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Jeschurun · 1887-06-16 · Heft 24 (16.6.1887) · p. 376

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 24 (16.6.1887)
Article
Das schwarze Buch
Date
1887-06-16
Page
376 (sequence 3)
Language
German
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376 Ich fand dort, wie man so zu sagen pflegt, die ganze Stadt in höchster Erregung über den Zusammensturz eines alten jüdischen Großhaudlmigshauses. Der langjährige Chef desselben war wenige Jahre zuvor ge-׳ florbcn und hatte sein Geschäft und sein ganzes kolossales Vermögen seinem einzigen Sohne hintcrlasscn, dessen sabclhaftc Verschwendungssucht ihn in unglaublich kurzer Zeit dem Ruine zuführle. Noch am Anfang der Woche hatte er eine Soiree gegeben, bei der preußische Tresorscheine als Fidibusse verwendet wurden — und am Ende dieser selben Woche ist er entflohen bei Nacht und Nebel mit Zurücklassung kolossaler Schulden. Zwar wurde behauptet, daß er bedeutende Summen mit sich genommen, doch ob dieses Gerücht ans Wahrheit beruhte, ist nie konstatirt worden. Was er jedoch nicht mitgenommen, das war seine jnnge schöne Frau, die völlig mittellos in dem prächtigen, pallastartigcn Gebäude allein zurückgeblieben war. DaS allgemeine Mitleid wendete sich der Verlassenen zu, die bis gestern an fabelhaften Luxus gewöhnt, heute ohne Pfennig dastand. Doch cs fanden sich Freunde, die sich der Hülslosen mit warmer Theilnahme annahmcn. — Und ans einem dieser Freunde ward — mit der Zeit — ein Verehrer. Man munkelte allerhand, die verschiedensten Geriichlc dnrchschwirrten die Lust. Bald hieß cs, der Freund habe dem Entflohenen eine bedeutende Summe geboten, damit dieser sich von seiner Gattin scheiden lasse, bald wurde behauptet, er wolle ihn! eine bedeutende Summe bieten, könne jedoch seinen Alisenthaltsort nicht in Erfahrung bringen. Die Zeit verstrich. Der Freund ging bei der Verlassenen ein und ans. Mehr als ein Jahr war verstrichen seit der Fl licht ihres Gatten, — da erzählte man eines Tages, sie .wäre eines Knäbleins genesen. Die Aufregung war allgemein, doch nach einiger Zeit sprach man nicht mehr davon. Nach Ablaus jedoch eines zweiten Jahres ward der Entflohene von den Behörden für verschollen erklärt n!ld seiner Wittwe hiermit von Staatswegcn die Berechtigung zucrkannt, sich mit einem Andern zu vcrhcirathcn. — Und cs fand sich schon damals ein sogenannter Rabbiner, der die Ehebrecherin mit dem Vater ihres Kindes traute, der dem Ehebruch seinen Segen verlieh." ״Aber das ist ja unerhört," fiel der Bankier erregt ein, ״jenes uneheliche Kind, sowie die ans jener sogenannten Ehe entsprossenen sind doch Mamserim, mit denen jede eheliche Verbindung verboten ist." ״Freilich, freilich, aus diesem Grunde habe ich mich auch verpflichtet gehalten, die betreffenden Namen zu notiren." ״Daran haben Sie sehr Recht gethan. Doch —" er sah auf die Uhr, ״entschuldigen Sic, lieber Rabbi, wenn ich Sic ersuche, sich etwas kürzer zu fassen, meine Zeit ist mir heute karg zngcmcssen. — Also —" ״Ich bin bereits zu Ende," erwiderte der Rabbi mit leicht belegter Stimme, inbcm er nach einem dünnen Buche mit schwarzem Deckel griff, das neben ihm auf dem Tische lag. ״Sic sind bereits zu Ende? — daS begreife ich in der That nicht. Welches!׳״.sondere Interesse hätten denn gerade heule Ihre Mitthcilungen für mich?" Der Rabbi antwortete nicht. Mit nicht ganz sicherer Hand halte er das erwähnte Buch aufgeschlagen und reichte es dem Bankier, indem er mit dem Finger auf eine Stelle darin deutete. Herr Werthcim las! ״Trauung, vorgenounnen im Tempel der israclitischen Neformgcmciude zu B.durch den Prediger Herrn Di‘. H.am 7. 31111 i 18 .., Helene Meier, gcb. Kvhu, verlassene Gattin des von der Behörde für verschollen erklärten Josef Meier, mit Benjamin Felsenstein, Chef des Bankhauses B. L. Fclscnstem L Komp." Ein Schrei des Entsetzens entfuhr den bebenden Lippen des Bankiers; wie gebannt hastete sein Blick ans jenen unheilvollen Zeilen, die er nochmals und abermals durchlas. Tiefes Schweigen herrschte mehrere Minuten in dem Zimmer, man vernahm nichts als das Ticken der Wanduhr und den lauten, fast keuchenden Athcnt des mächtig erschütterten Mannes. ״Ist es denn unumstößlich wahr?" stammelte er endlich, ״ist nicht vielleicht ein Irrthum möglich?" ״Für die Wahrheit jener Notiz bürge ich," vcrsetzte der Rabbi, ״übrigens dürste cs Ihnen ein Leichtes sein, in B. . .. Erkundigungen cinzttziehen." ״Zn welchem Bwccke? — wenn Sie die Wahrheit jener grauenvollen Thatsachc verbürgen. — O! cs ist grauenvoll! — cs ist entsetzlich! — So nahe dcr höchsten Freude, der Verwirklichung meines jahrelangen Höffens und Wünschcns — und nun —־ und mm —" Er sprang aus und raunte mit ungleichen, hastigen Schritten im Zimmer auf und nieder. ״Mein Kind! — mein armes, armes Kind! — die ganze Well wird mit den Fingern auf uns deuten! — O! — O! —" ״Bester Herr Werthcim, ich glaube doch, Sic sehen zu schwarz." (Fortsetzung folgt.)

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