Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1887)
- Article
- Das schwarze Buch
- Date
- 1887-06-23
- Page
- 392 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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392 ״Sie haben Recht, Sie haben Recht, so will ich's; machen, eine persönliche Auseinandersetzung wäre allzu j peinlich." ן (5r zog ein Portefeuille ans der Tasche und kritzelte! einige Zeilen auf ein Blatt, das er anSriß. ״So — das wäre die Depesche. Ich werde sie jetzt gleich auf dem Heimweg aufgcben. — So bleibt die unglückliche Geschichte wenigstens vorläufig unter uns. — Und nun nach Hansi ״ Er athmctc schwer auf, drückte den Hut in die Stirn und suchte seine etwas deraugirte Toilette wieder in Ordnung zu bringen. ״Und wissen Sic, bei allein Unglück ist es doch noch ein Glück, dag ich die Geschichte jetzt erfahren. Herr Gott! —wenn ich sie erst morgen erfahren hätte, nachdem die Verlobung bereits stattgefundeu — ich weiß nicht, ob ich einen derartigen Affront hätte überleben können. — So — ich habe zwar noch keine Idee, wie die Sache sich gestalten wird, aber — Ihre Idee geht mir im Kopf herum. — Das wäre in der Thal ein Ausweg — ich werde ׳sofort meine Tochter inS Gebet nehmen. — Leben Sie wohl, lieber Rabbi, und trachten Sie, daß Sie bald gesund werden. Sie haben mir heute zwar großen Schmerz bereitet, aber ich schulde Ihnen dafür großen Dank. Adieu!" Er drückte die Hand des Nabbi und wollte sich entfernen; der Rabbi jedoch hielt ihn zurück. ״Noch einen Augenblick, Herr Wcrtheim, ich möchte Ihnen noch eine Miltheilung machen. Selbst auf die Gefahr hin, eine Indiskretion zu begehen, kann ich mich nicht enthalten, sie Ihnen zu machen. — Sie wissen, ich lerne allabendlich mit einer Anzahl junger Leute. Seit einigen Wochen bemerkte ich eine außergewöhnliche Zerstreutheit an einem derselben, der bis dahin der Eifrigste von Allen. Auf!nein Drängen gestand er mir, daß er die Tochter seines Chefs liebe, daß die junge Dame jedoch keine Ahnung davon habe und sich demnächst mit Herrn von Felscnstein verloben werde." ״Der Name!" rief Herr Wertheim in athemloscr Spannung, ״der Name!" ״Leo Nubcn." ״Herr Gott im Himmel! wo habe ich meine Augen gehabt? Nabbi, Rabbi, ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich Ihnen danken soll — von Ihrem Studierzimmer ans haben Sic weiter gesehen, als ich aus nächster Nähe. Aber wenn Alles, wie ich jetzt mit Zuversicht hoffe, gut geht, so schickeich Ihnen morgen tausend Thal er. die Sie nach eigenem Ermessen für HütfSbcdürstige verwenden wollen." NochnialS drückte er die Hand deö Nabbi so heftig, daß dieser einen Schmerz empfand, dann verließ er hastigen Schrittes das Zimmer. Die frische Lust that ihm wohl, in vollen Zügen sog er sie ein und hob den Kopf, damit sie die Stirn ihul umfächele. Nor kaum zwei Stunden hatte er dieselben Straßen durchschritten, Bekannte hatten ihn gegrüßt mit verständnißinnigem Lächeln, mit vcrständnißinnigem Lächeln hatte er die Grüße erwidert, und nun? — Kaum zwei Stunden waren verstrichen und doch schienen ihm alle Verhältnisse um ihn her verändert. — Was hatte er nicht Alles empfunden in diesen verflosscncn zwei Stunden! — Doch augenblicklich empfand er keinen Schmerz. — Jetzt eben freilich hatte er tief aufgcathmet, es war beinahe wie ein Seufzen — er hatte soeben die Depesche ansgegeben. Doch nun eilte er noch rascher der eigenen Wohnnng zu; gehobenen Hauptes und wie ein Lächeln, wie ein schelmisches Lächeln umspielte es seine Mundwinkel. Die Erste, der er im Portale begegnete, war seine Schwester, Frau Meierhos. ״Edwin, um Himmelswillen, wo warst Du denn so lange? Alle Welt verlangt nach Dir, eS sind noch hundertlci Anordnungen zu treffen und Du bist nirgend zu finden." ״Wo ich gewesen bin, das sollst Du gleich erfahren. Komm mit in mein Zimmer, da will ich Dir Alles beichten." ״Wo denkst Du hin? habe ich denn heute Zeit, langa!hm.ige Berichte anzuhörcn? — Ach, die Männer, die Männer, die haben doch gar keine Einsicht. — Weiß ich doch ohnehin nicht, wie ich vor dem Abend fertig werde. Gehe auch Du nur rasch hinüber in das Treibhaus, die Leute harren dort Deiner Anordnung." ״Mögen sie warten," entgegnete Herr Wertheim ärgerlich, ״ich treffe keine weitere Anordnung, bevor ich Dich nicht gesprochen." Frau Meierhof schüttelte seufzend den Kopf. ״Nun, wenn es denn sein muß." und resignirt folgte sie dem Vorauschreitendcn zu seinem Zimmer. Ais er die Thür desselben jedoch geöffnet hatte, trat er zurück und ließ seine Schwester voransgehen. ״Also, Edwin, ich bin ganz Ohr, aber ich bitte Dich ums Himmcwwitten, fasse Dich kurz." ״So kur; als möglich, Marianne." Er bot ihr einen Sessel, drückte die Thür fest ins Schlot, und begann. Doch Frau Meicrhof hatte sehr bald vergessen, daß sie ihn aufgefordert hatte, sich kurz zu fassen. Einmal über das Andere schlug sie die Hände ineinander ob des Ungeheuerlichen, das sie vernommen. (Schluß folgt.)