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Jeschurun · 1887-05-26 · Heft 21 (26.5.1887) · p. 328

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Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 21 (26.5.1887)
Article
Das schwarze Buch
Date
1887-05-26
Page
328 (sequence 3)
Language
German
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328 um den Gast nach dem Wunsche Deines Vaters zu empfangen." Henriette athmcte schwer auf, doch sie entsprach der Ausfordcrnng ihrer Tante und begab sich mit dieser in ihr Zimmer. ES war am Abend. In dem prächtig erleucht telcn, mit höchster Eleganz anögcstattcten Salon befand sich die Familie Wcrtheim mit ihren Gästen, den beiden Freiherren von Fclscnsteiu. Herr Wcrtheim befand sich in freudigster Erregung, sah er sich doch nahezu am Ziel seines langiährigcn StrcbcnS. Zwar hatte er einst für sich selbst die freihcrrliche Krone erhofft, doch als diese Hoffnung für ihn gescheitert, hatte er sic auf seine Tochter übertragen; was ihm für seine Person nicht gelungen war, an seiner Tochter hoffte er cs zu erleben, wie das so Prächtig klingen würde: meine Tochter, die Fran von Baronin Felsenstein! — Unwillkürlich blickte er herüber zu Henriette, die, zwar in hocheleganter Toilette, doch bleich und einsilbig und trotzdem von unendlichem Liebreiz mnflossen, in ihrem Sessel lehnte. Sie hatte die Hände in einander gefaltet und starrte träumerisch vor sich nieder. Ihr zur Seite hielt sich der jüngere Felsenstein, Baron Arthur.׳ Er war ein aufrichtiger, gntmüthiger junger Manu von nicht unangenehmem Aeußern mit leicht entzündlichem Herzen. Die seltene Schönheit der jungen Dame, die ihm von ihren beiderseitigen Vätern zur Gattin bestimmt war, hatte, wie mit elementarer Gewalt die heftigste LiebeSgluth in ihm cntflannnt. Doch vergebens hatte er sich bemüht, sie in ein Gespräch zu ziehen; einzelne kurze Antworten waren Alles, was er bisher erzielt. Eben erzählte der ältere Freiherr von Felsenstein in würdevoller Ausführlichkeit, unter welchen llmstünden eS ihm gelungen war, den Adel zu erlangen. In achtungsvoller Aufmerksamkeit lauschten die Anwesenden. Da warf Henriette plötzlich das schöne Köpfchen zurück und weit lauter, als sie bisher gesprochen, sagte sic: ״Ich würde in dieser Standeserhöhung keinen Vorthcil erblicken, im Gegcnthcil, ich möchte lieber daö Haupt des Fuchses sein als der Schweif des Löwen." ״Hcnni!" rief ihr Later in strafenden: Ton." Baron Arthur aber neigte sich zu ihr. ״Mir aus der Seele gesprochen, liebes Fräulein, auch ich wurde meinen srcihcrlichcn Titel leichten Herzens für ein Gericht Linsen verkaufen." Sie blickte ihn betroffen an, ihm aus der Seele hatte sie nicht sprechen wollen — in: Gcgentheil. — Er aber fuhr erläuternd fort. ״Nie suhle ich mich, unbehaglicher, als in einem Kreis von Adeligen, mit dem Bewußtsein, unter ihnen der Letzte zu sein, und nie fühle ich mich behaglicher, als unter Bürgerlichen, unter denen ich mich zu den Ersten zählen darf. Les beaux esprits sc rencontrent", fuhr er im Flüsterton fort, ״und ich hoffe mit Zuverficht, daß nicht nur unsere Geister, sondern daß sich auch unsere Herzen begegnen werden." (Fortsetzung folgt.) Eingesandt. Memel, im Mai 1887. Thcure Glaubensgenosse»! Unsere NntcrstützungSkasse ist völlig leer. Das ist sehr schlimm in Anbetracht einer nach Hundcrttausendcn zählenden, in den russischen Grenzstädten lebenden jüdischeu Bevölkerung, die im größten Elend schmachtet, die ewig gehetzt, verfolgt, vergewaltigt wird, und bei welcher daö allen Besitz ersatzloS vernichtende Brand- Unglück an. der Tagesordnung ist. Die Auswanderung scheint im Laufe des Sommers große Ausdehnung annehmen zu wollen. Die große Masse der armen Aus- Wanderer zu stützen und zu fördern ist kaum möglich. Nur eine Klasse derselben, die zahlreichen Frauen und Kinder, die in ganz unbeschreiblicher Armseligkeit und Abgehärmthcit hier anlaugcn und zu den vorausgegangenen Männern und Vätern meist nach England und Amerika reisen wollen, zu unterstützen, wäre nnabweisbave Pflicht. Wer ein Herz hat, dieses Elend der armen Glaubens- und StammcSgenossen nachzuempsindcu, der wende uns entsprechende Liebesgaben zu, damit wir diesem Elende einigermaßen abhclfcu können. ES wäre wünschcnSwerth, daß überall Vereine zum Zwecke solcher llnterstützungcn, von hochherzigen Männern gegründet und geleitet, sich bilden möchten. Zunächst jedoch bitten wir so innig als dringlich, unS recht viele Spenden für unsere UnterstützungSkasse zukommen zn lassen. Auch die kleinste Gabe kann zu einem NcttungSwcrke sich gestatten. Das ständige HülsSkomitee für die Nothstände russischer Israeliten zu Memel. Rabbiner 01׳. I. Rüls. S. Bloch. N. MargulieS. Leiser Lewy. L. Hille!sohn. 3. M. Schapiro. Die für das Komitee bestimmten Gaben nimmt entgegen und bescheinigt deren Empfang Rabbiner Di׳. I. Rülf. ES sind noch fünf bis sechs Familien hier und in der Umgegend, welche den AuSweisnngStermin mit allen möglichen Mitteln hinanSzuschieben gewußt haben. Wie man hört, sollen diese jetzt das Land zn verlassen c^cfulioifd) gezwungen werden. Es sind arme Menschen, zn deren llnterstützung und Fortschasstmg noch mindestens 1000 J£ erforderlich sind. Es wäre schrecklich, wenn diese Menschen ohne Hülfe bleiben sollten.

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