Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-07-28 · Heft 30 (28.7.1887) · p. 471

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 30 (28.7.1887)
Article
Bilder aus der Gegenwart
Date
1887-07-28
Page
471 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932785-2936042--25590-2936094
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

471 Mer aus kt Gegenwart. Von Friedrich Rott. (Nachdruck verbolcn.)- (Fortsetzung.) .״Nun? — was wollen Sie?" ״Ich — ich habe wich allerdings um den Posten in Ihrem Geschäfte beworben — obgleich ich wußte, daß ich bei Ihnen auch am Sabbath werde arbeiten müssen — aber," fügte er etwas leiser, doch mit fester .Stimme hinzu, ״ich werde eS nie wieder ihm! — ich kann in Ihrem Geschäft nur bleiben, wenn Sie nur gestatten wollen, am Sonnabend zu Hause zu bleiben." ״Sind Sie verrückt?" rief Hcrzfeld, ״eher könnte ich Ihnen die ganze Woche frei geben, als den Sonnabend, das wissen Sie so gut wie ich." ״Ich möchte dennoch sehr darum bitten." ״Das glaube ich Ihnen gern, jede Woche einen ganzen Tag aus der faulen Haut liegen — wer möchte das nicht? — Ich möchte eS sogar auch, aber cs geht eben nicht. Wer leben will, muß verdienen, und wer verdienen will, muß an den Tagen arbeiten, an denen cs zu arbeiten giebt, sonst kann er verhungern. Uno damit Punktum. — Also entweder oder, sreigeben kann ich Ihnen den Sonnabend nicht." ״Dann — dann —" ״Was dann? — es kann doch nicht Ihr Ernst sein, daß Sie so Knall und Fall anstreten wollen? — wo wollen Sie hin? — was wollen Sie anfangcn? — Heut' zu Tage giebt's keine anständigen Geschäfte mehr, die am Sonnabend geschlossen sind — und die ganz kleinen unbedeutenden Geschäfte, die vielleicht ja geschlossen sind, die brauchen keinen Kommis — also wohin wollen Sie?" ״Das weiß ich in! Augenblick selbst noch nicht, ich weiß nur —" ״Daß Sic ein Narr sind!" fiel Herzseld ärgerlich ein,, ״wie? was? — wcil'S gerade am Sonnabend war, daß das Feuer ausgckommcn ist, darum wollen Sic am Sonnabend nicht wieder arbeiten? — Also wenn'S zufälligerweise an einem Dienstag gebrannt hätte, würden Sie alle Dienstag feiern wollen? — Gehen Sic, gehen Sic — das ist Aberglaube." Einige der jungen Leute kicherten, Wollner aber schüttelte abwehrend den Kopf. ״Nein," sagte er, ״ich bin nicht abergläubisch. Wenn das Unglück an einem Wochentage sich ereignet hätte, wäre cs mir nimmer in den Sinn gekommen, an diesem Tage mich allwöchentlich der Arbeit zu enthalten — aber an einem Sabbath — es kann Ihnen doch nicht fremd sein, daß uns Juden am Sabbath die Arbeit verboten ist. — Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich gestern das Verbot des FeueranzündenS am Sabbath übertreten — und als dann durch die Flammen der Aus» weg aus dem Keller mir abgcschnitten war — als ich glauben mußte, in einigen Minuten vor Gottes Thron stehen zu müssen — Rechenschaft geben zu müssen von — über —״ Die schlanke Gestalt des jungen Mannes erbebte bei der Erinnerung an die grauenvollen Minuten, die er am gestrigen Tage durchlebt, aber auch das Kichern der Kameraden war verstummt, wider ihren Willen fühlten sie sich erschüttert und auch Herzfeld konnte sich eines inner» Schauers nicht erwehren. Einen Moment herrschte vollständiges Schweigen in dem Bcrkanfsgewölbe, doch aus dem Hintergründe vernahm man das halbunterdrückte Schluchzen eines Kindes. ״Ich weiß jetzt, was cs heißt," fuhr Wollner fort und seine Slrmme zitterte vor Erregung, ״ich weiß, was eS heißt — sterben zu müssen mit dem Bewußtsein, eines der heiligsten Gebote Gottes übertreten zu haben — und wenn ich auch dieses Mal durch Gottes Gnade dem drohenden Tode entgangen bin — einst muß ich ja doch sterben — und — ״Ich dächte. Sie könnten Ihre Predigt jetzt schließen,'' siel Herzfeld ärgerlich ein, ״oder wenn Sie dazu nicht geneigt sein sollten, bitte, sie wenigstens außerhalb meines Ladens fortznsctzen. Doch rathe ich Ihnen in Ihrem eigenen Interesse, überlassen Sie das Predigen den Rabbinern und machen Sie sich an die Arbeit, Sie sehen, eS.giebt hier viel zu thun. Also—" ״Sic wären demnach geneigt, ans meine Bediugung einzugehcn?" ״Diese Frage kann doch ihr Ernst nicht sein? — Machen Sie keinen weitern Unsinn, Wollner, Sie sind doch sonst ein vernünftiger junger Mann, und wenn ich auch die in Wirklichkeit grauenvolle Angst, die Sie gestern ansgestandcn haben, in Rechnung bringen will, — was zu viel ist, ist zu viel. — Also, ich will jetzt ganz klar und offen mit Ihnen reden. Es wäre mir sehr unangenehm, wenn Sie jetzt Knall und Fall austreten würden, denn ich war bisher sehr zufrieden mit Ihren Leistungen; da aber, wie Sie sehr wohl wissen, der Sonnabend unser Hauptgeschaststag ist, so ist es mir, wenn ich es auch wollte, geradezu unmöglich, Ihnen denselben frei zu geben." ״So muß ich zu meinem größten Bedauern aus Ihrem Geschäfte anstreten." ״Sie werden's bereuen!" rief Herzseld,. dem die Zoruesader auf der Stirn schwoll, ״ich sage Ihnen, Sie werden es bereuen." ״Nie werde ich das bereuen," cntgcgneie der junge Mann fest,'״und müßte ich darob verhungern."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.