Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1887)
- Article
- Der Krawall zu Preßburg
- Date
- 1887-06-02
- Page
- 338 (sequence 2)
- Language
- German
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338 Schauplätze dieser imposanten (Entfaltung der antisemitischen Machthcrrlichkeit erkoren, um es aller Welt kund und zu wissen zu geben, daß der Antisemitismus der Gebieter über die Massen des ungarischen Volkes ist und die in der Presse und dem Reichstage verkündete antiseniitische Doktrin als das Evangelium der magyarischen Nation zu gelten hat. Angesichts der bevorstehenden Ncichstagswahlcn erschien ein solches Zeugniß von doppeltem Werthc: den Freunden zur Aneiferung, den Feinden zur Einschüchterung. Alles war sorgfältig vorbereitet worden und der 26. Mai zur Ausführung des Verbrechens bestimmt. An der Ecke der Wallonen- und Palffygasse der zu Prcßburg gehörigen Vorstadt Blumenthal betreibt ein Jude Namens Iellinck eine Viktualien- Handlung. In dessen Dienste befand sich die Magd Antonie Bukicz, welche von ihm an einem der letzten Tage entlassen worden war. An diese einfache nnbedeutende Thatsache knüpften die hinter den Kulissen verborgen schaffenden FaiscurS au, um das Bubenstück in Szene zu setzen. Ucbcrall wurde das Gerücht verbreitet, Iellinck habe die Bukicz in den Keller gelockt und daselbst Anstalten getroffen, sie regelrecht zu schachten. Er habe dazu einige Gehülfen gehabt, richtige Schächter mit langen Bärten und gehörigen Schächtmesscrn versehen. Das Mädchen sei von diesen schon zu Boden geworfen worden, und der eine der Schächter habe bereits das große Messer gezückt gehabt, nm den Hals zu durchschnciden, als c§ dem Mädchen gelungen sei, sich loszurcißen und zu entfliehen. So und in verschiedenen Variationen ging die schreckliche Mähr von Munde zu Munde. Alle Klatschbasen sprachen davon, in allen Schenken wurde darüber verhandelt. Vor dem Hause des Iellinck rottete sich ein großer Menschenhaufen zusammen, welcher sich in den furchtbarsten Drohungen erging. Die Gemüthcr erhitzten sich immer mehr, und die Menschenmenge schwoll immer größer an. Sic belief sich um die achte Abendstunde auf etwa zweitausend. Von den: Lärmen, Schelten und Drohen ging man jetzt zur That über. Das Hans wurde mit Steinen bombardirt. Klirrend sielen die Fensterscheiben zu Boden: die Kalkbekleidung der Mauern ward gelockert und das Holzwerk arg beschädigt. Die beiden sich einander gegenüber liegenden Häuser des Iellinck (Nr. 4 und Nr. 2) wurden auf diese Weise unter Hellem Gejohle bearbeitet. . Da rückte eine Schaar Polizisten unter Leitung des Stadthauptmaun-Stcllvertreters Kutschern heran und wurde mit einem Steinhagel von der tobenden Menge empfangen. Trotzdem suchten die Beamten kräftig ciuzugreiscn und einige E;.׳;cdcnten zu sistircn. Unter lautem Hurrah wurden die Gefangenen befreit. Man sah Messer blinken, die Polizeimänner wurden damit attackirt; selbst der mnthigc Inspektor Schwingen׳ schlüget erhielt einen Stich in die Hüfte. Herr Kutscher« erkannte die Unmöglichkeit, mit seinen Leuten den Tumult, welcher einen so ernsten Charakter angenommen hatte, zu bewältigen. Er sandte einen seiner Leute in die zunächst gelegene Spitalskascrne und wollte sich selbst zur Kadettenschule be< geben, um Militär zu requiriren. Man ließ ihn jedoch nicht durch und wagte sogar, ihn zu bedrohen. Auf einem Umwege gelangte er zur Kadcttenschule. Als er mit dm Kadetten wieder zur Stelle ankam, cröfsneten die Tnmnltantcn ein Bombardement mit Steinen aus die Truppe und ergingen sich in lauter Verhöhnung .derselben. Es war ein Glück, daß säst gleichzeitig eine größere Militärabtheilnng im Laufschritt heranrückte. Die Wnth des Pöbels wurde durch den Anblick der Soldaten aufs Aenßerste hcransgefordert. Er warf sich ans das Haus und suchte cs vollends zu dcmoliren. Dem Militär wurde Widerstand entgegengesetzt. Doch ward dieser endlich überwältigt. Die Menge wurde mit blanker Waffe auseinander getrieben; mehrere Ver- Haftungen wurden vorgenommen. In der zwölften Stunde war endlich die Ruhe wieder hergestcllt. Und die Magd Antonia Bukicz? Nun, die bcfand sich im Hause ihres neuen Dienstherrn, eines christlichen Bürgers. Wenn auch dieses von dem Antisemitismus ins Werk gesetzte Verbrechen nicht dazu geführt hat, Inden« Mut fließen zu lassen, so hat cs doch den großen Erfolg gehabt, daß das aberwitzige Märchen des jüdischen Blutdurstes aufgefrischt und die Macht des Antisemitismus entfaltet worden ist. Einer der curairtcflgcu und schlauesten ungarischen Antiscmitcnhänptlinge, Ivan v. Simonyi, der Redakteur dcS berüchtigten zu Prcßburg erscheinenden Hetzblattes ״Westungarischer Grcnzbotc", hat die Verwegenheit, für dieses antisemitische Verbrechen die Juden verantwortlich machen zu wollen, als ob sic dasselbe selbst angcstistct haben könnten. Er schreibt in einer Extranummcr seines Blattes von! 27. Mai sotgcudermaßcn: ״Man vergesse nicht, daß cS Zeiten geben wird, in welchen die Inden selbst solche Krawalle durch bezahlte Agenten anstiftcn werden. Nachdem die Juden nichts so sehr fürchten als ein Blatt, wie der ״Grcnzbote," daö auf dem Boden des Gesetzes und in unparteiischer Weise ihr Thun und Lassen kritisirt, so liegt es nur in ihrem Interesse, Krawalle selbst hervorznrufcn. Bei den Krawallen ist außer einigen cingcschtagenen Fensterscheiben nicht viel geschehen; allein, wie immer bei solchen Gelegenheiten, übertreibt das Gerücht. Die Aufregung, vielleicht auch die Furcht ist viel ärger als die Sache selbst, und die Inden haben eine erwünschte י Gelegenheit, zu Jenen zu laufen, die den Juden nur