in feinem Charakter lassen erkennen, welch ein Keim einer ganz anderen Zukunft in ihm noch vorhanden ist. Ein einstiger UnivcrsitätS׳- gärtncr pflegte von den Pflanzen zn sagen: ״Lieber zehn Mal verdorrt, als ein Mal verfault!" ES gilt von den Völkern gleicherweise. Israel ist kein verfanltcS Volk wie so viele in Ucppigkeit und Wollust verkommene Völker; cS ist ein verdorrtes, und das Wort Gottes verbürgt uns in seinen! Innern einen Nest des Lebens, daraus unter dem Wehen des göltlichcn OdcmS (Ehesek. 37) wieder ein Volk GottcS hervorgehcn kann, hervorgchen soll. Wir wollen die drei Punkte, Existenz, Begabung und Lichtseiten dcS Charakters, -ein wenig in das Auge fassen, um von dem Gejagten uns zn überzeugen: — Israel existirt, das ist das Erste, cS soll cxistircn. Wir haben auch von andern Böllern oeö AlterthumS wunderbare lieber* reste ihrer Existenz, nicht nur schristlichc und künstlerischc Denkniale derselben, sondern persönliche, crstorbenc und lebendige — die Mumien Aegyptens, die Skelette aus dem Schutt von Poinpeji, aus den Katakomben von Palermo und Nom, aus den Hünengrcibern Skandinaviens, wie die heutigen Nachkommen der klassischen Völker, sie vergegenwärtigen uns noch die Vergangenheit derselben; aber jene Ueberrcste ohne Regung und Bewegung, ohne Farbe und Stimme, waS sind sie gegen das lebendige Todtenseld des Propheien Ehesekicl, welches die israelitische Diaspora vergegenwärtigt! und die heutigen Perser,. Aegyptcr, Griechen und Römer, was sind sie noch anders denn die Schatten jener einstigen Koryphäen des Alterthums, Bewohner zwar ihres klassischen Bodens und Träger ihres klassischen Namens, aber kann! mehr als ihre Enkel zn erkennen! Israel dagegen hat die Reinheit seines Blutes, den Laut feiner Sprache, die Autorität seines Gesetzes, die Treue gegen seine Religion bewahrt und ist seit Jahrtausenden und durch alle Länder hin dasselbe geblieben.: der Israelite vom Rhein wie von der Weichsel ist der Israelite vom Jordan, der Israelite unter dem Filzhut derselbe wie unter dem Turban, an der abendländischen tablc d’hötc wie auf dem morgenländischen Teppich, im europäischen Salon wie auf einem Söller zu Jerusalem: er ist derselbe als französischer Minister oder deutscher Abgeordneter wie als asiatischer Karawanenführcr oder Geldwechsler; er mag spanisch oder deutsch oder russisch sprechen, er ist Hebräer; er. bewahrt seinen Glauben, seine Sitten, seine Physiognomie, seine Pronnnziation; er kann seinen Stammbaum hinaufführen bis zunr König David, zum Hohenpriester Aaron, bis zum Hirtenfürsten Abraham zwei Jahrtausende vor Christo; so weit reicht kein anderer Stammbaum, kein AdeiSvncj; so ehrwürdig ist keine Nationalität. Und was ist nicht zn allen Zeiten anfgeboten worden, dieses Volkes Existenz zu verkümmern, ja zu vernichten! Staatsknnst und BolkSgewalt, wie haben sic daran sich erschöpft; wie ist der Zahn der Zeit daran stumpf geworden! Die Judenverfolgungen alle haben Israel wohl unsäglichen Jammer bereitet, Tausende und aber Tausende Hab und Gut, Leib und Leben gekostet, aber das Volk nicht beseitigt, und den Verfolgern selbst nur Schande und Schaden gebracht, so schon in Aegypten vor drei Jahrtausenden, so im Morgenland unter allen ihm feindlichen Dynastien, so in Ron! und Konstantinopel, in Spanien, Frankreich, Deutschland in früheren Jahrhunderten, und so heute noch, wo der Fanatismus und die Barbarei noch walten; cs ersüllte sich allezeit das altsranzösischc Sprichwort: ״Plus qu’on me frappe, plus le inarteau s’abuse.“ ״Israel ist ein Garten, hinter dessen Mauern, wer nur vorübcrgeht, auch nur die Wipfel der Bäume sich bewegen sicht ohne eilte Kenntniß von all dem Lieblichcn und Guten, das der Garten in seinem Schoße birgt; wer dagegen Gelegenheit bekommt und ein Herz

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