Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 24 (16.6.1887)
- Article
- Das schwarze Buch
- Date
- 1887-06-16
- Page
- 375 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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375 ist Leo nicht, er hat wenig Farbe und die Narbe ent-! stellt ihn doch — und dennoch — dennoch — liebe! ich ihn," fügte sie kaum hörbar hinzu.! ״Ab.r, Kind! ich bitte Dich um GottcSwillcn!" ״Kann ich'S ändern?" rief daS junge Mädchen; händeringend, ״ich liebe ihn seit jenem schrecklichen Tage, als man ihn blutbedcckt in unser HauS gebracht. — Er ist für mich das Prototyp alles Ncinen und Hohen — ich liebe ihn, wie man die Tugend liebt, und darum weiß ich auch, daß ich ihn immer lieben werde." . ״Aber Kind, ich bitte Dich unr'S Himmelswillen, Dein ParoxismuS übersteigt alle Grenzen. Du weißt doch nicht einmal, ob der junge Mann Deine Neigung erwidert." ״Ja, wenn ich das wüßte — wenn ich daS wüßte — dann wäre keine Macht im Stande, mich an die Seile eines Andern unter den Trauhimmel zu bringen. — 1111b auch so — ist cS denn erlaubt, sich dem Einen antrancu lassen und das Bild eines Andern im Herzen tragen? — Nein! ich kann'S nicht! — ich kann'S nicht!" Sic brach in rin heftiges Schluchzen ans. NathloS stand die Tante vor ihr und bemühte sich vergebens, das erregte Mädchen zu beschwichtigen. Inzwischen hatte Herr Wcrtheim die Wohnung des Nablus erreicht. Ohne anznklopfcn öffnete er die Thür und trat ein, der reiche Mann konnte sich das schon erlauben, obgleich er im Uebrigen gegen seinen ehemaligen Lehrer keinen Gcldstolz an den Tag legte. ״Guten Tag, mein lieber, guter Nabbi Nathan!" rief er dem auf dem Sofa Liegenden entgegen, indem er mit auSgcstrecktcr Hand auf ihn zucilte. ״Wie geht es Ihnen? Gottlob, Sie sehen besser aus als ich gefürchtet hatte — auf Ehre! — weit besser. Aber ich muß vielmals um Entschuldigung bitten, daß ich erst heute dazu komme, mich nach Ihrem Befinden zn erkundigen. Aber Sie haben keinen Begriff, wie unsereins in Anspruch genommen ist — namentlich in neuester Zeit." ״Ich danke Ihnen für Ihren freundlichen Besuch und für Ihre freundliche Erkundigung," entgcgnete der Nabbi, indem er ihn durch eine Handbcwcgung zum Sitzen auffordcrte. ״Mir geht cö Gottlob schon weit besser, nur mit dem Gehen will eS noch nicht gehen." ״Wird schon besser werden," tröstete Herr Wertheim, ״nur Geduld, lieber Nabbi, nur Geduld! — Und einstweilen," fügte er lachend hinzu, ״wenn Muhamcd nicht zum Berge kommt, kommt der Berg zu Mnhamed." ״Wir werden morgen weiter lernen," wandte sich der Rabbi an die beiden Knaben, die ihm gegenüber am Tische saßen. Die Kinder schlossen die vor ihnen aufgeschlagencn Folianten und entfernten sich grüßend. Der Bankier rückte seinen Sessel näher zum Sofa. ״Nun, mein lieber Rabbi, womit kann ich Ihnen dienen?" ״Ich nmß vor Allem sehr um Entschuldigung bitten, daß ich mir erlaubt habe, um Ihren gütigen Besuch zu bitten." ״Bitte, bitte, daS hat ja durchaus nichts auf sich. Sic wissen, wie gerne ich zu Ihnen komme, und daß einzig und allein meine zunehmende Augenschwäche die Schuld trügt, daß ich nicht mehr zum Lernen zu Ihnen komme. Diese Tage hatte ich jedoch wiederholt die Absicht, mich persönlich von Ihrem Befinden zu überzeugen, doch cs war mir in der That unmöglich, ich war zn sehr überhäuft, allzu sehr. Nun aber, bitte, sagen Sie mir geschwind, was Sie wünschen, und Sie werden sehen, wie sehr ich mich beeilen werde, Ihren Wunsch zu erfüllen. Es wäre mir heute sogar doppelt angenehm, Ihnen eine Freude bereiten zn können, denn auch nur steht noch heute eine große Freude bevor. Ich bin nämlich in Begriff, meine Tochter zu verloben." ״Ich habe davon gehört," siel Nabbi Haberman ein, ״und eben ans diesem Grunde habe ich mir erlaubt —" ״Ah so — hätte cs mir eigentlich denken können. Es ist ja ein schöner altjüdischer Brauch, freudige Familienercignissc als Veranlassung zur Uebung bc> sondcrer Wohlrhätigkcit zn nehmen. Also, mein lieber Nabbi, wollen Sic mir gefälligst sagen, zn was — oder meinethalben nennen Sie mir nur die Ziffer, die Art der Verwendung bleibt vollständig Ihnen überlassen." Der Nabbi gcricth ׳ in sichtliche Verlegenheit. ״Bitte um Entschuldigung, hier waltet ein Mißvcrstättdniß ob. — Nicht um einen Akt der Wohlthäligkeit handelt cs sich, sondern —" . ״Sondern?" wiederholte Herr Wcrtheim. ״Es ist einzig und allein in Ihrem eigenen Interesse, Herr Wert heim, und in dem Interesse Ihrer Familie, daß ich um Ihren Besuch gebeten habe." ״In meinem Interesse?" wiederholte der Bankier mit dem Ausdruck lebhaften Staunens. Unwillkürlich schob er seinen Sessel noch etwas näher und neigte sich vor. ״Also, mein lieber Nabbi — wenn ich bitten darf." Der Nabbi räusperte sich und begann: ״Ich werde mich so kurz als möglich fassen, trotzdem muß ich etwas weit ausholcn. — Bevor ich hierher übcrsicdeltc, hatte ich, wie Ihnen bekannt sein dürste, mein Domizil in B. ES mögen ungefähr sechsunddreißig Jahre sein, daß ich nach B.kam.