Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1887)
- Article
- Deutschland : Berlin, 10. Juni [Nachricht]
- Date
- 1887-06-16
- Page
- 379 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Petition ausgestellten Behauptungen nähere Erhebungen oder Ermittelungen anzustellen." Dagegen ist Herr Broemel, gleich Herrn Windthorst, vollkommen zu« sricdcngcsteUt von dem Material, welches die israelitischen Petenten bcigcbracht, um darzuthan, daß das israelitische Schächten kerne Thierquälerci sei. Herrn Broemel imponirt es außerordentlich, daß die 52 Gutachten, welche die Israeliten sich ״von Professoren der Physiologie an den Universitäten Deutschlands und des Auslandes und von einer Reihe anderer Autoritäten" verschafften und welche sic ihren Petitionen beilegten, ״alle ohne eine einzige Ausnahme erklärten, daß bei dem rituellen Schächten mit irgend einem Scheine des Rechts von Thierquälerci nicht die Rede sein könne." Herr Broemel schließt sodann aus dieser für ihn überzeugenden Thatsache, daß die Petition der deutschen Thierschutzvereine ״in ihrer Gcsammthcit nicht ein Material enthält, welches als eine unanfechtbare Grundläge für einen Beschluß des Hauses angesehen werden kann/' Hätte Herr Broemel die Petition der Thicrschutzvereine und die den israelitischen Petitionen beiliegenden Gutachten verglichen, so würde er gesehen haben, daß es sich hier um zwei ganz verschiedene Dinge handelt. Die wissenschaftlichen Gutachten gehen ans daS Schächten nur insoweit ein, als sie darlegen, daß bei rascher Entleerung des Hirns vom Blut Bewußtlosigkeit eintritt, eine Thatsache, die auch dem Laien ohne wissenschaftliche Gutachten bekannt ist. Außer dem Schmerz des Halsschnittcs hätte also das Thier, wenn das Hirn sofort blutlos würde, keine weiteren Qualen. In den eingehenderen dieser wissenschaftlichen Gutachten wird aber auch anSgcführt, daß nach der Erfahrung bei Kranken die Empfindung wieder eintritt, wenn der Kopf in eine tiefere Lage als die des Körpers gebracht wird, weit so das Blut in das Gehirn zurückgeführt wird. Diese Lage ist aber die des SchlachtthicreS beim Schächten. Das Blut kann sich folglich nach dem Halsschnitt nicht rasch entleeren, und so ist, wie daü auch an dem qualvollen Ausdruck des AugcS, das noch fünf bis zehn Minuten auf jede Bewegung reagirt, ersichtlich, Bewußtsein und Empsindnng des Schmerzes vorhanden. Die Israeliten in Genf und Wien haben dieser Thatsache auch Rechnung getragen dadurch, daß sie dem Halsschnitt unmittelbar den detäubendcn Bcilschlag folgen lassen. Doch richten sich die Beschwerden der Thierschutzvereine, wie in der Petition derselben deutlich anSgeführt, hauptsächlich gegen die Vorbereitungen zum Schächten. Es ist nicht wahrscheinlich, daß einer der Herren Professoren, welche ein Gutachten über das Schächten abgegeben, einen! Schächtakt mit allen begleitenden Umständen beigewohnt hat, da sie sich lediglich mit den Erscheinungen des VerblutungStodeö befassen. Hätten sich die Herren durch den Augenschein über daS Schächten unterrichtet, so würden sie ihr Urtheil doch wohl modifizirt haben; auch die Information bei Schlächtern würde dazu genügt haben. Durch das gewaltsame Werfen der starken Thiere aus den harten Boden fallen sie sich auf, es brechen nicht selten Nippen und Hörner; häufig ist der Schächter nicht zur Stelle und die Thiere — in größeren Schlachthäusern immer mehrere zu gleicher Zeit — haben in dieser Qual mit umgedrehtem Halse, bedeckt mit Angstschweiß, oft eine halbe Stunde und länger zu liegen, bis endlich der erlösende Schnitt gemacht wird. Es ist versucht worden, Manipulationen in Abrede zn stellen, welche eine Verletzung der Thiere vor dem Schächten herbeiführen könnten, unter Hinweis ans die rituelle Bestimmung, daß der Israelit Fleisch von einem vor dem Schächten verletzten Thiere nicht genießen darf, die Schächter sich daher zur Vermeidung eigenen Schadens hüten würden, solche Verletzungen herbeiznführcn. Die Sache liegt aber so, daß solches für orthodoxe Israeliten ungenießbare Fleisch, ebenso wie jene Theile des Thicres, deren Genuß ihnen über- Haupt verboten ist, an die Christen verkauft wird. Ja, in Städten mit starker jüdischer Bevölkerung lassen die Großschlüchter alle ihre Schlachtthicre schachten, um so den Israeliten eine größere Auswahl zn bieten. In Berücksichtigung der das Schächten begleitenden thierquälerischcn Manipulationen haben verschiedene jüdische Gemeinden, so in Genf!mb Wien, Vorkehrungen besonders durch Anwendung weicher Unterlagen zum Schutze der zn schachtenden Thiere getroffen. DaS ist cs, was unsere Thierschutzvereine eventuell auch für Deutschland verlangen." Man erkennt unschwer, daß hier die Thalsachen theilS geradezu entstellt, theilS ignorirt werden. Die ersten wissenschaftlichen Autoritäten haben für die Schcchita Zengniß abgelegt, und zwar für die Handhabung dcS ganzen Aktes des SchächtenS. — Die Distinktion, welche hier versucht wird, giebt sich demnach als eine tendenziöse Entstellung des wahren Sachverhalts. Jedenfalls wird cs gut sein, wenn die jüdischen Gemeinden auf der Wacht stehen, um jedem erneuten Versuche ebenso energisch zu begegnen, wie dem soeben n!iß!ungencn. -a- Berlin. 14. Juni. Die Reisesaison beginnt. Man richtet sich für die Sommerfrische und den Landanfciithalt ein. Auch die fromme Schaar der Christlich- Sozialen suhlt das Bcdürsniß, dem tosenden Lärm der Hauptstadt zu entfliehen. Doch bevor sie in die Ferien geht, sammelt sie sich noch einmal um ihren bewährten, verehrten und geliebten Führer, den Hos- Prediger Stöcker, um seinen mahnenden, ermunternden, belehrenden und erhebenden Worten zu lauschen. Und er, der besorgte, väterliche und liebreiche Vater und Leiter seiner Schaar, hatte für seine Kinder und