Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 29 (21.7.1887)
- Article
- Bilder aus der Gegenwart
- Date
- 1887-07-21
- Page
- 455 (sequence 2)
- Language
- German
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׳ Die Feuerwehr war inzwischen angelangt, die Mannschaft arbeitete wacker; in alle Ocffnungen des Kellers ward ein Wasserstrahl geleitet, man hoffte des verheerenden Elementes bald Herr zu werden. Der -Keller, in den: die Flamme wüthete, befand sich unter dem Magazin, das von dem Verkaufslokal und dem Wohnhause durch einen breiten Hofranm getrennt war. Das Wohnhaus war daher völlig intakt geblieben. Frau Herzfeld hatte den ohnmächtigen Jüngling hinauf in ihre Wohnung tragen lassen, und war bemüht,, .ihn wieder zu sich zu bringen. Voll Theilnähme umstanden ihre eigenen Kinder den allem Anscheine nach Leblosen. Die Knaben wären allerdings am liebsten hinuntergeeilt, um sich an den Lösch- und RettnngSarbeiten zu bethciligen, doch ein strenger Befehl der Mutter hielt sie im Zimmer. Der älteste war kaum elf Jahre alt, ihre Thätigkeit hätte unten wenig Werth gehabt, im Gegcntheil, sic hätten hindern können, doch ein neunsähriges Mädchen war der Mutter halfreich zur Seite in ihren Bemühungen um den Ohnmächtigen. Plötzlich ertönte eine furchtbare Detonation, Alle stürzten zu den Fenstern, das Magazin war in die Luft gesprengt, Steine und Ziegel waren weit umher gepflogen, doch glücklicherweise war Niemand arg beschädigt, denn mau hatte die Explosion mehrere Minuten voranögescheu, die Umstehende» waren gewarnt worden und hatten sich rechtzeitig zurückgezogen. - Die Detonation hatte den Ohnmächtigen erweckt, er hatte sich hastig anfgerichtet und blickte verwirrt um sich; er wußte offenbar nicht, wo er sich befand. ״Mama, Mama!" jubelte die kleine Bertha, die allein an seiner Seite geblieben war. ״er hat schon die Augen offen und will aufstehn." Frau Herzfeld eilte sofort wieder zu ihm. ״Wie ist Ihnen?" sagte sic theilnahmvoll, ״fühlen Sie keinen Schmerz?" Er schaute sie an, hatte ohne Zweifel ihre Frage gehört, doch nicht verstanden, der Kopf war ihn! noch nicht klar, unwillkürlich schien er im Begriffe, fick vollends zu erheben, fiel jedoch abermals mit geschlosscueu Augen zurück. Aber es war nicht mehr Ohnmacht, es war mir Erschöpfung im höchsten Grade als Folge der überstandcncu furchtbaren Aufregung. Das erkannte Frau Hcrzfeld an den verhältnißmäßig ruhigen Athemzügcn dcö dem Anscheine nach Schlummernden. Sie ließ ihr ältestes Töchtcrchcn als Wächter׳;.׳, an seiner Seite und eilte wieder hinunter, um sich nach ihrem Manne und dessen Leuten umzusehen. Herzfeld kam ihr entgegen. ״Gelobt sei Gott!" ries er, als er sie erblickte, ״wir haben nichts mehr zu fürchten, das Feuer ist erstickt, nur ans Vorsorge sprützen sie noch in den rauchenden Schutt." Sein Gesicht war von Rauch geschwärzt, große schwarze Schweißtropfen rannen von seiner Stirn hernieder. ״Was schaust Du mich so ängstlich an?" fuhr er fort, ich sage Dir, wir haben nichts mehr zn fürchten, und, fügte er leiser hinzu, ״der Schaden ist auch nicht übermäßig, wir sind versichert. Arbeit wirdeS freilich geben, aber das macht nichts, werden schon bald wieder in die Reihe kommen. Wir können von Glück sagen." ״Gott sei Dank!" cntgegncte sie innig, ״ich hoffe sogar, daß dieses Unglück in Wirklichkeit zum Glück für uns werden wird, daß Du es nämlich als War- 111mg erkennen wirft, die unerlaubte Thätigkeit am Sabbath einzustellen." ״Kommst Du schon wieder mit den alten Geschichten? dazu ist heute keine Zeit. Komm lieber hinauf, daß ich Dir Hawdoloh mache, obzwar eS schon viele Stunden nach Nacht ist." Seufzend folgte die Frau dem Manne; sie hatte gehofft, in dieser Stlrnde der Erregung eine Zusage von -ihm zu erlangen, doch wenn er selbst jetztnach kaum überstandencr Gesahr, sich vollständig uuzugänglich zeigte, dann gab cs nach dieser Richtung hin für sie überhaupt keine Hoffnung mehr. Zweites Kapitel.' Es war in den Vormittagsstunden des folgenden Tages. Noch entstieg der Brandstätte ::2.׳.׳b?ässig Ranch und Qualm, trotzdem war sie beständig von Gaffern :!:!:lagert. Was sie dort sehen wollten, wußten sie vermuthlich selbst nicht, doch eine rauchende Brandstätte, namentlich in der Provinz, zeigt immer eine seltsame Anziehungskraft. In Herzfelds Vcrkaufsladen gab es heute in Wirkiichwit überaus große Arbeit. Die Maaren, die gestern ans dem Magazin hierher gerettet worden, lagen in wirren: Durcheinander, sie mußten vor Allem geordnet und in andern Vorrathsränmcn untergebracht werden. Sämmliche Ladengehülfen befanden sich in nahezu fieberhafter Thätigkeit, denn der Inhaber des Geschäfts, dem vor Allem darum zu thnn war, den Verkaufsladen wieder in gehörige Ordnung zu -sehen, hatte ihnen für den Abend eine Art Festlichkeit in Aussichtgestellt, wenn bis dahin einigermaßen Ordnung geschaffen wäre. Nur Wollner befand sich nicht unter seinen Genoffen. hatte die Nacht in unruhigem Schlummer in Herzsclds Hause verbracht, und als er am Morgen erwachte, war er noch überaus bleich und abgespannt.-׳ Frau Herzfeld war ernstlich besorgt, als sie ihn. erblickte und forderte ihn auf, nocheinige Stunden-