Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 28 (14.7.1887)
- Article
- Historische Notizen zur Geschichte der Juden in München (gelegentlich der Fertigstellung der neuen Synagoge)
- Date
- 1887-07-14
- Page
- 438 (sequence 2)
- Language
- German
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es ganz natürlich, daß das germanische Königthum vom ScmitiömuS aufs Gesährlichste bedroht ist. Diese gewaltigen Geistesleistungen werden vom Richard Wagner-Verein mit frenetischem Beifall ausgenommen. Die ״Bayreuther Blatter" sekundircn dem Meister dadurch, daß sie Goethes ״Haman" im ״JahrmarktSfest zu Plnnderswcilcrn" das Wort ergreifen lassen. WaS entsetzt sich also die deutsche Presse so sehr darüber, daß ein wilder Arpadösohn am helllichten Tag mitten auf der Straße niederknict und mit erhobenen Händen den Inden Vernichtung schwört, wenn deutsche Künstler- Vereine, deutsche Professoren Mord und Raub als die alleinigen RettungSmittel für Staat und Kirche prcdigen?? ״Wir nuiffcii cS erleben," schrieb der Meister bereits vor neun Jahren, ״daß der Christengott in leere Kirchen verwiesen wird, während dem ...... immer stolzere Tempel unter uns errichtet werden." Wozu aber die Juden Christcnblut nvthig haben, darüber belehrt unö der bekannte bayerische Theologe Dr. Johannes Eck in seiner Schrift: ״AiriS Judenbüchleins Verlegung darin ein Christ gantzer Christenhalt zu schwach will, eS geschehe den Juden unrecht, in Bezichtigung der Christen Kinder Mord. Durch Uoctor Johannes Ecken zu Ingolstadt. Hierin findst auch vil Hiftori, was Übels und bubercy die Juden in allen deutschen Land und künigreichen gestiftet haben. Gedruckt zu Ingolstadt durch Alexander Weisscnhorn ];>92." Johannes Ecken sagt nun, das Christcnblut sei den Juden thrilS zur Weihung ihrer Priester, thcilö zur glücklichen Geburt ihrer Weiber nothwcndig, denn wenn eine Judenfran gebäre, habe das Kind zwei Finger an die Stirn geheftet, die durch nichts, als durch Christcnblut weggebracht werden können. Da nuu aber, wie jeder Schulbubc weiß, die Diaspora offizielle Weihpricster nicht besitzt — wie konnte cs nur dem Theologen entgehen? doch der Haß macht blind — und da ferner die moderne Wisseuschast aufö Evidenteste Haarschars nache (wiesen hat, daß eine Verschicdenhcit in der Gliedn.aßenbildung des jüdischen und christlichen Embrio, wie es der Doktor haben möchte, keineswegs existirt, so sah man sich in neuerer Zeit gezwungen, um denn doch den Zweck zu erreichen, die Mittel anderswo zu suchen, und, ״wer sucht, der findet", fand man sie auch zum größten Gaudium des lieben Mob im Osterbrode. Vesuve brennen im Lauft der Zeit ans und stellen ihr Feuer ein. Doch die Osterblutmähr, der Vulkan fanatischen Hasses und Neides, wälzt sich wie ein Lavastrom ungeschwächt durch die Jahrhunderte bis in die Neuzeit. Je nach Umständen tritt dieser FanatiSmus bald im groben Kittel brutaler Gewalt, bald im seinen Mäntelchen wissenschaftlicher Gelahrtheit auf, das religiöse wie soziale Gebiet verheerend. Seit dem ersten Bruderzwist hat kein Kampf, kein Krieg so viele und blutige Menschenopfer gefordert, wie der im Namen der Religion mordende fanatische Haß. Zwar gelang es dem am Ende des IS. Jahrhunderts unter dem Vorwände eines göttlichen Auftrages, den ein frankischer Bauer, Namens Rindfleisch, haben wollte, inszenirtcn und heftig betriebenen Judcngemctzel in Regensbürg Einhalt zu thun, doch schon im Jahre 1345 taucht in München wiederum die Mähr vom ermorderen Christcnkmd auf, die nach ״Adtzreitcr und Finsterwald" eine Vcrjagnng der Juden im Gefolge hatte (stehe jedoch Raderö ״Heiliges Baierland" '1'. 11, p. 326, wo er nngiebt, daß diese Beschuldigung für diesmal keine Folgen gehabt hatte). Das unter der Regierung Kaiser Ludwig deö Bayer ausgestellte Edikt zur Vcrtrcibnng der jüdischen UmerLhanen (Acneas lMccolimini in FrccherS Script., rer. serm. erzählt: ״Anno 1314 clectus Caesar Liulovicus Bavarus Iudaeos . onmes, publice positis edietis, a suis dommiis extenninavit־‘ scheint nach Bergmanns ״Geschichte der Stadt München" die Münchener Inden nicht betroffen zu haben. Die Gründe dieser seltsamen Ausnahme werden von den verschiedenen Geschichtschreibern verschwiegen. Doch geht man nicht fehl, wenn man als Grund dieser Bcgünsrignng die hohen Summen, die die Münchener Inden entrichten maßten, annimmt. Im Oefele Script, vcr. boie. wird berichtet, daß ein in München wohnender Jude für sich und seine Familie alle Jahre nach St. MichaclStag 20 Pfund hallisch zu zahlen gelobte. Allein dieser Schritt, diese erkaufte Duldung, so willkommen sie auch Anfangs scheinen mochte, gestaltete sich allmählich zu einem vernichtenden Todesstoß für die Münchener Juden, denn einmal, den Finger gezeigt, wollte der unersättliche Schlund der Genußsucht die ganze Hand haben. Herzoge, Klöster, Grafen, Ritter, Herren, Bürger, Knechte schwelgten in schrankenlosester Weise ans Kosten der Münchener Juden, und da letztere diese kolossalen Unsummen nicht erschwingen konnten, waren sie gcnöthigt, zum Wanderstab zu greifen. Bereits in den letzten Dezennien dcS 14. Jahr- Hunderts verließen die Juden München. Herzog Albert schenkte im Jahre 1442 ״daö HawS hie zu München an der Inden Gasse gelegen, darinn vor Zeiten die Juden Schncl gewesen ist" seinem Leibarzt Hartlicb, der die Synagoge auch eine Zcitlang als Wohnung benutzte, überließ sie aber später in Folge vorgcsallener Wunder als Kirche, die noch jetzt unter dem Namen der l). Grast berühmt ist. Wie den einsamen Wanderer in eisiger und sinstercr Nacht jede matt erhellte Hütte zur Einkehr verlockt, um, seines ZehrpfennigS beraubt, wieder vor die Thür gesetzt zu werden, so wirkte auch der Sirencnrus der vom Laster der Ueppig-