Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1887)
- Article
- Der landesherrliche Judenschutz in Niederbayern zur Zeit des 15. Jahrhunderts
- Date
- 1887-06-30
- Page
- 406 (sequence 2)
- Language
- German
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406 ereilte bei Ucbernahme der Negierung durch seinen Lohn Ludwig im Herbste 1450 die niederbayerischen Juden ein bitteres Loos — das der Verbannung. AliS dem Lande, worin sie seit mehr als einem Jahrhundert friedlich gelebt und industriell ihr Dasein gesristet hatten, mußten sie traft Landesbcsehls vom 5. Oktober 1450 fammt und sonders mit Weib und Kind wieder ziehen und sich außerhalb NiedcrbaycruS neue Wohnsitze begründen. Die Sonne, die den Inden in den nicderbaycrischcn Gefilden unter der NcgicrungSzeit Friedrichs mib Heinrichs von Bayern so lieblich gelächelt, hatte sich plötzlich verfinstert und die Güte und Zuneigung des Vaters für die Juden beim Sohne in Haß und wilde Leidenschaft gegen sie verwandelt. Die landesherrliche Residenz zu Landshut war den Juden künftig nicht mehr eine ZufluchSstatte in Noth und Bedränguiß. ES war ein Gewaltakt der krassesten Art, welcher au jenem Tage deö 5. Oktober 1450 an allen Orten der nicderbayerischcn Lande gegen die dort seßhaften Juden gemcüisam verübt wurde. Chronisten schildern die Vertreibung der Juden ans Niedcrbayern wie folgt: Der Historiograph Vitus Arnpeck (1465) (vcrgl. Petz thesaurus toni. III., Seite 1396, Kap. 65) sagt: ,.!,udovicus in principio sui rogiminis anno die St. Francisci 1111a hora in terra tua Judaeos omnes publice positis cdictis captivavit, bonis suis spoliavit et e suis (lominiis exterminavit.“ Ein späterer LandShuter Chronist berichtet hierüber: ״Am Morgen deö 5. Oktober 1450, alö das Frühglöcklein in der herzoglichen Burg TrauSnitz läutete, wurden alle Inden, nicht nur in der Stadt, sondern im ganzen Laude, in ihren Wohnungen überfallen und gefangen. Die Männer wurden in die Schcrgeustnbc zu Landshut, die Weiber und Kinder in die Synagoge eiugesperrt. Da man die Juden in damaliger Zeit für keine rechtsfähigen Personen, sondern für Leibeigene des Fürsten hielt, so wurde, was man von ihnen in ihren Wohnungen und auch in fremden Orten von Kleinodien, Gold und Silber fand, dem Herzog eingeliefert. Seine Näthe und Hofdiencr, welche den Juden schuldig waren, sprach der Herzog von der Schuld loS und gab ihnen die Vorgefundenen Schuldscheine zurück. Die anderen Rntcrthaucu durften nur das Hauptgut bezahlen und die bereits bezahlten Zinsen davon abziehen. Der Herzog erließ hierauf ein Gebot, die Inden sollen 30 000 Gulden erlegen und innerhalb dreier Tage das Land räumen-, deren HanSr.ath, die Bücher und was zur Synagoge gehöre, sollten ihnen zurückgcgeben werden. So ist cd auch geschehen. Im Zeiträume eines Monats war Alles vorbei, daS Land von den Juden frei. Der Juden Synagoge wurde in eine christliche Kirche, die heilige DrcisalttgkcilSkirche, verwandelt. Blutige Gclvaltthätigkciten erfolgten nicht. Auch haben sich viele Inden und Jüdinnen taufen lasten, um in des Herzogs Land zu bleiben." Weil es für manchen unserer Leser interessant sein dürfte, ein Bild zu erhalten, in welcher Weise zu damaliger Zeit allerhöchste Willenskundgebungen abgefaßt wurden, die gedachten Pergamente auch durch den Druck noch nicht bekannt gegeben sein dürften, reihen wir die beiden Willcbriefe Herzog Heinrichs von Bayern im Originalwortlaute hier an: I. Fudenschulzbrief Herzog Heinrich des Reichen von Riedcrbarjern. d. a.: 1410, Mai 16. Wir Heinrich von GotS genaden Pfallcnhgrave bcy Rein und Hertzoge in Beyrn Bekennen ofsenlich mit dem bricf: Als wir die Judmgassen in unser Stat zu Lanndshutt abprechcn haben lassen, Sein unser Juden daselben an uns mit fleissiger bet kommen von irer Synagog wegen und uns gebeten, daß wir In die stcen lassen. Dieselben bet wir angesehen haben, sy des gewcrt und haben Ir Schul, ir TukkhauS und Pahhaus stcn lassen. Sy füllen und mugcn auch Das Alles umb fridcn nach dem, als wir In dann autzaigen lassen, und füllen und wetten Sy auch gcnediklich dabey halten, schermcn, und uyemant, der In aiuerlay cinvall oder bcswcrnng daran tun wolde, dcS gestatten, noch selb tun. DcS zu nrkuud geben wir In den bricf mit unserm auhaugendcn Jnsigcl versigcltcn. Zu LanndShut an Frcytag nach dein heiligen Pfiugsttag nach Kristi geburde viertzchcnhnndert und in dem zchennden Jare. Pergament. Herzogs. Siegel, haengt an in holezcrner Kapsel. IL IudeufreihriLsbrief Herzog Heinrich des Reichen von Riederbagern, d. a.: 1413, August 19. Wir Heinrich von goLS genaden Psallentzgras bcy Nein mtb -Hertzoge in Beyern Bekennen offennlich mit dem brif, das wir allen unseren Inden gemeiniklich zu LanndShut und wo sy in unserm lannde gesessen sein, die gcnad getan haben, also daß wir sy noch unser Ambtläut an Irr gcwocndliche steur, die sy uns Järlichcn geben süllcn von Weinachten schirst über dreu gantze Jar, die uaegst nach einander kömcn, ir chcinen daran nicht höheren, noch mer uemcn füllen, dann als die zcttl auSwcist, die sy uns geschribcn mit Irrer uuttergcschrift geben habeut. die da laut zway hundert und achtzehen gnldein ungerisch.