Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1887)
- Article
- Das schwarze Buch
- Date
- 1887-06-30
- Page
- 408 (sequence 2)
- Language
- German
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״Ganz wohl," entgegncte sie flüsternd,. nn& mit mühsam bewahrter Fassung schritt sie an seiner Seite den Räumen zu, in denen die Gesellschaft sich befand. Ein Laut der Bewunderung empfing sie, als sie in den Salon trat. Aller Augen hasteten au ihr, als sie an der Seite ihres Vaters cinhcrschritt. Sic aber sah Niemanden, ihr Blick hastete am Boden, denn sie fürchtete sich beständig, des Freiherrn ansichtig zu werden. Als sie das obere Ende des Saales erreicht hatten, wo Frau Meierhof mit einigen älteren Damen sich befand, zog Herr Wertheim seinen Arm zurück und übergab seine Tochter seiner Schwester, die sie neben sich auf einen Sessel niederzog. Dann wandte er sich an die Gesellschaft, die in unverhohlener Spannung der Dinge harrte, die da kommen sollten. ״Meine verehrten Damen und Herren!" begann er mit lauter, weithin schallender Stimme, ״ich sage Ihnen meinen verbindlichsten Dank für die Freundlichkeit, mit der Sie meiner Einladung entsprochen, ich betrachte Ihre Anwesenheit als ein Zeichen freundlicher Theilnahme für meine Familie, denn es ist, wie ich glaube. Ihnen Allen kein Gcheimniß, welches Fest zu begehen wir im Begriffe sind. — Doch bevor ich die eigentliche Feier eröffne, sei es mir gestattet, Ihnen über dieselbe einige Mitthcilungen zu machen, die Sie, ich glaube sicher, intercssiren werden. Vor ungefähr zehn Jahren besand sich ein kleines, kaum neunjähriges Mädchen in Lebensgefahr; sie war allein in einer Equipage, die Pferde waren durchgegangen und jagten in rasender Eile einher. Da warf sich ein hochherziger Knabe den wüthenden Thieren entgegen und mit Gefahr des eigenen Lebens rettete er das Kind. Die Eltern des kleinen Mädchens bemühten sich, dem Netter ihres Kindes sich dankbar zu erweisen und wie Geschwister wuchsen die Kinder heran. — Doch als der Knabe zum Manne hcrangcrcist, da ward dem Vater des kleinen Mädchens berichtet, daß der einstige Retter seines Kindes sich in sehnsüchtiger Liebe zu der Geretteten verzehre. Und von anderer Seite ward ihm auvcrtraut, dag die kleine Gerettete nichts sehnlicher wünsche, als ihr Leben Demjenigen zn weihen, der cs ihr erhalten." — Einen Moment hielt er inne, dann fuhr er mit leicht bebender Stimme fort. ״Ich glaube, verehrte Anwesende, Sie finden den Wunsch des kleinen Mädchens berechtigt und würden jenen Later grausam schelten, der sich demselben widersetzen würde." Abermals hielt er inne, sein Blick war suchend durch den Saal geschweift, am entgegengesetzten Ende hatte er seinen Buchhalter erblickt. Raschen Schrittes war er auf ihn zu gegangen. ״Leo, mein Sohn, darf ich bitten?" und ohne weitere Erklärung nahm er seinen Arm und zog ihn mit sich fort. — Sprachlos vor Staunen, den eigenen Sinnen kaum trauend, folgte ihm der junge Mann schwankenden Schrittes dem oberen Ende des Saales zu, wo Henriette sich befand. Diese hatte jedoch mit. Raschheit sich in die Situation gefunden. Zwar bebend an allen Gliedern, erglühend in bräutlichem Entzücken, hatte sie sich uuwitLkürlich erhoben; und als nun der Vater den Geliebten ihr zuführte, da legte sie unaufgefordert ihre Hand aus seinen Arm, den ihr zu bieten er. noch nicht gewagt hatte. ״Meine verehrten Gaste, ich erlaube mir, Ihnen die Neuverloblen vorzusiellen, meine Tochter Henriette, Herr Leo Rüben." Auf einen Wink von ihm erfolgte ein Tusch des Orchesters und brausende Hochrufe auf das Brautpaar fielen ein und alle Anwesenden umdrängten glückwünschend den Gastgeber und seine Familie. ES war eine Szene übcrsprudelnden Glückes und reinster Lebensfreu den. Herr Wertheim hatte erreicht, was er erzielt. Niemand ahnte, daß er am Morgen der Verzweiflung nahe gewesen, alle Welt pries seine Uneigennützigkeit und seine zärtliche Vaterliebe. Glückstrahlend nahm er die Glückwünsche entgegen und hatte für Jeden eine heitere Erwiderung. Die Verlobten jedoch waren nahezu übcrmannt, sowohl durch den jähen Wechsel als durch das Ucbcrmaß ihres Glückes. Einer Ohnmacht nahe, lehnte Henriette auf den Arm ihres Bräutigams, der die Hand ihres VaterS ergriffen hatte und in abgerissenen Worten seinen Dank stammelte. ״Sie werden es nimmer bereuen". ״Davon bin ich überzeugt, mein Sohn. — Aber int Augenblick seid Ihr Beide nicht salonfähig. Komm, führe Dein Brantchen. dort ins anstoßende Zimmer, eine Viertelstunde will ich Euch schenken, daß Ihr Euch an den Brautstand gewöhnt, aber dann hcißt's frisch sein, dann geht cS zu Tische." In ungetrübter Heiterkeit und Freude nahnt das Fest seinen Verlaus. # Es war in den Vormittagsstunden des folgenden TageS. Strahlend vor unnennbarer Wonne schritt Henriette am Arme ihres Verlobten durch die Straßen, der Wohnung Rabbi Nathan HabermannS zu. Sie hatte bereits vollständig ihren Muthwillen von ehedem wicdergefnnden. Leo jedoch fühlte sich noch, seiner eigenen Aeußerung nach, wie erdrückt von dem Uegcrmaß seines unverdienten Glückes, er war schweigsamer als sonst, aber sein Auge leuchtete. (Schluß im zweiten Bogen.)