Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1887)
- Article
- Das schwarze Buch
- Date
- 1887-06-23
- Page
- 391 (sequence 1)
- Language
- German
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KY1 Ms flinarjc Auch. Von Friedrich R o t t. (NachdnrL vcrbotcn.) (Fortsetzung.) ״Zu schwarz? — Ach, Sie wissen nicht, ich habe die Honorationcn der ganzen Stadt und der Umgegend in weitem Kreise auf heute Abend zu Gast geladen, zur Verlobung meiner Tochter. — Und sie werden kommen, alle die geputzten Damen und Herren, und wir werden sie empfangen und unterhalten müssen — und — und — mein Kind! — 0, mein armes, armes Kind!" Abermals rannte er vcrzweiflnngSvoll im Zimmer umher. Vergebens, bemühte sich der Rabbi, ihn zu beruhigen, er wollte auf TrostcSworte nicht hören. ״Mein Kind! — meine süße, kleine Henni! — Das wird ein entsetzlicher Schlag für sie sein!" ״Empfindet denn Ihre Tochter für den ihr zugedachten Bräutigam schon jetzt solch innigeZuucigung?" Der Bankier blieb stehen und fahr sich mit der Hand durch das Haar. ״Mau sollte eS allerdings glauben, denn er ist in Wirklichkeit ein liebenswürdiger, junger Mann — ich bin überzeugt, sie wäre glücklich mit ihm geworden. — Daß sie jedoch schon jetzt innige Zuneigung für ihn empfunden, könnte ich gerade nicht behaupten, denn sie wollte von ihrer Verlobung cigentlich noch nichts wissen, hat beständig behauptet, sic wäre noch zu jung zum Heirathen. — Doch das war ja nur die gewöhnliche Ziererei aller jungen Mädchen." ״Wer weiß?" sagte der Rabbi, bedächtig däö Haupt wiegend, ״ich traf vor Kurzem Fräulein Wertheim bei einer armen Familie, ich hörte sie einer Kranken Trost znsprechen und sprach selbst einige Minuten mit ihr; sie hat auf mich durchaus nicht den Eindruck gemacht, daß ich ihr eine leere Ziererei Zutrauen möchte. — Wer weiß — wer weiß — vielleicht hat nur der Betreffende ihre Sympathie nicht errungen, — vielleicht hat sie ihre Neigung einem Andern zugcwandt." Der Bankier schüttelte den Kopf. ״Undenkbar, undenkbar, sage ich Ihnen. — Weshalb hätte sie denn davon nichts erwähnt?" .,Mit Bestimmtheit könnte ich diese Frage freilich nicht beantworten, doch vermuthen ließe sich HNanchcS. Vielleicht zweifelte Ihre Tochter an der Möglichkeit, Ihre Zustimmung zu der von ihr gewünschten Verbindung zu erringen. — Wie ich erzählen hörte, haben Sie überaus großen Werth darauf gelegt, daß Ihr prasumptiver Schwiegersohn von Adel." ״Leider! — leider!" Er fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare und durchmaß wicdermn das Zimmer mit großen Schritten. ״Meine Hochmuth ist bestraft worden! — ist grenzenlos bestraft worden! — Wenn sie da heute Abend kommen werden, hundcrtfünfundzwanzig Personen! — Es ist entsetzlich!" Plötzlich blieb er vor dem Sofa stehen und tief ansathmend blickte er den darauf Liegenden mit weit anfgerissencn Augen an. ״Aber wenn Sie Recht hätten— Rabbi! Rabbi! — wenn Sie Recht hätten — ich wäre relativ glücklich. — Und wäre cS der elendeste Winkelschrciber, der die Neigung meiner Tochter gewonnen — wenn er im Uebrigen nur ein braver, achtungswcrthcr Mann wäre, heute Abend würde ich ihn zu ihr führen, vor der versammelten Gesellschaft würde ich ihre Verlobung proklamircn, die Welt sollte sagen: der Werthcim hal's nicht nöthig, bei der Wahl seincs Schlvicgersohnes auf Geld zu sehen, als zärtlicher Vater hat er in erster Linie die Neigung seiner Tochter in Betracht gezogen." Ein Ausdruck der Befriedigung glitt über das intelligente Antlitz dcS Rekonvaleszenten. ״Recht so, Herr Wcriheim, recht so — suchen Sic vor Allem die aufrichtige Gesinnung Ihrer Tochter zu erfahren." ״Das will ich. Aber Sic werden nicht Recht haben, Rabbi — nein, nein, Sie werden nicht Recht haben. — Und waS dann?" Er preßte beide Hände gegen die Stirn. ״Mein Kopf! — mein Kopf! — mir ist. als müsse er zerspringen. — Weiß ich doch in Wirklichkeit nicht, was ich jetzt zuerst thun soll." Der Rabbi blickte voll Thcilnahme auf den verstörten Mann. ^Vor Allem wäre cS nothwcndig, den betreffenden jungen Mann von der veränderten Sachläge zu verständigen." ״Herr Gott! Sie haben Recht. — Lieber Rabbi, ich bitte Sie nnts HimmelSwillcn, sogen Sie mir, wie ich das zu bewerkstelligen habe — ich weiß wahrhastig nicht, wo' mir der Kops steht." ״Ist Herr von Felscnstein bereits hier?" ״Gegenwärtig noch nicht, er wird erst Nachmittag fünf Uhr mit dem von W.... kommenden Zuge cintresfcn." ״Er befindet sich augenblicklich in W....?" ״Ich glaube — das heißt — gewiß, gewiß — er befindet sich augenblicklich in W." ״Wenn Sie das bestimmt wissen, so müssen Sie ihm sofort telegraphisch mittheilen, daß er nicht herkomnien möge, da seine Verlobung mit Ihrer Tochter nicht stattsinden kann. Fügen Sie hinzu, daß Sie ihm noch heute brieflich das Nähere mittheilen werden, daß er Ihren Brief in W..... erHartea möge,"