Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 30 (28.7.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-07-28
- Page
- 472 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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472 Herzseid brach in ein rohes Lachen aus. ,.Ich fürcktc, Sie malen den Teufel an die Wand, bei Ihren Verschrobenheiten sind Sic dem Verhungern leicht auSgesetzt. — Noch einmal frage ich Sie: wollen' Sie bleiben oder gehen?" ״Ich gehe,״ erwiderte Wollncr, indem er sich grüßend verneigte. ״Leben Sie wohl!" Doch als er sich jetzt zur Thür wandte, stürzte die kleine Bertha, die unbemerkt der ganzen Berhandtung bcigewohnt hatte, laut weinend auf ihn zu und ergriff seine Hand. ״Gehen Sic nicht fort," schluchzte sie, ״nein, gehen Sie nicht fort! — der Vater wird Ihnen gewiß den Sabbath frei geben, ich werde ihn darum bitten. Nicht wahr, Vater, lieber, lieber Vater," sie hing sich an .Herzfelds Arm und blickte sichend zu ihm empor, ״laß ihn nicht fortgehen, er wird verhungern!" ״Meine Schuld wär's nicht," erwiderte Hcrzfeld, indem er die Kleine von sich drängte, ״geh' Kind, geh'." Aber die Kleine ließ nicht nach mit ihren Bitten, bis sie der Vater ziemlich unsanft von sich stieß. Wollncr hatte inzwischen das Lokal verlassen, doch hatte er das Ende der Straße noch nicht erreicht, als das leichtfüßige kleine Mädchen ihn cingeholt hatte. ״Wohin werden Sic nun gehen?" fragte sie mit verhaltenem Weinen, indem sie seine Hand umfaßte. Die Theilnahme des Kindes that ihm in diesem Augenblick unendlich wohl, denn er wußte, von anderer Seite durfte er nicht auf Theilnahme rechnen, und unwillkürlich drückte er die kleine Hand, die die seine umschlossen hielt. ״Augenblicklich gehe ich zu meinem Onkel," erwiderte er, ״und ich danke Dir hcrzlichst, daß Du Deinen Vater für mich gebeten hast." ״Ist Ihr Onkel böse?" fragte die Kleine, während sie an seiner Seite cinherschntt. Wollncr zuckte die Achseln. ״Mein Onkel ist nngeführ so wie Herr Herzfeld." Das Kind athmcte tief auf, cS war fast wie ein Seufzen. ״Ich habe mich so gejreut," sagte sie im Flüsterton, indem sie sich noch näher an ihn drängte, ״ich habe mich so gefreut, daß Sie am Sabbath nie wieder arbeiten wollen, denn das ist eine große Sünde — wir haben eS erst neulich in der Neligionsstunde gelernt, wenn man am Sabbath arbeitet, dann stirbt auch die Seele, und das ist doch so schrecklich, noch viel, viel schrecklicher, als wenn nur der Körper stirbt. — Darum weint die Mutter auch alle Sabbath, ich sehe es immer — aber Sie müssen eS Niemandem erzählen — werden Sie'S nicht?" ״Gewiß nicht."׳ ״Aber zu verhungern brauchen Sie auch nicht," fuhr die Kleine eifrig fort, ״wenn Sie nichts zu essen haben, dann komnien Sie nur immer zu der Mutter. Die Mutter giebt Jedem, aber Ihnen wird sie noch viel lieber geben als Anderen, weil ich'S ihr erzählen werde, daß Sic nie wieder am Sabbath arbeiten werden. Werden Sie zur Mutter kommen? ja?" ״Ich hoffe, der liebe Gott wird mir Helsen, daß ich mir mein Brod verdienen kann." ״WaS werden Sie denn jetzt thnu?". forschte die Kleine, indem sie mit ängstlichem Interesse zu ihm emporblicktc. ״Der Vater hat doch gesagt, daß Sie nirgends einen Posten finden werden, bei dem Sie am Sabbath nicht zu arbeiten brauchten." ״Hier werde ich keinen finden," entgegnete er schwer athmend, .,das weiß ich auch — ich muß mich anderwärts erkundigen ich hoffe, Gott wird mir helfen." ^Das hoffe ich auch," sagte das Kind mit tiefem Ernst. ״Wir haben das auch in der Neligionsstnnde gelernt, Gott Hilst allen Menschen, die auf Ihn ver-!rauen, und wenn cs auch manchmal so anssieht, als. ob Er ihnen nicht helfen wollte. Denn Gott weiß doch viel besser, was den Menschen gut ist, als die Menschen selbst. — Kenneir Sie die schöne Geschichte: ״WaS Gott thnt, das ist wohl gethan?" — sie steht in meinem Lesebuch, wenn Sie wollen, will ich es Ihnen leihen. — Aber, nicht wahr, wenn der liebe Gott Ihnen vielleicht nicht gleich hilft und Sie nichts zu essen haben, dann kommen Sie zur Mutter? — bitte, sagen Sie ja." So plauderte die Kleine fort, und mit einer Art von Andacht lauschte der junge Mann ihren Worten. Ohne sich selbst darüber klar zu sein, hatte er einen andern Weg cingeschlagen, als denjenigen, der zu seiner Wohnung führte, denn er wußte, sobald er seine Wühnung erreicht haben würde, würde, das liebliche Kind ihn verlassen, und er hätte ihr znhören nlögen, er wußte selbst nicht wie lange. Doch als der Mittag nahte, geleitete er sie in die Nähe ihres Elternhauses, denn er wollte nicht, daß die Eltern' sie vermissen sollten; sie aber wollte ihn nicht verlassen, bevor er ihr nicht versprochen, daß er im Falle der Noth ihre Mutter aufsnchen werde. Erst nachdem sie seine Zusage hierfür erhalten hatte, nickte sic grüßend ihm zu und eilte in das Hauö. Seufzend blickte er ihr nach, wann würde er wieder ein thcituchmcndcS Wort vernehmen? (Fortsetzung folgt.)