Jeschurun
- Journal
- Jeschurun
- Volume
- 20 (1887)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1887)
- Article
- Das schwarze Buch
- Date
- 1887-05-26
- Page
- 327 (sequence 2)
- Language
- German
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Schmerz zu überwinden, und Deinem Papa die volle Be recht ig urig zuzucrkcimcn, sich aufs Neue eine Lebensgcfährtin zu wählen." ..Papa wird sich nicht über mich zu beklagen haben," murmelte das junge Mädchen, nach Fassung ringend, ״so schwer cS mir auch werden mag, ich werde seine Gattin als Mutter ehren." ״Du bist ein braves Kind," sagte Frau Mcicrhosf freundlich, ״das weiß auch Dein Papa. Aber er fürchtet trotzdem. Du könntest mit der jungen Dame, die er hcimzuführcn gedenkt, nicht in jeder Beziehung harmonircn. cS könnten Streitigkeiten unter euch entstehen, die den Frieden seines Hauses gefährden könnten. — Denn eilt unnatürliches Verhältnis; wäre cö immerhin, wenn Mutter nnd Tochter in gleichem Alter. Sic wäre berechtigt, Gehorsam von Dir zu verlangen, Du könntest hin und wieder Dich berechtigt halten, einen unvernünftigen Befehl der Ncnnzchujährigen den Gehorsam zu verweigern. Dem will Dein Papa vorbeugen nnd daher will er vor Allem Dich einem wackern Manne vermählt sehen, bevor er selbst sich einer Andern vermählt." ״Papa könnte unbesorgt sein, ich werde blindlings jeder Anordnung seiner Gattin mich fügen, cs wären keinerlei Streitigkeiten zu besorgen. — Sage ihm das, liebe Tante, ich bitte Dich — mir sott er null) nicht vcrhcirathen wollen." ״Ich versichere Dich, licbcS Kind, ich habe in dieser Richtung meine Beredsamkeit bereits erschöpft nnd, offen gestanden, ich kann Deinem Papa nicht ganz unrecht geben. Du selbst würdest daS zugestehen, wenn Dir nicht der Buchhalter in dem Trotzköpfchcu läge. Aber, Kind, Kind, den mußt Du Dir aus dem Sinn schlagen. Du kcmist Doch Deinen Papa." ״Wenn meine gute, liebe Mama noch bei uns wäre — dann — daun — ich weiß cS bestimmt, Mama hat Leo lieb gehabt — wenn er ihr eigener Sohn gewesen wäre, sie hätte ihn nicht lieber haben können." ״WaS war denn das, worauf Dein Papa vorhin anspicltc? bei welcher Gelegenheit hat er Dich aus einer Gefahr gerettet?" ״Er hat mir das Leben gerettet," versicherte Henricttc lebhaft, ״v, wie oft hat Mama davon gesprochcn 1111b mit ist cS auch noch so lebhaft in Erinnernng. als wäre cS gestern geschehen. Aber cS ist schon sehr, sehr lange her, zehn oder elf Jahre, ich war noch ein Kind. — Wir wohnten damals im Sommer in der Nähe des Bahnhofes. Unsere Equipage stand vor der Thür, Mama wollte anSsahren; cS war in den Mitteltagcn des PcßachfcstcS. Ich spielte vor dem Hause, in der einen Hand hielt ich meine Puppe, in der andern ein großes Stück ungesäuerten Brodcs. Da kamen einige Gassenbuben daher. Einer von ihnen, er war kaum größer als ich, aber er hatte eine brm. uendc Zigarette im Munde. Er kam auf mich zu, nahm die Zigarette in die Hand und reckte die Zunge mir entgegen und rief daun höhnend: Jude! Jude! magst du Speck? — In kindischem Unverstand, erregt über diese Neckerei, erwiderte ich gleichfalls höhnend: Christ! Christ! Verfluchte Jndcndirne! rief der Bube und hob seinen Stecken, als wollte er mich schlagen; ich aber sprang behende in den Wagen. Da lachten die Buben hell auf und — so berichtete später Josef, unser Kutscher — der mit der Zigarette lief dicht zu den Pferden und hielt ihnen die brennende Zigarette vor die Nüstern. Da bäumten sich die armen Thicre, und in wildem Gallvpp zagten sie dahin. Ja) schrie um Hülfe, der Kutscher cbcnsallS, aber cs war Niemand in der Nähe, der die rasenden Thicre hätte zum Stehen bringen können, bis endlich ein Knabe ihnen in die Zügel siel, sich eine Strecke weit von ihnen schleifen ließ und sie so mit Gefahr des eigenen Lebens in ihrem rasenden Lauf curshiclt. — Dieser Knabe war Leo Rüben. — Mit Blut bedeckt, dem Anscheine nach leblos, ward er in unser HauS gebracht, wo er unter Mamas Pflege allmähtich wieder zu Bewußtsein kam. O, wie oft hat Mama zu mir gesagt, daß ich cS nie vergessen dürfte, daß ich Leoö heldenhaftem Opfcrnmth mein Leben verdanke. — £>, Mama hat ihn sehr lieb gehabt — und er sie auch, daö weiß ich gewiß — und ich weiß gewiß, wenn Mama heute bei uns wäre —" ״So würde sie vielleicht Deinem Papa Zureden, die Heldcnthat dcö Knaben dem Manne zu vergelten. DaS ist möglich, liebes Kind, das will ich nicht in j Abrede stellen. — Was ich aber entschieden bezweifle, bezweifeln muß, daö ist, daß Dein Papa den eventuellen diesbezüglichen Intentionen Deiner Mama entsprochen hätte. — Mein liebcö Kind, in dieser Beziehung darfst Du Dich keinen Jttnsionen hingebcn. Dein Papa will! einen Baron zum Schwiegersohn, aber keinen Buch- Halter, und Du weißt, Dein Papa hat einen ciscrnci! Willen, waö er will, daö setzt er durch." Henriette ließ das Köpfchen hängen. ״Aber wenn ich dem Baron nicht gefallen würde'?" ״Dann könnte Dich Dein Papa allerdings nicht j zur Hcirath mit ihm zwingen. — Aber für wahr-; schcinlich halte ich cS nicht, daß Du dem Baron mißfallen wirst." ״O, warum nicht? — ich werde mein Möglichstes thun, ihn gegen mich cinzimchmcn. Du wirst sehen, Tante, ich werde so widerwärtig gegen ihn sei« —״ ״Schöne Vorsätze das," seufzte Frau Meierhosf, ״doch waö Du auch planen magst, liebes Kind, vorläufig mußt Du Dich um Deine Toilette kümmern,