Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1887)
- Article
- Ein semitisch-liberaler Ring
- Date
- 1887-07-21
- Page
- 457 (sequence 1)
- Language
- German
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M LS 457 Jeschur«« Ein semitisch-liberaler Ring. U. Berlin, 18. Juli. Die Erfindungskraft der Antisemiten ist oft ganz unglaublich. Dinge, die mit Juden und Jndcnthum absolut nichts zu thun haben, werden aufgegrisfcn und gegen die so sehr gehaßten Semiten inS Feld geführt. Bald könnte man's uns fast nicht mehr verargen, wenn wir, die an Zahl Winzigen unter den Rassen oder Religionen — je nachdem mau gegen nnS einen ״Nassen- oder Rcligionskampf" führt — von unserer ״Macht" eingenommen sein würden — so oft und so laut tönt uns stets unserer Gegner Ruf ins Ohr von unserer unüberwindlichen, sich auf alle Verhältnisse erstreckenden Macht. Da stehen jene ״mit Gott für König und Vaterland" streitenden kühnen Helden, die in der Feldschlacht so oft dein Tode ruhig und kaltblutig ins Auge geschaut, dem winzigen Häuflein Juden zagend gegenüber und greifen angstvoll nach jedem ihnen unter die Hände gcrathendcu Gegenstand, unbekümmert, ob er als Waffe geeignet ist. oder ob er gar in ihrer eigenen Hand, statt den Gegner zu Grunde zu richten, sich gegen sic selbst wendet — um gegen Machte anznkämpfeu, die gar nicht vorhanden, Bauden zu zerreißen, in die sie niemals gefesselt, böse Geister zu bannen, die sich bei klarer Betrachtung als Harmlose ihres bescheidenen Daseins frohe Wesen entpuppen. Zu diesen unseren Ausführungen kann cs wohl leicht keine Passendere Illustration geben als der ״Ein semitisch-liberaler Ring" überschriebeuc, der ״Kreuz- Zeitung" von einem Wiener Korrespondenten zugegaugene Artikel, in welchem jene durch die politischen Blätter genugsam bekannte Skandal-Asfaire gegen Professor Maaßcn, die mit Juden und Jndcnthum nichts zu schaffen hat, dazu benutzt wird, über die Juden einmal gehörig wieder herzufallen. Wir glauben, daß cs nicht uninteressant ist, jenen Artikel im Wortlaut hier folgen zu lassen. ״Mehr und mehr gelangt hier Alles, was noch christlichen und konservativen Ucberzcngnngen treu ist, zur Crkmntniß. daß die Dethätiguug dieser lieberzcugung im wirthschajllichen und politischen Leben, selbst in der Wissenschaft, mit großen Gefahren für das Jndeuthum verbunden ist. -Gestützt ans bereits bestehende Verbände, hat sich das liberale Reformjudenthnm und waS unter der christlich-arischen Bevolkerung dessen Anschauungen thcilt oder durch materielle Mittel zur Gefolgschaft gezwungen worden, im ganzen Reiche zu festen Ringen organisirt, welche unter einander in enger Verbindung stehen und gegen die anznkämpfen oft ein Ding der Unmöglichkeit, stets aber eine mit schweren Leiden und Opfern verbundene Arbeit ist. Biegen oder Brechen — Unterwerfung unter die Zwecke des liberal-reformatorischcn Ringes, oder wirthschaftlicher Ruin, Verlust der oft durch mühevollste Arbeit, durch hervorragende Leistungen errungenen Stellung — das ist die Wahl, zu welcher Jeder gczw'.'.ngen wird, der in den Bannkreis des Ringes gcräth. Nach unten wie nach oben erstreckt sich dessen Einfluß und erniedrigt das Recht wie das staatliche Gesetz zu einer bloßen Komödie. Gewöhnlich vollzieht sich die Thätigkeit solcher Ringe ganz im Hintergründe, manchmal aber ist cS ihnen doch nicht möglich, alle Anzeichen ihres Wirkens zu verbergen. Die nun vor zwei Monaten stattgefundenen Skandale an der Wiener Universität —■ die vierte Auflage der Hetze gegen einen konservativ gesinnten Professor — gehören in die letzterwähnte Kategorie. In den letzten Tagen ward die Aufmersamkcit deS rasch vergessenden Publikums wieder ans dieselben gelenkt durch den Ansgang der von der akadcinischeu Behörde angestregtcn DiSziplinaruntersuchnng gegen die bei dem Skandale vor Maasscnö Wohnung ansgegriffenen Studenten und durch die vom Wiener ״Vaterland" gebrachte Nachricht, daß Hosrath Maassen um einen halbjährigen Urlaub eingekommen sei. DaS konservative Blatt knüpfte an diese Nachricht einen Rückblick aus die vier terroristischen Demonstrationen gegen Maassen, welche seit dem Frühlinge 1883 an der Universität stattgefunden; cs erinnerte, daß die Tumultuanten trotz der nach der ersten Hetze angestellten DiSziplinaruntersuchnng immer straflos ausgegangen, und konstatirte, daß, nach den gemachten Erfahrungen, die Wiederholung der Skandale sofort nach Beginn des Studienjahres nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlich sei. Sic zu arrangiren, stehe ganz im Belieben der hierin bereits so bewährten Judcnpresse Wiens. Dieselbe hat bekanntlich bei den früheren Dcmonsirationen wie bei der letzten genaues Vorwisscn gezeigt, die OrdrcS der Leiter der Tumultuanten vermittelt, dieselben angctrieben, ihnen in wenig verhüllter Weise Beifall gespendet, den zum Opfer auSersehencn christlicheu Professor in ihren Berichten verhöhnt und verlcumdct. Daß aber auch andere, höher gestellte Faktoren bei der H>.tze eine merkwürdige Nolle gespielt, diese schon anö den äußeren Vorgängen ziemlich klar zu erkennende Thatsache tritt ans den jüngsten Mittheilnngen deö ״Vaterland" noch deutlicher hervor. Es sei nur erwähnt, was dieses Blatt, gestutzt auf Aktenstücke, von dem Verhalten des neu gewählten Dekans der juridischen Fakultät, Dr. Anton Menger, berichtet. Wie anö der von! ״Vaterland" veröffentlichten offiziellen Antwort des Professor Loren; aus eine amtliche Anfrage