Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1887)
- Article
- Das schwarze Buch
- Date
- 1887-06-02
- Page
- 343 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Anwesenden blickten einander an mib keiner j antwortete. Derjenige, der den Namen B. . . . hier! erwähnt hatte, war ein Fremder, ihm war cs nicht bekannt, daß B .... ein naher Verwandter des Nabbi sei. Trotz ihrer differircndcn religiösen Anschauungen hatten die Verwandten bisher freundschaftlich mit einander verkehrt, was dem Nabbi non mancher Leite ernstlich verübelt worden war. Er aber hatte sich 11111 die Meinung der Welt wenig gekümmert, war cs ihm doch einzig und allein durch seinen Verkehr mit ihnen gelungen, seine Verwandten hin und wieder von allzu krassen Ausschreitungen znrückzn halten. Freilich, immer vermochte er dieses nicht. ״Wären die A .... s meine Söhne, sic dürsten meine Schwelle nimmer überschreiten, denn sonst könnte man glauben, daß ich ihre religiöse Leichtfertigkeit billige. Da sic jedoch nur meine Vettern sind, ich demnach nicht berechtigt bin, Gehorsam von ihnen zu fordern, so werde ich den srcnndschastlichcn Verkehr mit ihnen nicht brechen, sonst würde ich mich selbst jeder Gelegenheit berauben, sic hin und wieder von einem Unrecht znrückzuhalten." In jüngster Zeit jedoch war der Verkehr ein etwas gespannter. Der älteste B... . war nach kurzem Krankenlager gestorben und hatte eine Wittwc und ein Kind hintcrlasscn. Aus den! Sterbebette, so erzählte man, habe er seinem Bruder das Versprechen abgenommen, für seine Hinterbliebenen zu sorgen rcsp. seine Wittwe zu ehelichen und seinem Kinde Vater zu sein. Dem Einflüsse des Nabbi war es jedoch bisher geglückt, die verbotene Ehe zu hintcrtrciben. Seit einigen 'Wochen jedoch hatte sich der Juwelier B .. .. in ausfallender Weise von seinem religiösen Verwandten fern gehalten. An vcrwichenem Sabbath war er mit Lizenz der zuständigen Behörde einmal für dreimal aufgebotcn worden und Tags daraus von dem neologen Gemcindcrabbmcr mit seiner Schwägerin getraut worden. Niemand hatte bisher, gewagt, mit dem Nabbi davon zu reden, und erst als er seine Frage zum zweiten Male wiederholt hatte, ward ihm Antwort. Ein tiefer, schmerzlicher Seufzer entrang sich seiner Brust. ״Also doch! — Mein armer Großvater! — wer hätte das gedacht, daß deine llvcnfcl ausgeschlossen sein würden ans dem Verband der Gottesgemcinde." Mehrere der Anwesenden bemühten sich, die Unter- Haltung ans ein anderes Thema zu lenken, es wollte ihnen nicht gelingen; der Nabbi blieb wortkarg, schien das Alleinsein vorzuzichcn, seine Besucher entfernten sich daher bald. Nur eilt junger Mann war zurückgeblieben. Er saß am Fenster und starrte hinaus in die zunehmende Dämmerung. Er hatte an der vorhin so lebhaften Unterhaltung nicht Theil genommen, wußte vermuthlich , nicht einmal, um was sic sich gedreht, und halte schwerlich eine Ahnung, daß er sich ganz allein hei dem Lehrer befand. Auch der Nabbi starrte brütend vor sich nieder, auch er hatte nicht bemerkt, daß die Sonne vollends untergegangen war; erst als seine Tochter mit der brennenden Lampe und freundlichem Gruß in das Zimmer trat-, fuhr er auf wie ans tiefem Traum und blickte befremdet um sich. ״Guten Abend, mein liebes Kind! .- wie ist mir denn?" Er fuhr sich mit der Hand über die hohe gewölbte Stirn. ״War ich denn allein hier?" ״Die anderen Herren sind schon vor einer kleinen Weile fvrtgegangcn, nur Herr Nnben ist noch hier." ״Nubcn —" wiederholte der Nabbi und strich sich abermals mit der Hand über die Stirn. ״Rüben, lieber Freund, ich möchlc Sie um eine Gefälligkeit ersuchen." DaS junge Mädchen hatte sich bereits wieder entfernt, der junge Mann am Fenster erhob sich und trat langsamen Schrittes zu seinem Lehrer, der mit dem Ausdruck herzlicher Thcilnahmc zu ihm emporschaute. ״Sie sehen übel ans, mein lieber junger Freund. . Fühlen Sie sich unwohl?" ׳ ״Morgen Abend ist Verlobung," flüsterte Nubcn mit seltsam heiserer Stimme. Seine Brust schien mit Mühe sich zu heben, sein dnnkeles Auge leuchtete in fieberhafter Glnth. ״Di! sollst nicht gelüsten nach dem Weibe deines Nächsten! — Ich sage es mir fort und fort — und — und Er schlug beide Hände vors Gesicht und ächzte laut. ״Armer, armer junger Mann!" sagte der Nabbi im Tone herzlichen Mitgefühls. ״Aber Sie.-dürfen' nicht verzagen. Noch ist sie Keinem angetrant, noch haben Sie kein Verbot übertreten, und ich halte mich fest überzeugt, Sie werden es ninnner übertreten. Mit! Ihrem reinen, festen Willen wird cs Ihnen gelingen, sich selbst zn übcnvinden." Der junge Mann anlwortcte nicht, doch ein Seufzer, fast ein Aechzen entrang sich seiner Brust. ״Ehe ich vergesse — ich wollte Sic um Etwas ersuchen. Dürste ich Sic bitten, Nnben, jenes dünne schwarze Buch mir hcrnnterzngeben?" ״Dieses kleine hier, aus der zweiten Bücherreihe?" ״Nicht doch, jenes dünne, größere, das erste dein Fenster zu, in der obersten Reihe. Nichtig, da haben Sic es. Wollen Sie so gut sein?" Er streckte die Hand danach ans, der junge Mann reichte ihm das Verlangte.