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Jeschurun · 1887-05-19 · Heft 20 (19.5.1887) · p. 312

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jeschurun
Volume
20 (1887)
Issue
Heft 20 (19.5.1887)
Article
Das schwarze Buch
Date
1887-05-19
Page
312 (sequence 2)
Language
German
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״Was ist Dir, Kind?" forschte Frau Meierhof besorgt, ״fühlst Du Dich nicht wohl?" Diese im zärtlichsten Ton gestellte Frage brachte daS junge Mädchen um den letzten Rest ihrer Fassung; sie brach in ein konvulsivisches Schluchzen aus, und indem sie ihre Arme um den Hals der Taute schlang, barg sie das Lhräncnübcrfluthcte Antlitz an deren Busen. Frau Mcicrhof war ernstlich erschreckt; indem sie daS weinende Mädchen au sich druckte, wiederholte sic ihre Frage noch ängstlicher, noch zärtlicher. ״Liebes, gutes Kind, sage mir, waö Dir ist, ich bitte dringend." Aber cS währte geraume Zeit, bevor das hcstig erregte Mädchen dieser Bitte entsprechen konnte. ״Hilf mir!" stammelte sie endlich, ״liebe Tante, hilf mir!" ״Wie gern nröchte ich Dir Helsen, Kind. Aber Du mußt mir vor Allem sagen, in welcher Beziehung Du meine Hülfe wünschest. — Komm, Kind, trockene Deine Thrünen und sage mir ruhig und einfach, was ich für Dich thun könnte. — Du kennst mich und weißt daher, wie gern ich Dir helfen möchte. Also? —״ Henriette rang sichtlich nach Fassung. ״Du kannst mir helfen, Tante," stammelte sie endlich, ״nnr Du allein — beim Papa legt so hohen Werth auf daS,- waS Du sagst." Frau Meierhof unterdrückte einen Seufzer. ״Nicht in jeder Bczichung, Kind, nicht in jeder -״-■־ ״Doch, Tante, doch," flüsterte Henriette, ״was Du sagst, thnt Papa." ״Und was wünschest Du, daß ich sage?" ״Daß ich den adeligen Narren nicht mag," entgegnete Henriette in steigender Erregung, ״und daß ich ihn nicht will!" fügte sie entschieden hinzu, ״uein, ganz gewiß, ich will ihn nicht!" ״Aber liebes, gutcö Kind! — ich bitte Dich umS HimmclSwillen! — waS hast Du gegen Herrn von Felseustein? — Du kennst ihn dock nicht einmal." ״Ich will ihn auch nicht kennen lernen!" rief das junge Mädchen heftig, indem sie mit dem schmalen Füßchen fest auftrat, ״nein, ich will'S nicht!" ״Aber, liebcS Kind, daS ist doch der pure Unsinn. Wenn Dein Papa Dir einen Gast znführt,.so kannst Du Dich doch nicht weigern, denselben zu cmpscmgcu." Henriette schien diese wohlgemeinten Worte nicht zu hören, sie hatte die Finger der rechten Hand gegen die Stirn gepreßt, als suche sie sich, an etwas zu er- Innern; plötzlich hob sie den Kopf und fuhr -sich mit der Hand über die Stirn. ״Jetzt verstehe ich McS! —jetzt ist mir Alles klar!" ״Was verstehst Du? — was ist Dir klar?" forschte Frau Meierhos. . ׳. . . ״O, nichts —" versetzte das junge Mädchen erröthciid. ״Das heißt — ich meine nur —״ ״Was wolltest Du sagen, Kind? Wenn Du willst, daß ich Dir helfen soll, so mußt Du vor Allem aufrichtig gegen mich sein. — Also, waS ist Dir jetzt klar?" ״Ucber was Papa gestern mit Leo gesprochen hat," flüsterte Henriette, während ihre Blicke aufs Neue den Fußboden suchten, ״er war so bleich, als er fortging, so furchtbar bleich." ״Wer war bleich, Dein Papa oder der junge Nuben?" ״Leo war so furchtbar bleich, und an mir ist er vorübergegangen, ohne mich zu scheu." ״Vermuthlich suhlte er sich durch Dein übermüthigeS Spiel doch verletzt." ״Ach nein, nein, aus dergleichen macht er sich nichts — im Gegentheil. — Aber Papa wird ihm etwas gesagt haben von — von —" ״Von was, Kind? — Ich verstehe Dich nicht, Du mußt deutlicher zu mir reden." ״Ich weiß ja nichts — aber ich denke eö mir. — Papa wird ihm davon gesagt haben, daß, daß — nun — daß ich mich verloben soll." ״Und deshalb sollte der junge Mann so furchtbar bleich gewesen sein?" ״Ich dachte cö mir nur," stammelte das junge Mädchen. ״Hat er Dir denn je Veranlassung gegeben, zu wähnen, daß die Nachricht von Deiner bevorstehenden Verlobung ihn erschüttern könnte?" forschte die Tante, und cS lag eine ungewohnte Strenge in ihrem Ton. ״Nein! — 0 nein!—" flüsterte Henriette. ״Nie hat er Derartiges zu mir gesprochen. ־-- Aber — aber —" rief sie, von Neuem in Thräncn auSbrechcnd, ״hilf mir! Tante Marianne! — hilf mir!" ״Mein armcö Kind!" sagte Frau Mcicrhof, indem sie das weinende Mädchen sanft an sich drückte, ״wenn ich Dich recht verstehe, so sehe ich in der That nicht, wie ich Dir Helsen kann. — Deine Verbindung mit Herrn von Felseustein ist eine lang gehegte Lieblingsidee Deines PapaS, für deren Ncalisirung er bedeutende Opfer zu bringen gewillt ist. — Und selbst abgesehen davon, glaube ich nicht, daß cö Dir gelingen würde, die Einwilligung Deines Vaters zu Dcincr Verbindung mit seinem Buchhalter zu erlangen." (Fortsetzung folgt.)

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