Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1887)
- Article
- Das schwarze Buch
- Date
- 1887-06-02
- Page
- 344 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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344 ״Nun möchte ich Sie ober noch bitten, mir das Schreib-zeng Hcrznstcllcn." Auch das Schreibzeug war rasch zur Stelle, doch die Kräfte des Rekonvaleszenten reichten nicht so weit, wie er geglaubt. Die Feder, die er bereits in die Tinte getaucht hatte, versagte den Dienst. .,ES geht nicht." murmelte er nnmuthig. ..vielleicht deshalb nicht, weil cS' der Name eines Verwandten ist, heu ich hier cintragcn muß. — Hätte >daö nimmer geglaubt — nimmer —" Abermals versuchte er zu schreiben und abermals mißlang der Versuch. ״ES geht heute nicht. — Wollten Sic vielleicht die Güte haben, lieber Rnben, einige Zeilen für niich zu schreiben?" ״Mit Vergnügen," erwiderte der junge Mann, setzte sich an den Tisch und ergriff die Feder. Der Rabbi schob ihm das ansgcschlagene Buch hinüber, und indem er ihn! die Stelle bezeichncte, wo er schreiben sollte, diktirtc er. ״Elise B .. .geborene W .. ... Gattin des verstorbcnen Adolf B . .. . und Mutter eines KindeS, hat sich am 25. Juni 18.. mit ihren! Schwager Karl V .... verwählt. Die Trauung wurde von dem Nabbincr I)r. M . ... in der Hanptsynagoge der israelitischen Gemeinde zu N .... vollzogen." ״ES ist das ein trauriges Register," fuhr der Rabbi seufzend fort, ,.aber meiner Ansicht nach sollten derartige Register überall, wo Derartiges vorkommt, geführt werden. Da dieses jedoch leider nicht geschieht, habe ich mich verpflichtet gehalten, von überall her, von wo mir - Derartiges bekannt geworden ist, eS hier auszuzeichnen. Sehen Sie hier aus der ersten Seite alle mir bekannt gewordenen Namen von Personen, die eine nach dem jüdischen NeligionSgesetzc verbotene Ehe cingcgangen sind, wodurch die ans jenen Ehen entsprossenen Kinder Mamscrim werden. Ans den f01׳ gcnden Blättern finden Sie die mir bekannt gcwordenen Namen jener Kinder und aus den letzten Blättci'u die mir bekannt gewordenen Namen jener Kinder, an denen die Bcschncidung nicht vollzogen worden ist." Während der 'Rabbi sprach, blätterte Rüben nnwillkürlich in dem vor ihm liegenden Buche. ״Ich halte derartige Register," fuhr der 'Rabbi fort, ״überaus wünschenSwerth im Interesse der Reinheit der jüdischen Familien, sie müßten in jeder größtren Gemeinde geführt und von Zeit zu Zeit verössentlicht werden, namentlich die beiden ersten Nubriken, die — Ünt des HimmclSwillen! was ist Ihnen?" unterbrach er plötzlich sich selbst, als der junge Mann ihm gegenüber bleich und zitternd in seinem Sessel lehnte, kaum im Staude schien, sich aufrecht zu erhalten. ״Rüben! um GottcSwillcn! was ist Ihnen? — so reden Sie doch —״ und als ihm keine Antwort ward, griff er nach der Tischglocke, die in seiner Nähe stand, um .Hülse herbei zu rufen. Doch Rüben, zwar noch immer bleich und bebend, schien allmählich seine Fassung wieder zu erlangen. ״Nicht!" flüsterte er, indem er feine Hand ans die seines Lehrers legte, um ihn vom Schellen zurück zu halten, ״nicht! — bitte, nicht!" Der Rabbi blickte ängstlich besorgt in dnS noch immer zuckende Antlitz seines Schülers. ״Was haben Sie, Rüben? wollen Sie cS mir nicht sagen?" Der junge Mann neigte sich über das Buch, in das er auf Wunsch dcS Rabbis die erwähnte nngcsctzlichc Verbindung eingetragen hatte. Er hatte die erste Seite anfgcschlagen und indem er mit dein Finger ans einige Zeilen, die dort geschrieben waren, deutete, schob er das Buch seinem Lehrer zu. Dieser laS sic und blickte verwundert ans. ״Ich weiß nicht, was Sic meinen. Sind Ihnen vielleicht die Namen bekannt?" Der junge Mann neigte bejahend daö Haupt, zn sprechen vermochte er noch nicht. ״Sie müssen sieh zuvor erholen, dann aber thcilen Sic mir gefälligst mit, was Sie so sehr erschüttert hat." * ES war am folgenden Tage. In der Villa Wertheim herrschte regcS Leben, die Vcrtobiuig der Tächter dcS Hauses, die am Abend staltfinden sollte, sollte mit Pomp gefeiert werden. Schon seit mehreren Wochen wurden Vorbereitungen 31t dem Feste getroffen. Frau Mcicrhoj, die Alles anznordnen und zn überwachen hatte, sehnte den Abend herbei, nach dem sie doch ans verhältnißmäßige Ruhe hoffen konnte, denn sic fühlte sich bereits vollständig erschöpft. ״Henni, mein Kind, ich bitte Dich, mache keine solche Leichenbittermiene. Das ganze -HanS ist Dir zn Ehren in Galla, seit vierzehn Tagen habe ich gearbeitet von Morgens bis Abends, nur um Dein Fest zu verherrlichen und alle HanSlente haben unverdrossen ge- Holsen. Und Du, für die dieses Alles geschehen ist und geschieht, Du sitzest da und lassest das Köpfchen hängen." DaS junge Mädchen, an das diese Worte gerichtet waren, richtete sich langsam ans, wie cS schien, nicht ohne Anstrengung. ״'Roch einen Versuch will ich machen," sprach sic leise, ״den letzten." (Fortsetzung folgt.)