Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-06-16 · Heft 24 (16.6.1887) · p. 378

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 24 (16.6.1887)
Article
Deutschland : Berlin, 10. Juni [Nachricht]
Date
1887-06-16
Page
378 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
correspondence
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932779--25253-2935596
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

378 Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. C. Berlin, 10. Juni. Diejenigen, welche durch die bekannte Petition des Verbandes der deutschen Thierschutzvereine der jüdischen Schlachtweise Schwierigfeit zu bereiten gedachten, können sich mit dem Schicksale, das derselben durch den Neichstagsbcschluß zu Theil geworden ist, nicht beruhigen. Sie bemühen sich anscheinend, eine neue Agitation ins Werk zu setzen. Die ״Konservative Korrespondenz" har in dieser Hinsicht־ eine größere Anslajsnng von Stapel gelassen, ans welcher ' die 3״üb. Pr." den folgenden Auszug bringt: ״Biele Tausende deutscher Staatsbürger wenden sich um geschliche Abhülfe eines mit allen christlichen Moralgesetzcn in Widerspruch stehenden Zustandes an die Vertretung der Nation, legen derselben eine eingehende Begründung ihres Petitums vor und erwarten selbstverständlich eine sachgemäße Prüfung derselben. Diese wird aber von vornherein unmöglich gemacht durch Herrn Win dthorst, der cS veranlaßte, daß statt einer Debatte über Abstellung der Thicrquälcreien beim Schlachten, eine solche zu Schutz und Lob des jüdischen Schächtens stattfand. Herr Windthorst bekannte offen: ״Was mich bei dieser Petition besonders interejsirt, ist eben das jüdische Schächten." Die durch Sachverständige erhärteten grauenhasten Zustäude in unserem Schlachtwesen, welche alle gebildeten und human denkenden Leute als einen Schandfleck für unsere christliche Kultur beklagen und deren korrumpircndc Wirkung aus die Votkssitten anerkannt ist, konnten das Interesse des Herrn Windthorst nicht erwecken. Wie er dem Reichstag mittheilte, hat es bei ihm ״nicht an Deputationen gefehlt", welche ihm ״die Bedrängnis;, in welche die Israeliten zu kommen fürchten, in den lebhaftesten Farben geschildert haben." Außerdem hat sich Herr Windthorst selbst ״nach der Sache nmgcseheu", und hat sich ״überzeugt, daß die orthodoxen Inden ein großes Acrgerniß an diesen Anträgen nehmen und nehmen müssen, weil sie in Konflikt kommen mit den Anschauungen, die sic von Jugend aus gehabt haben, die hcrstammen aus der mosaischen Zeit". ״Ich bin im allgemeinen der Meinung", sagt weiter Herr Windt- Horst, ,,daß der Staat in derartige Gebrauche sich nicht N'.ischeu soll, und daß er auf das Zarteste die Gewissen seiner Untcrthanm zu schonen hat." Viel weniger als mit dem ״Acrgerniß" der Israeliten hat sich Herr Windthorst mit den Beschwerden der Petition beschäftigt; sic sind ihm ״nicht genügend bezeichnet", sagt er. Herr Windthorst scheint demnach die Petition der Thierschutzvcreiue nicht gründlich gelesen und noch viel weniger die Jedermann gebotene Gelegenheit wahrgenommen zu haben, sich über die zur Verhandlung stehende Sache durch eigenen Augenschein ein Urtheil zu bilden. Wenn Herr Windthorst meint, daß der Staat in derartige Gebrauche sich nicht mischen soll, und daß er auf das Zarteste das Gewissen seiner Unterthanen zu schonen habe, so hätte er doch auch eine ähnliche Rücksicht ans die Millionen seiner christlichen Mitbürger nehmen sollen, denen es Gcwissenssache ist, daß endlich einem Zustand ein Ende gemacht werde, der mit dem allgemeinen Sittengesctz wie mit der Anschauung jedes wahrhaft religiösen Menschen in krassem Wiedcrspruch steht. Mit dieser Rücksicht auf das Gewissen feiner christlichen Mitbürger würde Herr Windt- Horst der Petition der deutschen Thierschutzvereine auch etwas von dem Interesse, daß er den israelitischen Petitionen widniet, zugewendet haben. Herr Windt- Horst hat auch die ״Gutachten von Sachverständigen, Aerzten, Thierärzten", welche diesen Petitionen beilagen, gelesen, und er verweist besonders auf das Gutachten des Herrn Abgeordneten D1\ Virchow, welches sich dahin äußert, ״daß im Schächten keinerlei Thicrquälcrei enthalten?ist". Aber ״selbst, wenn dies nicht ganz der Fall wäre", sagt Herr Windthorst, ״wurde ich glauben, daß wir uns zu hüten haben, in alte Gebräuche unserer Mitbürger israelitischer Religion einzugreifen". Herr Windthorst stellt sich hier nicht etwa auf den Stand- Punkt der orthodoxen, aber doch humanen und den sittlichen Anforderungen ihrer׳ Mitbürger Rechnung tragenden Israeliten, nein, er nimmt Partei sur jcne, die jede auch nach ihren religiösen Vorschriften mögliche Kon-' Zession verweigern. Denn cs gicbt außerhalb Deutschlands Judcugcmcinden, deren Vorstände sich dazu verstandeu, die beim Schächten vorkommcuden Thiermartcrn möglichst zu beseitigen, sowohl durch Vorkehrungen, welche dein Schächten vorangchen, als durch die den; Halsschnitt uumitlelbar folgende Betäubung. Das ist also möglich nach der religiösen Uebcrzcugung orthodoxer Jsraclitcn, und darauf haben die Thierschutzvereine in ihrer Petition auch verwiesen als aus einen Ausweg, der die Forderung der Humanität mit dem alten Gebrauche des Schächtens annähernd vereint. Selbst darin sieht Herr Windthorst eine nicht zu rechtfertigende Zmnuthung an die deutschen Israeliten. Wie Herr Windthorst, so hat sich auch der folgende Redner Herr Broemel, lediglich mit den israelitischen Petitionen beschäftigt. Das vom Verbände der deutschen Thierschutzvcreine gelieferte Material reichte ihm ״durchaus nicht aus, um den von der Kommission vorgeschlagenen Beschluß zu fassen." Es scheint aber doch nicht an diesem Material gefehlt zu haben, denn Herr Brocmel spricht schon im nächsten Satz die Behauptung aus, ״die PctitionSkominission sei nicht in der Lage gewesen, über alle Theile der Petition des Verbandes, über alle in diesrr

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.