Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-07-21
- Page
- 456 (sequence 3)
- Language
- German
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der Ruhe zu pflegen. Er aber machte sich auf den Heimweg, wollte in feiner Wohnung nur die Kleider wechseln und dann ins Geschäft gehen. Doch er hatte seine Kräfte überschätzt. Mühsam legte er den nicht übermäßig großen Weg zurück, mit großer Anstrengung ordnete er dann seine Toilette und begab sich danu langsamen Schrittes zurück in das Gejchästslokal. Herzfeld hatte ihn seit dem vorigen Tage, seit er ihn mit der Laterne in den Keller geschickt hatte, nicht gesehen; als er ihn jetzt erblickte, begann es in dem sonst ziemlich gutmüthigen Manne zu kochen. ״WaS wollen Sie hier?" schrie er dem bleichen Jüngling zu, ״glauben Sie, ich werde mir zum zweiten Mal von Ihnen das Haus in Brand stecken lassen? Fort! schecren Sie sich zum Teufel!" Diese ungerechte Beschuldigung brachte das Blut des erschöpften jungen Mannes in Wallung; er richtete sich strammer auf und begegnete unerschrocken den! drohend auf ihn gerichteten Blicke seines Chefs. ״Ich verstehe Sie nicht, Herr Herzfeld, ich bin mir Ihnen gegenüber keiner Schuld bewußt." ״DaS heißt die Frechheit doch zu weit treiben! — Sie, Sie ganz allein waren in dem Keller, als das Feuer anSgebrochen ist, durch Ihre Unvorsichtigkeit ist es entstanden." ״Das ist nicht wahr!" rief der junge Mann, indem dunkle Glnth sein Antlitz überzog. ״Und eS ist. dennoch so!" schrie Hcrzfeld, ״weiß der Knckuk, was Sic für Unfug dort getrieben. Sie sind doch kein Kind mehr, mußten doch wissen, daß man in der Nähe von Spiritus- und Petroleumfässern nicht mit offener Leuchte geht und auch kein Streichholz anzündet." ״Und habe ich denn das gethan?" ״Etwas Derartiges müssen Sie gethan haben, sonst wäre das Feuer nicht entstanden. — Nun, warum gehen Sie noch nicht? — schceren Sie sich znm Henker — sage ich, fort! marsch, fort!" Er war lauter und lauter geworden, und in demselben Maße hatte sich das Angesicht des jungen Mannes wieder entfärbt, aber er rührte sich nicht von der Stelle, nur mit Mühe hielt er sich ausrecht, indem er sich an dem Ladentisch stützte.. ״Ich kann nicht so laut schreien," sagte er mit bebender Stimme, ״aber ich kann mir eine derartige Beschuldigung nicht gefallen lassen — ich fordere, daß Sie mich anhören." ״Na, so reden Sie ins Teufels Namen — aber rasch, ich habe nicht länge Zeit." ״Also vor Allem schwöre ich Ihnen bei dem Andenken an meine gottseligen Ettern, daß ich weder mit offenem Lichte in den Keller, gegangen bin, noch ein Streichholz dort entzündet habe." , ״Aber wie wäre sonst der Brand entständen? oder haben Sie geraucht? nnb die brennende Zigarre ans.eines der Fässer gelegt?" ״Ich habe überhaupt noch nie geraucht," entgegnete Wollner, ״aber wenn ich auch sonst rauchen würde, gestern, am Sabbath, hätte ich. es nicht gethan. — Sie werden sich erinnern, daß ich gezögert habe, die Laterne zu nehmen, denn ich hatte bis dahin am Sabbath noch nie ein Licht in die Hand genommen. — Darum habe ich auch die Laterne nur hinunter in den Keller getragen und sie unten auf eine Stufe gestellt, und ohne Licht bin ich weiter gegangen, ich hoffte, das Mineralwasser so zu finden." ״Dadurch kann das Feuer nicht entstanden sein," sagte Herzfeld, das ist nicht möglich." ״Ich war kaum fünfzehn Schritte weit gegangen, als ich einen donnerähnlichen Krach vernahm, die Reife von einem der Fässer müssen gesprungen sein, der Spiritus muß sich über die Laterne ergossen haben und —" ״Ich habe schon vor vierzehn Tagen gesehen, daß die Reife des einen. SpiritnsfasseS vollständig verrostet waren," siel einer der Kommis ein. ״Was?" schrie Herr selb, ״das haben Sie gesehen, und haben mir nichts davon gesagt?" ״Sic waren damals verreist," erwiderte der junge Mann, ״ich habe Herrn Meier Mittheilnng davon gemacht. Habt Jhr'S' nicht gehört, Rittmann und Köhler, daß ich's Herrn Meier gesagt habe?" ״Freilich, freilich," erwiderten die beiden Anderen. Hcrzfeld rieb sich die Stirn, Meier war sein Kompagnon gewesen, vor kaum acht Tagen war er einem Herzschlag erlegen; wenn es sich so verhielt, wie die jungen Leute behaupteten, dann war allerdings kein Lebender anzuklagen. ״Und Sie können Ihre Behauptung beschwören?" wandte er sich an Wollner. ״Bei dem Andenken an meine gottseligen Eltern!" ״Dann habe ich Sie freilich in falschem Verdacht gehabt, aber die Umstände sprachen gegen Sie. — Es thut mir leid, daß ich Sie schroff angefahren habe. — Gehen Sie an Ihre Arbeit." Der junge Mann athmcte tief auf, wiederum stieg das Blut ihm in die Wangen. ״Ich möchte mir noch eine Bemerkung erlauben," sagte er schüchtern. (Fortsetzung folgt.)