Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1887)
- Article
- Die Versammlung zu Breslau am 5. und 6. Juli
- Date
- 1887-07-28
- Page
- 473 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2932754-2932755-2932785-2936043--25593-2936096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
•AS 80, Jefchurun. 473 lif |erfn11i1111i10;!! §m\m mit 5. und 6. Juli. t (Fortsetzung.) Nachdcn! der Vertreter der Breslauer Gemeinde geendet, nahm der Vorsitzende Herr Dr. Io»"!, Nabbiner zu Breslau, das Wort. ES wird von dieser Rede behauptet, daß sie eine ״acht Joäl'sche" sei, unb in der That ist diese Kennzeichnung sehr treffend. Wir haben Herrn Dr. Joüt schon vor drei Jahren in Berlin kennen gelernt. 'Er hat sich auch dort als Meister einer Dialektik gezeigt, um welche ihn alle Diejenigen beneiden dürfen, denen es darum zu thun ist, die Darftigkcit einer Sache nicht nur geschickt zu verdecken, sondern ihr auch den Anschein einer hohen Bedeutung zu verleihen. Man unterschätze die Schwierigkeit der Aufgabe nicht, deren sich Herr Dr. Joöl zu erledigen hatte. ES cxist'rcn im Deutschen Reiche eine Unzahl von.Bereinigungen zu den verschiedensten Zwecken, aber vielleicht keine einzige, die in Wirklichkeit so bcmitleideuswerth ärmlich und dürftig ist, wie dieser ״Rabbiner-Verband in Deutschland". Welche Berufsgenossen and) immer in Deutschland zusammen tagcu — ob Juristen, Philologen und Acrzte oder Friseure, Schneider und Wirthe, — sic sind beneidmSwerthcr als diese 25 Männer, welche in BreSlan zusammenkamen, um etwas zn thun, und doch nichts Anderes zn thun wußten, als znsammcnznkommcn und sich wieder zu trennen. Die Lucke zwischen Zusammentritt und Trennung mußte auSgcsüllt werden. Es mußte über -ie dreijährige Thätigkeit dcö Verbandes Rcchcn> schast abgelegt werden. Es mußte das erbärmliche Fiasko verdeckt werden; und cs galt vor Allen!— sich möglichst wmig zu blamiren. Wir wolle!! gewiß keinem der übrigen 24 Herren zu nahe treten, sie werden aber ohne Zweifel sämmtlich cingcstehen, daß so gewandt wie der Herr Kollege Joöl keiner von ihnen dieser heiklen Aufgabe gerecht geworden wäre. Diese ״acht Joälsche" Rede ist in Wirklichkeit die einzige Leistung. Wenn Herr Dr. Joäl sie nicht gehalten hatte, so würde der späte Geschichtsforscher von den großen Breslauer Julilagen dieses Jahres nichts weiter vorgcfunden haben als die gemüthlichen Kommerslieber und Bicrrcdcn der frommen fünfundzwanzig Herren ״Seelsorger" in den! zn ihren! Ehren von der ..Amicitia" veranstalteten Kommerse und die ״Humorvollen" Reden, Improvisationen und Festlicher des Festlranketts. Danu aber würde sicherlich eine findige kritische Geschichtsforschung die Existenz der Zusammenkunft von fünfundzwanzig Rabbinern in das Reich der Mythe verweisen und sich zu der glücklichen Konjektur beglückwünschen, daß es gar keine ״Rabbiner", gar keine Männer, sondern recht ״sidele Häuser" waren, die auch nicht ״getagt", sondern ״genächtigt" und bei dieser Gelegenheit die Zahl der lustigen Kncipreden un! einige vermehrt haben. Auf Grund dieser historischen Forschung wurde alsdann die Existenz dcS Rabbiner- Verbandes überhaupt für eine Märe erklärt werden, und wehe dem beschränkten Verstände, welcher alsdann noch an die dunkle Tradition des für apokryph erklärten Rabbiner-VerbandeS glauben würde. Ja, es würde die Existenz der fünfundzwanzig Rabbiner zum großen Theil in Frage gestellt werden können, von denen die Geschichte sonst keine Spur aufzuweisen hätte. Unter diesem Gesichtspunkte wird die acht Joül'sche Rede zn einer rettenden That. Sie rettet die Existenz der doch für das lebendige Bewußtsein der Gegenwart unumstößlichen Thatsache des. Vorhandenseins dieser fünfundzwanzig Herren und ihres Beisammcnsseins in BreSlan am 5. und 6. Juli. Es ist ein bekannter Kunstgriff der Dialektik, gerade des Unglaublichste mit der zuversichtlichsten Betonung vorzubringen. Es überrascht deswegen auch keineswegs, aus dem Munde des Herrn Dr. 30״:;( gleich in de!! erste!! Sätzen gerade das Unwahrscheinlichste zu vernehmen. Wir haben gesehen, daß sowohl der Berliner Gemeiudcvorstand im Jahre 1884 wie der Breslauer im Jahre .1887 eine Befolgung etwaiger für die praktische Ausführung bestimmter Beschlüsse der ehrwürdigen Herren keineswegs in sichere Aussicht gestellt haben. Dr. Joäl aber beginnt seine Rede mit dem Dank an die beiden Gemeindevorftände dafür, daß sie aus deren Begcisteruugsworten die Nebcrzeugung gewönne!! hätten, wie sie ״Gehör und Unterstützung von Vorständen und Gemeinden finbcn werden!" Wahrlich, ein sehr genialer Griff! Die beiden großen Syuagogeinciuden Berlin und Breslau lassen durch ihre Vertreter eine sehr rescrvirte Erklärung für etwaige praktische Beschlüsse der Herren abgeben, und der Sprecher dieser Herren bescheinigt dankend den Empfang einer Zusage für die Ausführung derselben. Er vindizirt bamit der Versammlung eine Bedeutung, von welcher sie auch nicht, die leiseste Spur besitzt. Der Redner ist sich dieser Vedentungölosigkeit und Ohnmacht auch sehr wohl bewußt. Er u!uß sofort koustatircn, daß der in Berlin so pomphast angekündigte Verband der deutschen Rabbiner nur aus 00 Mitgliedern besteht. Ob dieselben sämmtlich wirklich in Besitz eines Nabbinats sind, dürfte freilich noch erst zu erweisen sein. Unter den in BreSlan anwesenden Herren scheinen sich etliche zu besinde!!, deren Rabbinatssitz wohl erst in Zukunft gegründet werden muß. Jedensalls aber hatte Herr Dr. Joöl aus die für.ihn wenig erbauliche Thatsache hinzudeuten, daß von diesen ganzen