Mannheim
Compact Memory

Jeschurun · 1887-06-09 · Heft 23 (9.6.1887) · p. 360

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 23 (9.6.1887)
Article
Das schwarze Buch
Date
1887-06-09
Page
360 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2932754-2932755-2932778-2935468--25182-2935524
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

360 zu kommen, er müsse in einer hochwichtigen Angelegen-.! heit mit mir sprechen und wäre durch Unwohlsein ver-; hindert, mich anfzusuchcn. — Jetzt erinnere ich mich, gehört zu hoben, daß er schon seit inehrcrcn Tagen liegt. : — Hütte ihn eigentlich längst besuchen müssen — halte , aber diese ganze Zeit hindurch zu viel im Kopf. Daran bist auch nur Du Schuld, du kleine Hexe!" Er nickte ihr lächelnd zu, dann stand er rasch auf. ״Du mußt mich entschuldigen, liebes Kind, aber ich darf meinen alten Lehrer nicht vergebens auf mich warten lassen. — Die Sache hätte zwar vermnthlich wohl bis morgen Zeit — doch wer weiß, ob ich nicht morgen daran vergessen würde. — Also a revi<10rci!" Er griff nach Hut und Stock und verließ raschen Schrittes das Zimmer. Vermnlhlich war er auch froh, in dieser Weise in guter Manier die ihm peinlich werdende Unterredung mit seiner Tochter zu beenden. Henriette war gleichfalls aufgcstandcn; leise, kaum hörbar hatte sie den Gruß dcS Vaters erwidert, mit gesenktem Haupte und ineinander geschlungenen Händen begab sic sich langsamen Schrittes in ihr eigenes Zimmer. ״Gut, daß Du kommst, Henni!" ries Frau Mcierhof ihr entgegen, ״schau das Prachtbougnct, das Varon Arthur geschickt hat. Es sind wunderbar schöne Blumen. Diese Lilien! — diese weißen Diofcu! diese Orangcblüthcn und diese Maiglöckchen! — und Alles umgeben von dem tiefen Grün der Myrthen! — Die Zusammenstellung ist wunderbar schön! — Und dieser Duft! — dieser herrlich süße Duft! — Er hat Geschruack, daö maß inan sagen. — Und was sagst Du denn dazu, Hcnni?" DaS junge Mädchen zuckte die Achseln und würdigtc das in Wirklichkeit prachtvolle Bouquet keines Blickes. Wie ermüdet warf sie sich in eine Sosaecke. Die Tante blickte kopfschüttelnd zu ihr hinüber. ״Hcnni, mein Kind, ich bitte Dich um GotteSwillen! sei doch vernünftig. — Schau, Kind, wenn Jemand Ursache hat, vergnügt zu sein, so bist Du cS. Bist Du doch in! Begriffe, Dich mit einem braven, schönen, steinreichen jungen Mann zu verloben. Daß er Varon ist, darauf lege ich keinen so hohen Werth wie Dein Papa, aber daß er mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln bestrebt sein wird, jeden Wunsch von Dir zu erfüllen, davon bin ich fest überzeugt, — also, Kind, um des HinunelSwillcn, was verlangst Du mehr?" ״Ich habe mir immer gedacht," erwiderte Heurictte mit leiser, etwas belegter Stinnnc und ohne das gesenkte Haupt zu heben, ״ich habe mir immer gedacht, wenn ich mich einmal verhcirathcn würde, so würde ich zu meinem Gatten hinaufblickcn." Frau Mcierhof zuckte die Achseln. ״Mit dem Hinausblicken ist cS allerdings bei dem Varon nichts, denn Du bist ihm in jeder Beziehung überlegen. Und da er das weiß, so hat das auchsein Gutes. Du wirst daö Regiment führen, bei einem Millionär ist daS gar nicht zu verachten." Henriette fuhr sich mit der Hand über die Stirn, ein tiefer Seufzer cutrang sich ihrer Brust. ״Waö das nun wieder für ein Seufzer war! — LicbeS, gutes Kind, sei doch vernünftig! — Wenn Du nur ein Bischen mehr Erfahrung hättest, so würdest Du wissen, daß die wenigsten Mädchen Denjenigen heirathen, in den sie sich zuerst verliebt haben. ׳Und das hat auch gar nichts auf sich, denn die richtige Liebe, die kommt doch erst in der Ehe. ES ist das ja auch ganz natürlich, vorher haben die jungen Leute gar nicht die Gelegenheit, sich so genau kennen zu lernen. Und wenn sic sich in einander verlieben, weshalb ist'S? weil sie ein hübsches Lärvchen hat und er ein flotter Tänzer ist und den Schnurrbart elegant in die Höhe zwirbelt. Aber welchen Werth hat eine solche Liebe? die schwindet gewöhnlich nach de» ersten Flitterwochen." ״Der Meinung bin auch ich," entgegncte Heuricttc etwas lebhafter als bisher, ״darum lege auch ich der Liebe des Barouö für mich nicht den geringsten Werth bei." Frau Mcierhof zog die Stirn in Falten, sie war mit ihren eigenen Waffen geschlagen, daS ärgerte sie. ״Aber, liebes, gutcS Kind, in Deinem Falle ist daS doch etwas ganz Anderes, bei Deinen unleugbaren Vorzügen —" ״Bei meinem hübschen Lärvchen —״ ״Aergerc mich nicht, Kind. Deine Vorzüge bestehen nicht nur in Deiner allerdings seltenen Schönheit, sondern weit mehr noch in Deiner unvcrgleichliehen HcrzcnSgüte, in dem Adel Deines hochsircbcnden Geistes." ״Und darin hätte sich Varon Arthur ve> liebt?" ES lag ein unverkennbarer'Hohn in dem Tone, in dem daS junge Mädchen diese Worte sprach. Frau Mcierhof war in Wirklichkeit verdrießlich, sic war, wie sic eS für sich nannte, mit ihrem Latein z» Ende. Henriette aber fuhr fort. ״Liebe, gute Tante, ich weiß, Du meinst cS gut mit mir, Du niöchlcst mir scherzend hinweghetfen über all' das Schwere, das mir bevor steht, und meinst, hiuterdlern würde ich ,mich schon darein finden. — Vielleicht hast Du stecht — ich weiß eS nicht — aber —" fuhr sie mit leiser, b bendcr Stimme fort, ich glaube cS nicht.— Ja, wenn mein Herz frei wäre, dann hätte ich mich keinen Augenblick gesträubt, dem Wunsche meines VatcrS zu entsprechen. Denn wenn cS da drinnen leer ist, kann man jedwedes Bild dort ansstellcn, vorausgesetzt, daß cS keine Fratze ist." (Fortsetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.